Ein einzigartiger Blick in die Welt der Cosa Nostra

14. Dezember 2015, 05:30
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Die sizilianische Mafia ist von den Behörden dezimiert, aber nicht geschlagen worden. Nun besinnt sie sich offenbar alter Rituale

Es ist eine Szene wie aus einem zweitklassigen Mafiastreifen: Ein rangniedriger Mafioso nähert sich dem neuen Paten und küsst ihn als Zeichen der Ehrerbietung auf die Stirn. Die Episode ist aber nicht Teil eines neuen Hollywoodfilms, sondern eines vor wenigen Wochen aufgenommenen Polizeivideos aus Palermo.

Beim geküssten Mafiaboss handelt es sich um den 53-jährigen Giuseppe Greco, Chef der Cosa Nostra im Quartier Santa Maria di Gesù in Palermo. Greco ist am Freitag mit fünf weiteren Mafiosi verhaftet worden. Er soll den Auftrag zur Ermordung eines Angehörigen eines rivalisierenden Clans gegeben haben, der auf offener Straße erschossen worden war.

Schüsse und ein italienischer Klassiker

Die Ermittler waren auch beim Mord indirekt dabei gewesen: Die Auftraggeber hatten die Exekution von ihrem Auto aus mitverfolgt – doch darin befand sich ein Mikrofon. Auf dem Band sind nicht nur die Schüsse zu hören, sondern auch, wie einer der Mafiosi ein Lied zu singen beginnt – den italienischen Klassiker Volare.

Dank einer "Wanze" ebenfalls live mit dabei war die Polizei, als diverse Clanchefs im Hinterzimmer eines Friseursalons die Wahl des neuen Ober-Paten besprachen. Man beschloss anstelle der früher üblichen geheimen Wahl die "offene Wahl mit der erhobenen Hand, damit man weiß, wer ein Freund ist", wie einer der Teilnehmer sagte.

Treffen der Mafia-Oberen

An dem Mafia-Gipfeltreffen nahm beinahe alles teil, was in der Cosa Nostra Palermos Rang und Namen hat. Neben Greco waren unter anderem auch der 57-jährige Natale Gambino und der 70-jährige Salvatore Profeta zugegen, die beide 1992 in den Mordanschlag gegen den legendären Mafiajäger Paolo Borsellino verwickelt gewesen waren und langjährige Haftstrafen abgesessen hatten.

Profeta ist schon vor einem Monat wegen anderer Delikte wieder verhaftet worden. Der Gambino-Clan hatte einst auch Ableger in den USA gegründet und war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine der mächtigsten Mafiafamilien New Yorks gewesen.

"Die Abhörbänder leisten einen außerordentlichen, historischen Beitrag zur Rekonstruktion der Organisation der Cosa Nostra", betonte Palermos Staatsanwalt Francesco Lo Voi, der die Ermittlungen gegen Greco und seine mutmaßlichen Auftragskiller geführt hatte. Es sei das erste Mal, dass man bei den Wahlvorbereitungen für den neuen Paten in Palermo habe mitlauschen können.

Zurück zu den alten Ritualen

Das Treffen belege einerseits, dass die Schreckensherrschaft der "Corleonesi"-Bande von Salvatore "Toto" Riina und Bernardo "Binnu der Traktor" Provenzano endgültig vorbei sei; andererseits sei die Zusammenkunft aber auch ein Beleg dafür, dass die Cosa Nostra keineswegs geschlagen und dabei sei, sich neu zu organisieren – und sich dabei auf ihre alten Bräuche und Rituale besinne.

Tatsächlich sind Gewaltdelikte wie der Auftragsmord selten geworden in Sizilien, wo sich die "ehrenwerte Gesellschaft" vor allem in vermeintlich unverdächtige Branchen wie dem Baugewerbe und dem öffentlichen Gesundheitswesen eingenistet hat. Doch die Ermittler sind gewarnt. "Bei allem gegenseitigen Vertrauen: Wir sprechen hier von Cosa Nostra – und wenn wir von Cosa Nostra sprechen, scherzen wir nicht", betonte der Pate Gambino beim abgehörten Mafiatreffen. (Dominik Straub aus Rom, 14.12.2015)

  • Salvatore Profeta war 1992 an dem Bombenanschlag auf Mafiajäger Paolo Borsellino beteiligt.
    foto: reuters / tony gentile

    Salvatore Profeta war 1992 an dem Bombenanschlag auf Mafiajäger Paolo Borsellino beteiligt.

  • Vor einem Monat wurde er wieder verhaftet.
    foto: epa / mike palazzotto

    Vor einem Monat wurde er wieder verhaftet.

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