Als Frank Sinatra verkühlt war: Die Sternstunde des "New Journalism"

Vor 50 Jahren schrieb Gay Talese seine berühmte Reportage über Sinatra, der heute 100 Jahre alt wäre. Im Taschen-Verlag ist dazu ein Bildband erschienen, der der hohen Zeit des "New Journalism" huldigt

Foto: Phil Stern Estate, Courtesy of the Fahey/Klein Gallery, Los Angeles
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12. Dezember 2015, 15:00

Vor 50 Jahren, im Herbst 1965, flog der Reporter Gay Talese nach Los Angeles. Er sollte einen Sänger interviewen, der damals, nach frühem Ruhm und einem Karriereknick, auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn stand. Der Termin wurde mehrmals verschoben, und nach fast drei Monaten kehrte er schließlich nach New York zurück.

Talese schrieb dann einen 55 Seiten langen Text, ohne je ein Wort mit dem Sänger gewechselt zu haben. Doch das Ergebnis, "Frank Sinatra Has a Cold", im Magazin "Esquire" erschienen, war augenblicklich eine Sensation.

Es läutete eine ganze Generation literarischer Reportagen ein. 2003 bezeichneten es die Chefredakteure des Magazins rückblickend als die beste Geschichte, die sie je gedruckt hatten. Eine Liste der hervorragendsten englischsprachigen Zeitschriftenartikel wird ebenfalls von Taleses Porträt angeführt. Für Tom Wolfe begann mit dieser und anderen Storys seines Kollegen die hohe Zeit des "New Journalism". (Ein großes Lob von einem, der oft selber als Vater dieses Genres bezeichnet wird; Talese ist, wie wir sehen werden, darüber nur teilweise froh.)

foto: jeremiah wilson
Gay Talese leitete mit seiner Reportage das Zeitalter des "New Journalism" ein.

Und Benedikt Taschen, der Chef des gleichnamigen Verlags und ebenfalls ein Fan von Talese, dachte sich eine besondere Ehrung anlässlich der 50. Wiederkehr der Reportage und des 100. Geburtstags ihres Sujets aus: eine limitierte Luxusausgabe, mit Faksimiles von Taleses Notizen und Fotos von Phil Stern, der Sinatra über viele Jahre begleitet hatte, signiert vom mittlerweile 83-jährigen Autor und ergänzt durch seine Erinnerungen. Selten schaffte es ein für den Augenblick und über vergänglichen Ruhm verfasster Text zu solchen rückwirkenden Ehren.

Tätiges Warten

Das Besondere an Taleses Text über den Sänger ist weniger, dass er ihm nicht persönlich begegnen konnte, sondern wie er diesen widrigen Umstand nutzte. Kaum war er in L.A. gelandet, informierte ihn das Büro Sinatras, dass der Chef erstens erkältet und zweitens sowieso nicht gut auf die Presse zu sprechen sei, weil sie gerade begann, seinen Beziehungen zur Mafia nachzugehen. Mr. Talese möge also warten.

foto: phil stern estate, courtesy of the fahey/klein gallery, los angele
Sinatra albert mit Lewis Milestone (Regisseur von "Ocean's Eleven") und Billy Wilder (mit Brille) in den MGM Studios.

Er wartete, doch er blieb nicht untätig. Die folgenden Wochen verbrachte Talese mit der Entourage, die Sinatra in Schichten umgab und abschirmte. Er fuhr mit zu einer aufwendigen Studio-Session, die wegen der Erkältung abgebrochen werden musste. Er flog mit nach Las Vegas zum Boxkampf zwischen (damals noch) Cassius Clay und Floyd Patterson und zu Trink- und Spielgelagen, die bis acht Uhr morgens dauerten. Er saß am Rand bei Filmaufnahmen mit Sinatra und Virna Lisi ("Assault on a Queen"). Er saß aber auch am Telefon oder in Cafés und sprach mit vielen Leuten aus Sinatras beruflicher und privater Umgebung, mit dessen Kindern aus erster Ehe, mit der Mutter in New Jersey, mit Begeisterten und Enttäuschten.

