Immer mehr private Anbieter wollen im All Geld verdienen

3. Jänner 2016, 17:31
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Riesengeschäft: Raumfahrt könnte in Zukunft Rückgänge in der Rüstungsindustrie ausgleichen, glauben Experten

Toulouse/Washington – Viereinhalb Jahrzehnte nachdem der erste Menschen seinen Fuß auf den Mond gesetzt hat, bekommt die staatlich dominierte Raumfahrtbranche zunehmend private Konkurrenz. Anfang 2016 wollen die USA entscheiden, wen sie mit Versorgungsflügen zur Raumstation ISS beauftragen.

Auch sonst wird die Raumfahrt kommerzieller: Vom jungen Raumfahrtunternehmen SpaceX bis hin zu Amazon-Chef Jeff Bezos mischen neue Spieler in einem Geschäft mit, das zuletzt einige Fehlschläge verkraften musste.

Nicht zuletzt die engen Budgets von Raumfahrtnationen wie den USA und Russland treiben die Kommerzialisierung der Raumfahrt voran. Weltweit dürften die staatlichen Raumfahrt-Investitionen in den nächsten Jahren im Schnitt zwar um gut zwei Prozent wachsen und im Jahr 2024 gut 81 Milliarden US-Dollar (73,97 Mrd. Euro) erreichen, schätzt Steve Bochinger vom Branchendienst Euroconsult. Allzu große Sprünge dürften damit aber nicht drin sein – es sei denn, man findet günstige und trotzdem zuverlässige Anbieter.

Rennen um Transporte zur ISS

Gleich drei Privatunternehmen liefern sich ein Rennen um die Versorgungsflüge zur ISS: SpaceX, Orbital ATK und Sierra Nevada. Dem Gewinner winkt ein 3,5 Milliarden Dollar schwerer Sieben-Jahres-Vertrag der US-Raumfahrtbehörde NASA. Doch die Flüge zur ISS standen zuletzt unter keinem guten Stern. Im Oktober 2014 explodierte Orbitals "Cygnus"-Frachter beim Start. Ende April 2015 verglühte ein russischer "Progress"-Transporter in der Atmosphäre. Im Juni zerbrach ein "Dragon"-Frachter von SpaceX auf dem Weg zur ISS, als die Trägerrakete explodierte. Anfang Dezember hob ein "Cygnus"-Frachter dann einwandfrei ab.

Der neue Wettbewerb geht auch an den Etablierten der Branche nicht spurlos vorüber. Wenn die NASA im nächsten Schritt die ISS-Flüge für Astronauten vergibt, sehen sich der bisherige Raumfahrt-Weltmarktführer Lockheed Martin und sein Partner Boeing dem aufstrebenden Rivalen SpaceX gegenüber. Dessen Chef Elon Musk, der bereits mit den Elektroautos seines Unternehmens Tesla Furore macht, hat sich für die ferne Zukunft nichts Geringeres als einen Flug zum Mars zum Ziel gesetzt.

Unterdessen setzt Musks Drang ins All in Europa neue Kräfte frei. Im August erteilte die europäische Raumfahrtagentur ESA den Auftrag für die neue Generation der Trägerrakete Ariane. Denn längst befördert SpaceX mit seiner selbst entwickelten Rakete Falcon 9 Satelliten ins All – und das deutlich billiger als die aktuelle Ariane 5. Die neue Ariane 6 soll je nach Version einen oder zwei Satelliten ins All befördern können – und bei den Preisen der Konkurrenz mithalten. Zudem übernehmen Airbus und der französische Safran-Konzern die Mehrheit an dem Betreiber Arianespace – und wollen Betrieb und Vermarktung effizienter hinbekommen als bislang.

Rentables Satellitengeschäft

Es geht um ein Riesengeschäft. Euroconsult-Expertin Rachel Villain schätzt, dass bis 2024 weltweit 1.400 neue Satelliten mit mindestens 50 Kilogramm den Weg in den Orbit finden. Der Branche winkten Bau- und Transportaufträge im Wert von 255 Milliarden Dollar, davon drei Viertel aus staatlicher Hand. Während die Rüstungssparten großer Luft- und Raumfahrtunternehmen unter den knappen Staatsbudgets leiden, verspricht die Raumfahrt einen Teil der Einbrüche aufzufangen. Bei Airbus retteten die Aussichten jüngst 1.000 schon so gut wie gestrichene Jobs.

Die Erwartungen an das Satellitengeschäft dürften zu tief gegriffen sein, wenn zwei private Projekte Realität werden. So will das Projekt OneWeb mit 720 kühlschrankgroßen Satelliten schnelles Internet auch in entlegene Winkel der Welt bringen. Dahinter stehen neben Gründer Greg Wyler auch der britische Unternehmer und Abenteurer Richard Branson, der Smartphone-Chiphersteller Qualcomm und der Airbus-Konzern. Dieser will dafür eigens eine Satelliten-Serienfertigung aufbauen – ein Novum in der von Einzelkonstruktionen geprägten Branche. SpaceX-Gründer Musk arbeitet mit Unterstützung von Google an einem ähnlichen Internet-Projekt aus 4.000 Satelliten.

Und dann gibt es noch den Traum vom Weltraum-Tourismus. Neben Richard Bransons Raumschiff-Unternehmen Virgin Galactic, das mit einem Absturz 2014 einen schweren Rückschlag erlitt, arbeiten Elon Musk und Amazon-Chef Jeff Bezos mit seinem Unternehmen Blue Origin an Konzepten mit wiederverwendbaren Trägerraketen. Bis Weltraum-Reisen für reiche Touristen Realität werden, dürfte es aber noch einige Jahre dauern. (APA, red, 3. 2. 2016)

  • Elon Musk vor dem Raumschiff Dragon V2, das als Weiterentwicklung des Frachttransporters Dragon frühestens ab 2017 wieder Astronauten von US-amerikanischem Boden aus ins All bringen soll.
    foto: spacex

    Elon Musk vor dem Raumschiff Dragon V2, das als Weiterentwicklung des Frachttransporters Dragon frühestens ab 2017 wieder Astronauten von US-amerikanischem Boden aus ins All bringen soll.

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