Die Revolution der erneuerbaren Energien

Kommentar der anderen11. Dezember 2015, 17:03
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Das Zwei-Grad-Ziel hin oder her: Indien und China investieren massiv in erneuerbare Energien, weil diese auch wirtschaftliche Vorteile bringen. Das könnte mehr für den Klimaschutz bringen als alles, was in Paris besprochen wurde

In den Vereinigten Staaten und Europa werden die Vorteile erneuerbarer Energien vor allem im Hinblick auf die Umwelt verstanden. Energie aus Wind und Sonne kann als Ersatz für die Verbrennung fossiler Brennstoffe dienen und so dazu beitragen, den Klimawandel zu bewältigen.

In China und Indien hingegen werden erneuerbare Energien ganz anders betrachtet. In beiden Ländern wird der relativ schnelle Übergang weg von einer fossilen Energiewirtschaft weniger von Sorgen wegen des Klimawandels vorangetrieben als von der Wahrnehmung der wirtschaftlichen Vorteile, die erneuerbare Energieträger mit sich bringen.

Während die wirtschaftlichen Vorteile der Erneuerbaren für entwickelte Volkswirtschaften wie Deutschland oder Japan (die beide eine rasche Abkehr von fossilen Brennstoffen anstreben) attraktiv sein können, sind die Vorteile, die sich aufstrebenden Industriegiganten bieten, überwältigend. Für Indien und China könnte eine auf fossilen Energieträgern beruhende wirtschaftliche Entwicklung eine Katastrophe bedeuten, weil Bestrebungen, die riesige Bevölkerung der beiden Länder mit ausreichend Energie zu versorgen, geopolitische Spannungen verschärfen. Neben einem höheren Maß an Energiesicherheit würde eine kohlenstoffarme Wirtschaft den heimischen Produktionssektor fördern und die lokale Umweltqualität verbessern, etwa durch eine Verringerung der Luftverschmutzung in den Städten.

Fossile Brennstoffe haben der westlichen Welt im Zuge ihrer Industrialisierung in den vergangenen 200 Jahren enorme Vorteile verschafft. Der Übergang zu einer kohlenstoffbasierten Wirtschaft hat die Volkswirtschaften von uralten malthusianischen Grenzen befreit. Für eine Gruppe ausgewählter Länder, in denen ein kleiner Teil der Weltbevölkerung lebte, ermöglichte die Verbrennung fossiler Energieträger eine Ära explosiven Wachstums und leitete enorme Verbesserungen von Produktivität, Einkommen, Wohlstand und Lebensstandards ein.

Über weite Teile der letzten 20 Jahre haben sich China und Indien an vorderster Front dafür eingesetzt, die Vorteile fossiler Brennstoffe für die übrige Welt einzufordern. In letzter Zeit haben sie jedoch angefangen, sich zu mäßigen. Da ihre Nutzung der Brennstoffe an geopolitische und ökologische Grenzen stößt, waren sie gezwungen, ernsthaft in Alternativen zu investieren – vor allem erneuerbare Energien. Damit haben sie sich an die Spitze eines globalen Übergangs gesetzt, der die Nutzung fossiler Energieträger schon in wenigen Jahrzehnten komplett unnötig machen könnte.

Die wirtschaftlichen Argumente gegen erneuerbare Energiequellen – dass sie teuer, nicht kontinuierlich verfügbar oder ihre Leistungsdichte nicht ausreichen könnte – lassen sich widerlegen. Und auch wenn erneuerbare Energien viele Gegner haben, sind diese eher vom Interesse am Erhalt des Status quo der fossilen Brennstoffe und der Kernenergie geleitet als von der Sorge, dass Windräder oder Solarparks die Landschaft verschandeln würden.

Jedenfalls ist es unwahrscheinlich, dass diejenigen, die den Ausbau erneuerbarer Energien aufhalten wollen, einen Triumph über simple wirtschaftliche Kalkulationen erringen werden. Die Energiewende wird nicht durch eine Steuer auf Kohlendioxidemissionen oder Subventionen für grüne Energie vorangebracht; sie ist die Folge sinkender Fertigungskosten, die schon bald dazu führen werden, dass es wirtschaftlicher sein wird, Strom aus Wasser, Wind und Sonne zu erzeugen als aus der Verbrennung von Kohle.

Länder können sich eine sichere Energieversorgung aufbauen, wenn sie in größerem Maßstab in die industriellen Kapazitäten investieren, die für die Produktion von Windkraftanlagen, Solarzellen und anderen Quellen erneuerbarer Energien notwendig sind. Indem China und Indien ihr wirtschaftliches Gewicht in die industrielle Revolution der erneuerbaren Energien einbringen, lösen sie eine globale Kettenreaktion aus, die als "zirkuläre Verursachung mit kumulativen Effekten" bekannt ist.

Effizienter und billiger

Anders als im Bergbau, bei Bohrungen oder in der Förderung, profitieren Hersteller von Lernkurven, die die Produktion zunehmend effizienter – und billiger – werden lassen. Investitionen in Erneuerbare senken die Kosten für ihre Herstellung, erweitern den Markt für ihren Einsatz und verstärken den Anreiz, weitere Investitionen zu tätigen. Angaben der US-Investmentbank Lazard zufolge haben diese Mechanismen in der Zeit von 2009 bis 2014 zu einer Senkung der Kosten für Photovoltaikenergie um 80 Prozent und der Kosten für Windenergie zu Lande um 60 Prozent geführt.

Der rasch zunehmende Einsatz erneuerbarer Energien könnte ebenso weitreichende Folgen haben wie die industrielle Revolution. Im 18. Jahrhundert stießen Europa und die Vereinigten Staaten den Übergang zu einem Energiesystem basierend auf fossilen Brennstoffen an, ohne voll und ganz zu verstehen, was vor sich ging. Dieses Mal können wir erkennen, wie sich die Dinge ändern, und uns auf die Auswirkungen vorbereiten.

Im Moment erscheinen die Aussichten vielversprechend. Bemühungen, die Kohlendioxidemissionen zu reduzieren, mögen nicht wichtigste Triebfeder der Revolution der Erneuerbaren sein; es ist jedoch gut möglich, dass die Bemühungen, die Auswirkungen des Klimawandels zu minimieren, ohne die Revolution niemals Erfolg haben werden. Wenn es uns gelingen sollte, die schlimmsten Gefahren der Erwärmung der Erde abzuwenden, werden wir uns möglicherweise bei Indien und China bedanken müssen. (John Mathews, Übersetzung: S. Pontow, Copyright: Project Syndicate, 11.12.2015)

John Mathews ist Professor für Management an der Macquarie Graduate School of Management in Sydney und Autor von "Greening of Capitalism".

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