Es sei die Kunst gewesen, sagt er, "herumzulungern und genau zuzuhören – the fine art of hanging around". Vor allem beobachtete er Situationen, die den Star im Zwiespalt zwischen Ruhm und dem Bedürfnis nach Privatheit, zwischen Großzügigkeit und Aggressivität zeigten. Dadurch konnte er, wie er sagt, mehr über das Wesen der widersprüchlichen Person erfahren, als wenn er eines jener Celebrity-Interviews gemacht hätte, bei denen man nichts Neues hört und Stehsätze serviert bekommt.

Stattdessen beschrieb er "Frank Sinatra, ein Glas Bourbon Whiskey in der einen und eine Zigarette in der anderen Hand," wie er in einer dunklen Ecke einer Bar stand, zwei Blondinen an seiner Seite, "die darauf warteten, dass er etwas sagte. Er sagte aber nichts …" – so der Beginn des Artikel in seiner deutschen Übersetzung (2009 erschienen). Es folgt ein dichtes Geflecht, ein Substrat seiner mehr als 200 Seiten Notizen, mit Szenenwechseln, kulturellen Bezügen, Rückblenden bis zu den Vorfahren in Sizilien – ein Wechselbad von präzisen Details und weitschweifenden Metaphern ("Sinatra mit Schnupfen ist wie Picasso ohne Farbe, Ferrari ohne Sprit …"). Es endet mit einer Autofahrt in L.A., Sinatra am Steuer, die Ampel ist auf rot, eine Passantin scheint ihn zu erkennen: Ist er es wirklich? Nächste Woche, am 12. Dezember, denkt er, wird er 50.

foto: gay talese
Ein erster Vorschlag für den Text "Frank Sinatra Has a Cold" – inklusive Tipp- und Rechtschreibfehlern und Notizen.

Gay Talese hatte ab 1953 fast zehn Jahre lang für die "New York Times" geschrieben, er spricht bis heute mit Hochachtung von den hohen Standards, die dort herrschten. Doch der Wunsch, mehr als nur das Nötige zu berichten, trieb ihn zum "Esquire", in jenen Jahren ein Experimentierfeld für Journalisten. Wenn sie ihren Storys psychologische Tiefe, innere Monologe oder literarische Freiheiten verleihen, aber dennoch der Non-Fiction treu bleiben wollten, dann waren sie beim "Esquire" oder im Magazin "New York", der Wochenendausgabe der "Herald Tribune", bald auch im "Rolling Stone" willkommen.

Und so kamen sie, Jimmy Breslin, Norman Mailer, Joe Eszterhas, Hunter S. Thompson, Robert Christgau und wie sie alle hießen und vor allem Tom Wolfe, der einige Jahre später dem Phänomen das Etikett "New Journalism" verlieh und Talese als dessen Pionier bezeichnete.

Kostspielige Faktentreue

Wolfe war und ist der Auffallendere, der größer Auftretende der beiden (das englische Wort "flamboyant" ist schwer übersetzbar). Er nimmt sich mehr Freiheiten in der Literarisierung seiner Sujets, er neigt eher zu Übertreibungen. Während Talese eine Zuschauerreaktion in einem Boxkampf lautmalerisch so beschreibt: ",Mummm' (sock), ,Mummm' (sock)", heißt es bei Wolfe schon im Titel "There Goes (Varoom! Varoom!) That Kandy-Kolored (Thphhhhhh!) Tangerine-Flake Streamline Baby (Rahghhh!) Around the Bend (Brummmmmmmmmmmmmmmm)".

Talese ist zurückhaltender. Wenn ihm die Rolle des Pioniers auch schmeichelt, so distanziert er sich doch von vielen Nachfolgern, die unter dem Etikett des New Journalism Texte publizieren, die ihm zufolge schlicht schlampig sind (womit er nicht Tom Wolfe meint; die beiden sind seit Jahrzehnten gut befreundet, das Sinatra-Buch stellte Wolfe einem kleinen Kreis im New Yorker Club 21 vor). Wer es mit der Wahrheit nicht genau nimmt, sagt er, der solle keine Reportagen schreiben. Stolz ist er auf seine "Faktentreue und Akkuratesse, auch wenn sie zeitraubend und kostspielig sein mögen".

foto: phil stern estate, courtesy of the fahey/klein gallery, los angeles
Szenen aus dem Leben von Frank Sinatra. Gay Talese schrieb über den legendären Entertainer, ohne ein einziges Mal ein Interview mit ihm zu bekommen.

