Der Rock-Opa und die E-Tamburizza

12. Dezember 2015, 12:00
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Die "Turbokrowodn" sind der jüngste Versuch, das Burgenlandkroatische in einem anderen, nicht ganz so betulichen Rhythmus zu intonieren. In dem des seit den 1970ern dröhnenden Krowodnrock.

Eisenstadt/Zeljezno – Der sardische Moderator hat sehr brav geübt. Beinahe unfallfrei konnte er deshalb "gli prossimi concorrenti" ankündigen: "Turbokrowodn!" Die traten in Cagliari, das Burgenland vertretend, Anfang Dezember zum Suns-Festival an, ein 2009 in Udine ins Leben gerufener Songcontest für Lieder in europäischen Volksgruppensprachen. Vom Baskischen übers Balearische bis hin eben zum Burgenlandkroatischen.

Die Lautesten

Wertungsmäßig fanden die Burgenländer eher maßhaltendenden Anklang. Aber, so Mario Gregorich, der Bandleader: "Wir waren sicher die lauteste Partie dort."

Das aber wäre dann eh das Eigentliche. Immerhin leiten sich die Turbokrowodn musikalisch her von einer Band namens Bruji, die ihrerseits sich hergeleitet hat – damals in den 1970ern – vom burgenlandkroatischen Wort brujati, was dröhnen bedeutet oder brummen. Und darum ging es nicht nur damals. Und damals auch nicht nur in und um Großwarasdorf, also Veliki Borištof, der Hauptstadt jener mittelburgenländischen Gegend, zu der gerne auch Krowodei gesagt wird.

Bruji haben den Krowodnrock er- oder auch nur gefunden. Und sie haben die Lust am Dröhnen und Brummen weitergeleitet an die Musikanten der nächsten Generation. "Ich bin", erzählt Mario Gregorich, als 1982er der deutliche Älteste der Band, "mit Bruji aufgewachsen. Aber er war damit keineskeis der einzige. 2011 haben die Krowodnrocker namens "Coffeeschock" den Suns-Contest sogar gewonnen.

Kroatisch rockt

Wie und warum der Rock‘n‘Roll so nachhaltig in die doch eher betuliche Volkstumspflege gedrängt hat, ist nicht leicht zu erklären. Gregorich meint, dass die Sprache sich halt besonders gut dafür eignet: "Das Kroatische rockt."

Joško Vlasich, Frontman von Bruji, also gewissermaßen der Opa der Krowodnrocker, mag dem klarerweise nicht widersprechen. Holt aber – Vlasich unterrichtete bis heuer am pannonischen Gymnasium in Oberpullendorf – doch auch historisch aus. "Auch die Tamburizza ist ein relativ junger Import." Das fast identitätsstiftend Instrument kam erst am Anfang des 20. Jahrhunderts ins heutige Burgenland. Vlasich und seine Enkerl zupfen und schlagen halt gewissermaßen eine E-Tamburizza.

Spannungsverhältnis

In einem bemerkenswert spannungsgeladenen Verhältnis zur umständlichen – um nicht zu sagen: umstandsmeierenden – Sprachpflege steht das. Die geographische – und dann auch politische – Entfernung zum Mutterland hat das Burgenlandkroatische ja einigermaßen eingekapselt bis hin zur Hochhaltung des jeweiligen Ortsdialekt, der tatsächlich im Lehrplan steht, um dann mit dem Standard-Burgenlandkroatisch weiterzuleiten zum Standard-Kroatisch, das dann erst in den Oberstufen zum Zug kommt, sodass das Kroatische aus dem Burgenländermund in Zagreb recht slowenisch klingt.

Dröhnen gegens Verlöschen

Beobachter sehen in solcher Selbstbespiegelung durchaus Existenzgefährdung, obwohl die rund 30.000 Kroaten eine vitale, aus dem Burgenland nicht wegzudenkende Volksgruppe sind.In die Lücke zwischen betulicher Bewahrung und Verlöschen dröhnen die Krowodnrocker. Dass Bruji dafür eine Art Grundstein bilden, hat den Joško Vlasich selber zutiefst überrascht. 2009 – da neigte s(ich seine zehnjährige Amtszeit als grüner Landtagsabgeordneter ihrem Ende zu – raffte sich die Altherrenpartie zu einem Comeback auf. Zum Haydnjahr wollten sie die krowodischen Wurzeln des deutschen Meisters zeigen. "Vorm Auftritt hab ich hinausgeschaut: lauter Junge." Alle hätten sie den einschlägigen Floh im Ohr gehabt.

Und unlängst, bei der Präsentation ihrer ersten CD, gaben die Bruji im Wiener Chelsea den Turbokrowodn stolz die Vorgruppe.

Am 18. Dezember feiert dann die Krowodei das Gedröhn: die Turbokrowodn laden zum Heimspiel in die Kuga.

(Wolfgang Weisgram, Der Standard, 12. 12. 2015)

  • So geht Brauchtumspflege: Joško Vlasich genießt im Wiener Chelsea sichtlich sein Rock-Opatum. Die Enkerl Mario Gregorich (li.), der Frontman der Turbokrowodn und deren Bassist Thomas Kröpfl danken mit gehörigem Gedröhn.
    foto: turbokrowodn

    So geht Brauchtumspflege: Joško Vlasich genießt im Wiener Chelsea sichtlich sein Rock-Opatum. Die Enkerl Mario Gregorich (li.), der Frontman der Turbokrowodn und deren Bassist Thomas Kröpfl danken mit gehörigem Gedröhn.

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