Vitamintabletten: Doping für den Hautkrebs

12. Dezember 2015, 17:00
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Hochdosierte Vitaminpräparate sollen vor Infekten schützen. Ihr Nutzen ist aber nicht belegt, im Gegenteil: Eine Überdosis kann sogar Krebszellen aktivieren

Wien – Eine erste kleine Kältewelle hat Europa erfasst. Schon läuft die Nase, rasselt der Husten und Keime bevölkern Türklinken und Wasserhähne. Um sich vor ihnen zu schützen, greifen viele Menschen zu künstlichen Vitaminen – im Fachbegriff Antioxidantien.

Als Kapseln, Brausetabletten oder Bonbons füllen sie Regalreihen in Drogerien und Apotheken. Vitaminprodukte sollen auch vor Alterung oder Rheuma schützen. Die Theorie: Antioxidantien fangen aggressive und reaktionsfreudige Moleküle, sogenannte freie Radikale ab, die die gesunden Zellen schädigen.

Nur ist das eben nicht ihre einzige Wirkung. Gerade für krebskranke Menschen kann ein Zuviel der künstlichen Vitamine alles andere als nützlich sein. Zu diesem Schluss kamen im letzten Monat drei wissenschaftliche Studien – an Mäusen. Sie zeigten: Zusätzlich aufgenommene Antioxidantien halfen im Blut wandernden Hautkrebszellen, sich auszubreiten und Metastasen zu bilden.

Höhere Krebsrate

Der Verdacht ist nicht neu. Bereits 1994 zeigte eine Studie aus Finnland, dass zusätzlich aufgenommenes Vitamin E (Alpha-Tocopherol) oder die Vorstufe des Vitamin A (Beta-Carotin) Lungenkrebs offenbar triggert. Die Forscher fanden bei ihren 30.000 ausschließlich männlichen Teilnehmern heraus, dass genau bei jenen, die rauchten und künstliches Beta-Carotin einnahmen, die Lungenkrebsrate um 18 Prozent stieg.

Solche, die Vitamin E schluckten, erlitten häufiger einen Schlaganfall. Zwei Jahre später musste eine weitere Studie gestoppt werden, als die Wissenschafter feststellten, dass unter ihren 70.000 Teilnehmern das Lungenkrebsrisiko um fast ein Drittel (28 Prozent) zunahm, wenn die Probanden Beta-Carotin und Retinol (eine weitere Vorstufe von Vitamin A) schluckten. Und erst vor drei Jahren stand auch der Verdacht im Raum, dass Prostatakrebs durch künstliche Vitaminzufuhr befeuert wird.

Angst vor Krankheit

Dennoch haben Vitaminbomben in Tablettenform bislang ihre Beliebtheit in der Erkältungszeit nicht eingebüßt, vielleicht weil niemand bislang erklären konnte, wie und warum Antioxidantien Tumoren helfen. Schließlich sind freie Radikale tatsächlich gefährlich. Sie schädigen die Zelle und deren Erbgut – der Zusammenhang zwischen Krebswachstum und Antioxidantien könnte auch auf einem Zufall beruhen.

Dieser Frage gingen nun Martin Bergö vom Sahlgrenska Cancer Center in Göteborg beim schwarzem Hautkrebs nach. Melanome sind besonders empfindlich gegenüber Radikalen, so die Autoren Anfang Oktober in ihrer Veröffentlichung in Science Transnational Medicine. Also verfütterten sie eine andere Form des Vitamin E, das N-Acetylcystein (NAC), an Mäuse, die sie zuvor mit gentechnischen Verfahren anfällig für Hautkrebserkrankungen gemacht hatten. Die Dosierung erfolgte nach Gewicht, ähnlich der Dosierung von Vitaminen bei Menschen.