Angehenden Journalisten empfiehlt er, sich nicht von den Hiobsbotschaften über die Medienbranche beirren zu lassen. Allerdings, fügt er hinzu, habe sich die Atmosphäre in den Vereinigten Staaten seit 9/11 sehr verschlechtert. Die Medien seien affirmativer geworden, eingeschüchtert durch das Terrorismus-Argument, statt sich kritisch mit dem eigenen Land auseinanderzusetzen: "Warum fragt niemand nach, wieso Guantanamo noch immer nicht geschlossen wurde, obwohl Obama das vor acht Jahren versprochen hat?"

Man kann sagen, dass Talese Glück gehabt hat, in einer Ära als Reporter groß geworden zu sein, in der Magazingeschichten gut bezahlt wurden. Fast 5.000 Dollar Spesen hat er nach eigenen Angaben während der monatelangen Sinatra-Recherche gehabt, das wären heute mehr als 35.000, davon können Reporter auch in den USA nur mehr träumen.

foto: gay talese
Aufgebaut wie ein Bühnendrama: Ein erster Vorschlag für die Struktur des Textes "Frank Sinatra has a Cold".

Er hat dem Glück aber auch nachgeholfen. Selbstbewusst stellte er sich Aufgaben, die aufwendig waren und entsprechenden Ruhm einbrachten. Sein erstes Buch, 1969, über die "New York Times", war 600 Seiten lang und stand ein halbes Jahr lang auf der Bestsellerliste. Für sein zweites, "Honor Thy Father" (1971), quartierte er sich mehrere Wochen lang bei einer der berüchtigten New Yorker Mafia-Familien ein. Es sei ihm ein Vergnügen gewesen, erzählte er mir strahlend, einen Dollar mehr Vorschuss bekommen zu haben als Mario Puzo für seinen "Godfather".

Für eine Chronik seiner Familie verbrachte er mit seiner Frau Nan, Cheflektorin beim Verlag Doubleday, mehrere Wochen in Taormina – unweit von Catania übrigens, von wo die Sinatras herkommen. Von dort aus recherchierte er mithilfe von Assistenten in Archiven in Kalabrien, der Heimat seiner Vorfahren. Ich konnte ihn auch dabei beobachten, wie er in seinem Kellerbüro, im Brownstone der Taleses auf Manhattans East Side, eine breite Wand voller angehefteter Merkzettel ordnete und in Kisten voll mit Dokumenten nach einem weiteren Puzzleteil für sein Buch suchte.

Das Ergebnis, "Unto the Sons" (1992; deutsch: "Von den Vätern auf die Söhne"), ein weiterer Bestseller, war entsprechend voll minutiös geschilderter Einzelheiten aus dem Leben von vier Talese-Generationen. Der ansonsten wohlwollenden Kritik in der "Times" ist dies aufgestoßen. Ihn zu lesen sei, als würde man jemanden fragen, wie spät es ist, und man bekommt als Antwort die Geschichte der Schweiz erzählt.

Alles oder nichts

Man merkt dem fast 700 Seiten langen Buch an, dass Taleses Herzblut drinsteckt. So liebevoll erinnert er sich an seine Mutter Catherine, geborene DePaolo, die ihm vorgemacht hat, wie man gut zuhört und sich die nebensächlichsten Dinge merken kann. So genau beschreibt er die Fertigkeiten seines Vaters in Ocean Beach, New Jersey und seines Cousins Antonio Cristiani in Paris, die beide Schneider waren und ihr Handwerk als Kunst betrieben. (Das erklärt im Übrigen auch seine gediegenen Maßanzüge. Tom Wolfe mag der bekanntere Autor in meist cremefarbenen Dreiteilern sein, allein Talese ist der elegantere. Und ohne seinen keck schief aufgesetzten Fedora würde er nicht das Haus verlassen.)

