Konstruierte Identität hinter kitschigen Steinfassaden

14. Dezember 2015, 08:01
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Efrat Shvili spielt in der Camera Austria in der Schau "The Jerusalem Experience" mit Sein und Schein

Graz – Monumental sticht der steinerne Tempel aus dem blitzblauen Himmel heraus. Das Bild von dem glatten, patinalosen Prachtbau nimmt die ganze Breitseite des Ausstellungsraums der Camera Austria ein. Trotzdem kann man nur erahnen, wie überdimensioniert er im Inneren ist.

Ein Tempel in Brasilien

Wo er steht? Da schmunzelt die israelische Fotokünstlerin Efrat Shvili und antwortet nicht sofort. Schließlich heißt die Ausstellung in Graz The Jerusalem Experience. Doch der Tempel steht in São Paulo. Und es ist kein Tempel, sondern eine Kirche, ein Gotteshaus der neocharismatischen Kirche der Pfingstbewegung, die sich 2014 einen 55 Meter hohen Protzbau in ein Areal der Größe mehrerer Fußballfelder in eine Gegend, wo arme Bevölkerung lebt, baute. "Sie nennen es den Tempel Salomons", führt Shvili aus, "aber eigentlich ist es der Tempel des Herodes und eigentlich eine Kirche, vielleicht sind sie ja ein bisschen verwirrt." Verwirren will sie selbst die Betrachter ihrer Bilder übrigens auch. Auf weiteren kleineren Bildern, die Shvili selbst gemacht oder aus dem Internet zusammengetragen hat, erfährt man, was alles im Pseudotempel ist, für dessen äußere Schicht man Steine von Israel nach Brasilien bringen ließ: ein Taufbecken, das an ein Hallenbad erinnert, Klassenräume, ein Radiosender, eine Tiefgarage für tausend Autos. "Viele Dinge, die in einer Synagoge gar nicht erlaubt wären", sagt Shvili.

Doch sie konzentriert sich vor allem auf Fassaden – wie schon in anderen Arbeiten, die sie in der Gruppenausstellung Uncovering History der Camera Austria zeigte. Damals waren es scheinbar naturverliebte Nahaufnahmen eines Waldes, der in Wahrheit Territoriumsgrenze ist. Shvili thematisiert seit Jahrzehnten soziopolitische Prozesse, immer wieder auch den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern.

In der Schau The Jerusalem Experience, die sie mit Camera-Austria-Leiter Reinhard Braun, zusammenstellte, geht es Efrat Shvili um "Fassaden, die einem sagen, was man zu sehen und was man zu denken hat", erklärt sie beim Rundgang durch die Schau, die Freitagabend eröffnet wurde.

Der Tempel Salomons ist für ein solches Unterfangen eine Fundgrube: Die Kirche betont die jüdischen Wurzeln ihres Glaubens und konstruiert ihr eigenes Israel. Das Resultat erinnert an eine Mischung aus Disney-Themenpark und Sportstadium. Echtes Gold und Plastik, Archäologie und Replika sind nicht mehr unterscheidbar. Shvili nimmt aber auch die Konstruktion von Identität unter die Lupe, die von Gruppierungen in Jerusalem betrieben wird, die den dritten Tempel am Tempelberg errichten wollen – ein konfliktgeladenes Thema.

In einer großen begehbaren Videoinstallation, die Shvili scherzhaft "the Temple of Graz" nennt, wird aus Bruchstücken die – oder eben eine – Geschichte Israels erzählt. Unkommentierte Aufnahmen aus den nächtlichen Straßen Jerusalems, Ausschnitte aus Dokumentationen aus São Paulo. Eine spannende halbe Stunde Bilderflut, in der Schein und Sein oft ineinanderfließen. (Colette M. Schmidt, 14.12.2015)

Bis 21. 2.

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Camera Austria

  • Das ist nicht in Israel: eine Kirche in Brasilien, groß wie ein Stadion.
    foto: efrat shvili / sommer contemporary art, tel aviv

    Das ist nicht in Israel: eine Kirche in Brasilien, groß wie ein Stadion.

  • Temple of Solomon, São Paulo.
    foto: efrat shvili / sommer contemporary art, tel aviv

    Temple of Solomon, São Paulo.

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