Umfrage: Für viele gehört Arbeit in der Freizeit dazu

13. Dezember 2015, 17:18
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Die Mehrheit der Arbeitnehmer beantwortet in der Freizeit Arbeitsmails und ist für Kollegen und Vorgesetzte erreichbar

Wien – Den meisten Menschen ist es wichtig, Arbeit und Privatleben zu trennen. Zumindest gaben das drei von vier Teilnehmer einer Befragung der Arbeiterkammer Niederösterreich (AKNÖ) über "flexibles Arbeiten" an, deren Ergebnisse dem STANDARD vorliegen.

Etwa zwei von drei Befragten erleben es aber so, dass sie von Kollegen außerhalb der regulären Arbeitszeiten zumindest manchmal kontaktiert werden, etwa die Hälfte auch von Vorgesetzten. Rund 15 Prozent berichten, dass dies sogar relativ oft passiert.

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Viele in Gleitzeitmodellen

Die Befragung der AKNÖ ging an alle Mitglieder, 754 Personen nahmen an der in Kooperation mit der Technischen Universität (TU) Wien durchgeführten Untersuchung teil – unter anderem aus den Branchen Marketing, Informatik und Großhandel. 87 Prozent waren Angestellte und 13 Prozent Arbeiter.

Fast die Hälfte der Befragten arbeitet in einem Gleitzeitmodell mit Kernzeit, und mehr als die Hälfte gab an, dass sie für ihre Arbeit häufig Überstunden zu leisten habe. Etwa einer von drei Befragten erklärte, die Möglichkeit zu haben, von zu Hause aus zu arbeiten statt auf dem üblichen Arbeitsplatz.

foto: reuters/thomas mukoya
Mails in der Freizeit zu checken, ist für viele Arbeitnehmer ganz normal geworden

Auch im Urlaub und abends

Nicht nur auf dem Arbeitsweg ist es für den Großteil üblich, Mails zu checken und für Kollegen oder Vorgesetzte erreichbar zu sein. Auch an Wochenenden und Abenden sei man erreichbar, gab rund die Hälfte der Befragten an – für Kunden allerdings deutlich weniger.

Etwa ein Viertel befürchtet, dass ihm berufliche Nachteile erwachsen, wenn es nicht immer erreichbar ist. Rund jeder Dritte erwartet sich Vorteile durch die ständige Erreichbarkeit. Den Satz "Wenn möglich, arbeite ich auch, wenn ich krank bin", bejahten 60 Prozent. Regelungen zum flexiblen Arbeiten – ob schriftlich oder mündlich – sind laut Befragung nur selten vorhanden.

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Auch im Krankenstand

Laut der Umfrage beantworten rund 40 Prozent zumindest manchmal vor der Arbeit und im Krankenstand arbeitsbezogene Mails. Auch auf etwa ein Drittel trifft das im Urlaub und am Wochenende zu. Fast jeder zehnte Befragte checkt auch manchmal nachts Firmennachrichten.

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Umgekehrt werden private Nachrichten oder Anrufe von etwa der Hälfte der Befragten zumindest manchmal auch in der Arbeitszeit beantwortet. Persönliche Dinge erledigen 40 Prozent zumindest manchmal während der Arbeit.

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Mit eigenen Geräten arbeiten

Die Kosten für Home-Office werden vom Arbeitgeber nur selten abgegolten: Mehr als drei Viertel der Befragten geben an, dass dies nicht oder eher nicht der Fall sei. Für etwa die Hälfte gilt, dass sie zu Hause mit privat angeschafften Geräten arbeitet. Die Identifikation mit der Arbeit ist im Allgemeinen hoch: Mehr als 90 Prozent sind zumindest manchmal stolz auf die Arbeit. Auch die Zufriedenheit mit dem Leben generell ist bei drei Viertel "hoch".

Die Conclusio für den AKNÖ-Präsidenten Markus Wieser: "Wenn Unternehmer oder neoliberale Wirtschaftswissenschafter Flexibilisierung meinen, dann geht es vorwiegend um Senkung der Löhne, Abbau von Zuschlägen, längere Arbeitszeiten, Beseitigung von Schutz- und Ruhebestimmungen oder Aushöhlung des kollektiven Arbeitsvertragsrechtes."

Mehr All-in-Verträge

Derlei Tendenzen zeigten sich auch im Anstieg der All-in-Verträge um 20 Prozent und darin, dass Österreich Überstundenweltmeister sei. Die Auswirkungen: Die Hälfte aller Erkrankungen habe bereits ihre Wurzel am Arbeitsplatz. 58 Prozent aller Rehageld-Bezieher in Niederösterreich seien aufgrund psychischer Erkrankungen vorübergehend berufsunfähig.

Psychotherapeut Peter Stippl brachte zuletzt im STANDARD auch die große Zahl der Frühpensionierungen mit "dem Zeitdruck, dem ständigen E-Mail-Anschauen und der Erwartung, dauernd via Handy erreichbar sein zu müssen" in Verbindung. Viel Menschen kämen damit einfach nicht zurecht. (Gudrun Springer, 13.12.2015)

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