Die Familienchronik macht eine Spur deutlich, die in vielen anderen von Taleses Texten ebenfalls angelegt ist. Immer wieder hat er sich mit italo-amerikanischen Schicksalen beschäftigt und identifiziert. Ob der berüchtigte Mafia-Clan der Bonannos oder die Einsamkeit von Baseball-Star Joe DiMaggio, ob das Ende seines neapolitanischen Lieblingsrestaurants Gino auf der Lexington Avenue oder die erotischen Eskapaden einer Familie Bullaro in seinem Buch über die US-Sexualmoral ("Thy Neighbor's Wife", 1981; deutsch: "Du sollst begehren", als Taschenbuch leider unter "Der Talese-Report"), von allen Seiten kommt er auf das Thema, sein Thema zurück: wie man es als compaesano in der Neuen Welt schafft. Oder nicht.

Das gilt natürlich auch und erst recht für Francis Albert Sinatra, Sohn von Martin Sinatra, dem Boxer, der im New York der Zwischenkriegszeit als "Marty O'Brien" kämpfen musste, weil die tonangebenden Iren das so wollten. Nicht der Star interessierte ihn, wiederholt der nach seinem Großvater Gaetano benannte Gay Talese, sondern seine Existenz zwischen Erfolg und Niederlage.

Da ist Frankie, der herrscht wie un padrone in der alten Heimat, der Gefälligkeiten verteilt und alles persönlich nimmt, weil er es so gewohnt ist und es sich leisten kann. Aber da ist auch der misstrauische Einzelgänger, der schon einmal aus dem Show-Geschäft abdanken musste und nicht weiß, wann es wieder passieren könnte.

All or nothing at all, wie Talese zitiert. Es ist, abseits des Ol'-Blue-Eyes-Kitsches, die Geschichte eines fragilen Traums, die Talese aufbereitet hat wie ein Bühnendrama. Nur besser noch: Es hat sich so ereignet. (Michael Freund, 13.12.2015)

Gay Talese (Text), Phil Stern (Fotos)
Frank Sinatra Has a Cold

Taschen-Verlag 2015
244 Seiten, 200 Euro


Frank Sinatra: Bandleader der Zeitlosigkeit

Der Sänger und Schauspieler Frank Sinatra wäre am Samstag 100 Jahre alt geworden. Er setzte Maßstäbe und definierte die Rolle des Entertainers stilvoll. ALPHABET von Dominik Kamalzadeh und Ljubisa Tosic

Ava

Wenn es nicht wahr ist, kommt es der Wahrheit zumindest sehr nahe: Jeden Tag habe sie ein Telegramm Sinatras erhalten, in dem er hauchte, wie sehr er sie liebe, gab Ava Gardner einmal preis. Die Beziehung mit der Schauspielerin war Sinatras wildeste. Um sie zu führen, verließ er seine erste Frau Nancy Barbato und drei Kinder. Die Hollywood-Diva war jedoch (wie er selbst) ein Mensch, der Genuss und Leidenschaft großschrieb. Bei einer ihrer ersten nächtlichen Ausfahrten fielen Schüsse. Partys und Alkohol waren beide nie abgeneigt, Sinatras Liebesdienste waren so verwegen wie seine Eifersucht. Die Ballade "I'm a Fool to Want You", die von der Unmöglichkeit der Zweisamkeit erzählt, schrieb er für sie. Trotz Scheidung nach sechs Jahren blieben sie stets verbunden. Nennen Sie es Liebe des Lebens.

Big Band

Jene bläserlastige Orchesterform, die Frank gerne um sich hatte. Musikhistorisch verständlich: Der Swing war der Stil jener Tage, als Frank begann; die Big Band war das hippe, dynamische Medium. Entdeckt wurde Frank denn auch 1939 von Bandleader und Trompeter Harry James, der ihm 75 Dollar die Woche zahlte. Etwas später wechselte Sinatra zur Big Band von Tommy Dorsey (125 Dollar die Woche). Auch als Superstar legte Sinatra Wert auf Big Bands und gute Arrangeure wie Nelson Riddle, Neal Hefti und Quincy Jones, der auch das Spätwerk "L.A. Is My Lady" produzierte. Mit den Big-Band-Großmeistern Duke Ellington und Count Basie gab es ebenfalls Aufnahmen. Am liebsten ging Sinatra am Abend ins Studio – da sei die Stimme am entspanntesten.

