"Zeit"-Edition: Wissenschaft und Mord und Totschlag

15. Dezember 2015, 15:04
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Ständig fließt das Blut: Ein "Zeit"-Paket mit zehn Wissenschaftskrimis enthüllt die mörderische Brutalität im Universitätsmilieu

Man kommt schwerst belehrt aus dem Bücherpaket heraus, aber – sind das auch gute Krimis? Kommerzielle Krimis sind es, kommerziell erfolgreich sind sie auch. Die Zeit publiziert hiermit schon ihre vierte "Krimi-Edition" mit zehn schön gemachten Titeln im festen Einband (leider ohne stabilen Schuber) und rabenschwarzem Reißerumschlag. Der suggeriert sofort mit dem Zielscheiben-Signet den Tatort, "Tatort Wissenschaft".

Blut fließt in all diesen zehn Lizenzbänden deutscher Verlage. Blut fließt in der Informatik, in der Ozeanologie, Killerdrohnen morden in der Bionik, Killerviren durchseuchen Neurologie und Virologie, Killerpsychen durchsetzen Psychiatrie und Philosophie, Killerparalleluniversen in der Theoretischen Physik, Killerklimakatastrophen in der Meteorologie. Menschen morden, Homunculi meucheln, Androiden murksen ab.

Geisteswissenschafter morden generell nicht weniger gern, wie man von Dorothy Sayers bis Amanda Cross weiß, aber hier sind die Mehrheitsmordlustigen die Naturwissenschafter im Verhältnis 9:1 zu den Humanities. Jeder Thriller ist ausgestattet mit einem Glossar der Fachbegriffe, einer Chronik der Fachgeschichte und dem Nachwort eines Zeit-Autors über Fachwissenschafts-Facts und Roman-Fictions – alle drei Anhänge in höchst unterschiedlicher Qualität. Wie die Werke selbst auch. Für einen knappen Hunderter erliest man sich also auf knappen 4000 Seiten mit angehaltenem Atem zuerst einmal einen exzellenten Hochschulreport. Wie läuft das Leben an der Universität?

Brutal.

Drittmitteldepression, befristete Stellen, Antragsqual, gekaufte Gutachter, abgelehnte Forschungsprojekte, Ranküne und Rivalität, Publikationsterror, Fußnoten-Fakes, Scientific Fraud, unappetitlicher Umgang mit weiblichen Karrieren, durchgeknallte Ordinarien, großprofessorale Geltungssucht, erlogene Experimente, Plagiat, Prekariat, maliziöse Mentoren, Mediengeilheit, Insider und Dropouts, Gift im Tee, Schuss in den Kopf, Datenraub, Mobben, Vögeln, Ideenklauen, Zitierkartelle, Psychodramen, Schlägerei, Messerstechen, Drogen, Alk, Sekretariatsintrigen, Dekolleté-Tiefen, denunzierende Assis, Mentormeucheln, Doktorvatermord – aber über allem glänzt die Lust an der Forschung: "How beautiful it is to know!"

Verwurstete Dissertation

Zehn Autoren pflügen sich durch die Academia. Der innerwissenschaftliche Erkenntnisgewinn für das Lesepublikum draußen ist beachtlich: Untaten nach Einzeldisziplinen bilden ungemein. Grundlagenforschung und angewandte Forschung lassen sich aber nicht immer locker erschmökern, die Lesbarkeit einer verwursteten Philosophiedissertation bei Jonas Winners Gedankenexperiment ist mühsam. Die Umsetzung von Wissen in Spannung zeigt schmerzlich, dass ein solider Forscher noch lange kein flotter Schreiber sein muss. Das gilt auch für die dichtenden Damen – Stil und Plot-Intelligenz von Juli Zehs Physikkrimi Schilf gehört da zu den rühmlichen Ausnahmen, Schreibfedern dagegen lässt Sissel-Jo Gazan in ihrem Evolutionskrimi mit dem Titel Dinosaurierfedern, mäßig übersetzt, miserabel lektoriert. Das skandinavische Bühnenbild der Aktion hat nie das Niveau des hochkarätig melancholischen Interieurs eines Kommissar Wallander.

Wunderbar rotzig dagegen, gekonnt hardboiled, mit coolem Personal kommt der Virologiekrimi Treibland von Till Raether daher, samt seiner Ebola-inspirierten Epidemie. Den peinlichsten Absturz liefert Sebastian Fitzeks Psychiatriekrimi Die Therapie. Hirnlose Helden, offene Haustüren und Schizo-Garnierungen missstimmen die Leserin, lausig findet sie das indiskutable Glossar. Oder ist doch am allerpeinlichsten der penible, preziöse und prätentiöse Fremde Wille? Hölzerne Dialoge, klappernde Klischees aus US-TV-Serien, stocksteife Polizei, blöde dramaturgische Notlösungen. Und – o ja! – die obligate große Sexszene, die emsig das Abc der Erregungen abarbeitet – ein eitler Autor, dessen Name Markus C. Schulte von Drach gut auch ein Pseudonym sein könnte. Der famose Albert Drach jedenfalls hätte sich im Grab umgedreht.

Bernhard Kegels Urzellen im Ozean sind zwar schlecht erfunden, aber im Tiefen Fall gut erzählt: Der Prof betrügt seine Postdocs, und das ist ein toller Plot.

Der Stil eiert, aber Christian Gudes Homunculus entrollt den Zynismus des ausgebooteten, alternden Androidenspezialisten grausig gut: der Niedergang der klassischen Forschung unter modernem Innovationsmarketing und Researchmanagement.

In der Königsklasse

In der internationalen Königsklasse spielt Kill Decision, das großformatige Spannungsspektakel des US-Bestselleristen Daniel Suarez. Er dreht das ganz große Rad: "Es geht hier um die Zukunft der Menschheit." Geheimdienste kämpfen um die Herrschaft über autonome Killerdrohnen mit Schwarmintelligenz. Mit Militär-, Software- und Survival-Jargon prächtig ausgestattet, feuert dieses rasante Bionikdrama aus vollen Rohren seinen Thrill ab – die Geschichte der tödlich perfekten technischen Nachahmung von selbststeuernder Kommunikation unter Killer-Ameisen. Super! Und super genregetreu!

Letzter Aufreger: Nochmals um die Zukunft der Menschheit geht es in der klimakatastrophischen Prophezeiung von Sven Böttcher. Gemessen am Hollywood-Niveau von Suarez bietet Böttcher leider nur deutsches Low Budget. Aber man lernt eine Menge übers Wetter. Und wenn das Wetter wieder schlecht wird, das Leseklima wieder besser, ist hoffentlich die fünfte Zeit-Krimi-Komposition – diesmal als Kassette! – auf dem Büchermarkt. (Friederike Hassauer, Album, 15.12.2015)

Friederike Hassauer, Jg. 1951, Universitätsprofessorin für Romanistik und Kulturwissenschaften an der Universität Wien; Essayistin.

  • Andreas Sentker (Hg.), "Wissenschaftskrimis" , € 89,95, Zeit-Edition im Zeit-Verlag, Hamburg 2015
    foto: die zeit

    Andreas Sentker (Hg.), "Wissenschaftskrimis" , € 89,95, Zeit-Edition im Zeit-Verlag, Hamburg 2015

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