Mobilere Krebszellen

Sie machten eine außergewöhnliche Entdeckung: Nicht etwa die Tumore selbst wuchsen. Vielmehr wurden die Krebszellen, die sich vom Ursprungskrebsherd lösen und im Blut zirkulieren, mobiler und konnten leichter in neue Gewebe eindringen. Dort bildeten sie schneller und erfolgreicher Metastasen. Bergö nimmt an, dass Antioxidantien Tumorzellen im Blut genauso schützen wie gesunde Zellen. Zudem aktivieren sie aber ein Protein, das Krebszellen im Körper mobil macht.

Tatsächlich sind Tumoren nicht besonders erfolgreich, wenn es darum geht, sich im Körper auszubreiten. Obwohl viele Krebszellen durchs Blut schwimmen, schaffen es nur wenige, Metastasen zu bilden. Flussströmung, Abwehrzellen oder auch Gefäßwände sorgen dafür, dass die meisten sich nicht festsetzen können.

Bestätigung erhielt Bergö von einer Forschergruppe aus Dallas. Sie zeigte im Fachmagazin Nature, dass die schädlichen freien Radikale in der Lage sind, auch Tumorzellen zu vernichten. Sie hatten gentechnisch modifizierten Mäusen menschliche Hautkrebsgeschwüre eingepflanzt. Fütterten sie die Tiere mit Antioxidantien, fingen diese, wie die Forscher feststellten, die zerstörerischen Radikale ab.

Freie Radikale im Körper

Wilhelm Bloch von der Sporthochschule Köln überrascht das wenig. Seit Jahren hat er die Wirkung freier Radikale auf Zellen untersucht. "Es stimmt, dass freie Radikale die Zelle und das Erbgut schädigen", sagt er, "doch der Körper braucht sie auch als Signalmoleküle, um erbgutgeschädigte Zellen – und nichts anderes sind Krebszellen – zu entsorgen." Freie Radikale, so Bloch, seien Bestandteil eines sensiblen Systems. So aktivierten sie etwa das Immunsystem, damit es schnell wuchernde Zellen bekämpft.

Seine Aussage bestätigt eine Studie, die kürzlich in Science erschienen ist: Vitamin C, so heißt es, soll jene Dickdarmkrebszellen töten, die Mutationen in den Genen KRAS und BRAF tragen. Diese nämlich haben einen Weg entdeckt, sich vor freien Radikalen zu schützen. Vitamin C bringt diesen Mechanismus durcheinander, weil es sich an einen der Radikalfänger bindet. Verabreichte man Mäusen zusätzlich noch Vitamin-A- oder -E-Formen, konnte auch das Vitamin C nichts mehr ausrichten.

Künstliche Vitaminbomben

Aber trifft das, was die Wissenschaft bei Mäusen beobachtet, auch auf Menschen zu? "Die Versuchsbedingungen waren eine künstliche Situation", sagt der Hautkrebsforscher Jochen Utikal vom Deutschen Krebsforschungszentrum. Weder würden Menschen hautkrebsempfindlich gemacht, noch würden Patienten so hohe Mengen an Antioxidantien zu sich nehmen.

Dennoch glaubt er, dass angesichts der ungebrochenen Beliebtheit von Nahrungsergänzungsmitteln weitere Forschung dringend notwendig ist. Auch der Krebsinformationsdienst in Heidelberg warnt Patienten davor, eigenmächtig Vitaminpräparate oder andere Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen.

Weder sei gesichert, dass sie den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen, noch sei belegt, dass Vitaminpräparate vor einem Rückfall schützen, heißt es. Eine gesunde Ernährung, die ausreichend Vitamine und Spurenelemente in Nahrungsmitteln beinhaltet, sei durch keine Vitaminpille der Welt zu ersetzen, sind sich Experten einig. (Edda Grabar, 12.12.2015)

  • Vitamintabletten sind nicht immer sinnvoll – im Gegenteil, für Krebspatienten mitunter sogar gefährlich.
    foto: dpa-zentralbild/matthias hiekel

    Vitamintabletten sind nicht immer sinnvoll – im Gegenteil, für Krebspatienten mitunter sogar gefährlich.

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