Demokraten

Sinatra wurde von den Republikanern einst verächtlich der "Schnulzensänger des New Deal" genannt, da er sich vehement für Roosevelt eingesetzt hatte. Doch John F. Kennedy gab der glamourösen Verstärkung 1962 einen Laufpass, weil er die Gerüchte über die Mafia-Verbindungen Sinatras fürchtete, über die sein Bruder Robert dem Präsidenten berichtet hatte. Der Ärger war groß und nachhaltig. Sinatra verließ bei der Ankunft von JFK die Stadt und zeigte den Demokraten fortan die kalte Schulter. 1970 kämpfte er an der Seite von Reagan und Nixon, den Sinatra früher einmal als Taugenichts bezeichnet hatte.

Frankie Trent

Ein Künstlername, den sich Sinatra in seiner Frühphase zugelegt hatte. Anfängerfehler.

Great American Songbook

Oberbegriff für jenes Kernrepertoire von Songs, die Jazz- und andere Sänger immer wieder reinterpretierten – auch Sinatra tat dies. Die Stücke stammen u. a. von Harold Arlen (Over the Rainbow), George Gershwin (Summertime), Jerome Kern (Ol' Man River), Henry Mancini (Moon River), Johnny Mercer (One for My Baby ...) und Cole Porter (I've Got You under My Skin).

Hoboken

Ebendort, in Hoboken, New Jersey, kam Frank Sinatra am 12. Dezember 1915 als Kind italienischer Einwanderer zur Welt. Vater Anthony Martin Sinatra (1894-1969) stammte aus Palermo und war Profiboxer, Feuerwehrmann und Kneipier. Mutter Natalie Dolly Sinatra (1896-1977) stammte aus dem norditalienischen Lumarzo bei Genua. Ihre Familie war gegen die Hochzeit mit dem Boxer. Sinatras Mutter blieb jedoch stur, wofür ihr die Musikgeschichte ewig zu Dank verpflichtet ist!

Inspiration

Crooner Bing Crosby war wichtig für Franks Wunsch, Sänger zu werden. Die große Tragödin des Jazzgesanges, Billie Holiday, war wichtig für seinen Stil. Hat Frank gesagt. Sie selbst sah ihre Verdienste eher – nüchtern.

Kopien

Im Zuge des Retrojazz kam es in den letzten Jahren zur Wiederbelebung jenes Stils, den Sinatra mitgeprägt hatte. Harry Connick, Jr., Michael Bublé, Jamie Cullum suchen, die Tradition der Lässigkeit weiterzutragen. Auch Robbie Williams würdigte den Stil der 1950er- und 1960er-Jahre, so gut er halt konnte.

Los Angeles

Dort ist Sinatra am 14. Mai 1998 gestorben. Auf Franks Grabstein steht "The Best is Yet to Come".

Manchurian

John Frankenheimers Cold-War-Thriller "The Manchurian Candidate" ("Botschafter der Angst", 1962) ist der vielleicht beste Film in der Hollywood-Karriere Sinatras. Als Major Marco arbeitet er daran, eine rechte, antikommunistische Verschwörung im eigenen Land zu vereiteln. Wenige Filme haben das Ausmaß der Paranoia mit so viel Lust am Deliriösen erforscht, Frankie-Boy bildet gleichwohl den letzten Rettungsanker der Vernunft. Was für eine Welt! Die Verschwörung ging auch nach dem Start weiter: Lange beschuldigte man Sinatra, der die Rechte auf den Film besaß, den Re-Release verzögert zu haben.

My Way

Auch so ein Song, der vor allem mit Frank Sinatra in Verbindung gebracht wird. Es handelt sich dabei aber eigentlich um das Chanson "Comme d'habitude", zu dem Paul Anka den englischen Text schrieb. Ab den 1970ern endete jedes Sinatra-Konzert mit dem Bekenntnisgesang.

Ocean

Danny Ocean, das Original. Einer, der nichts mehr im Leben liebt als die Gefahr: In "Ocean's Eleven" (Regie: Lewis Milestone, 1960) trifft auf seine Veranlassung eine Gruppe von Kriegsveteranen zusammen, um einen Coup zu landen. Fünf Casinos gilt es in einer Nacht auszurauben. Die Idee zum Film soll übrigens ein Tankwart geliefert haben. Die größten Rat-Pack-Stars in einem Film? Es war der noch größere High-Concept-Triumph des Films. Sinatra hatte mit seinen Kumpels Dean Martin, Sammy Davis Jr. und Peter Lawford Spaß. Damit nur ja keine Verwirrung aufkommt, hieß der Film in deutschsprachigen Ländern gleich "Frankie und seine Spießgesellen".

Phrasierung

Neben Timing und subtiler Behandlung von Texten ein wichtiges Erfolgskriterium für das Gelingen einer Interpretation. Bei Sinatra kam noch dies angeraute Timbre hinzu, das seiner Stimme eine diskrete Herbheit verlieh. Die Stimme konnte zerbrechlich, ab der Spätphase aber auch etwas autoritär klingen.

Rat Pack

Dieser Begriff, der Schauspielerin Lauren Bacall zugeschrieben wird, meint neben Sinatra als Kernpersonal Sammy Davis Jr., Dean Martin, Joey Bishop und Peter Lawford. Die "Rattenmeute" gab in Las Vegas Lausbubenshows (auch "Summits" genannt), die zahllose Hedonismus-Oscars einheimsten.

Strangers in the Night

Der Song (Melodie: Bert Kaempfert) gehört zu den erfolgreichsten Sinatras. Er soll ihn nicht sonderlich gemocht haben. Klar. Wer den subtilen Sinatra, besonders im Balladenfach, studieren will, der höre "Last Night When We Were Young" (auf "September of My Years", Reprise, 1965) oder "It Was a Very Good Year". Große poetische Tiefe!

The Voice

Einer der Spitznamen von Sinatra. Andere waren "Ol' Blue Eyes" und "Chairman of the Board". Letzteren, den er nicht mochte, bekam er als Präsident seiner Plattenfirma Reprise Records, die er dann an Warner verkaufte.

Woody

Hier bewegen wir uns im Kosmos ungesicherter Informationen: Ronan Farrow ist zwar Mia Farrows Sohn, über die Vaterschaft herrscht aber Unklarheit. Woody Allen ist die eine Möglichkeit, die andere aber heißt Frank Sinatra, mit dem Farrow zur fraglichen Zeit (1987) freilich nicht mehr offiziell liiert war. Der blauäugige Ronan konterte die Spekulationen souverän: "Möglicherweise sind wir alle Söhne von Frank Sinatra."

Zinnemann

Der Hollywood-Österreicher Fred Zinnemann inszenierte Sinatra als Italoamerikaner Maggio in "From Here to Eternity" ("Verdammt in alle Ewigkeit", 1953), es war der wohl wichtigste Part seiner Laufbahn. Die Rolle des so gutherzigen wie zerbrechlichen G.I.s war sein erster seriöser, fordernder Schauspieljob, der ihn zudem aus dem Karrieretief holte. Darum, wie er die Oscar-gekürte Rolle bekam, ranken sich Legenden. Die nachhaltigste davon verfestigte Francis Ford Coppolas "The Godfather" ("Der Pate", 1972) durch seine angeblich an Sinatra angelehnte Geschichte eines Schauspielers, der nur durch Intervention der Mafia (und per abgetrennten Pferdekopf) zu seinem Part kam. In Wahrheit dürften sanftere Mittel zum Einsatz gekommen sein: Ava Gardner soll so lange Sinatra ins Ohr von Columbia-Chef Harry Cohn geflüstert haben, bis dieser weich wurde. (ALPHABET: Dominik Kamalzadeh und Ljubisa Tosic, 12.12.2015)

Neu: CD-DVD-Box "All or Nothing at All" (Universal) und die Biografie "Sinatra und seine Zeit" von Johannes Kunz (LangenMüller)