Die richtige Arbeit beginnt erst nach dem Klimagipfel

Kommentar12. Dezember 2015, 20:37
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Der neue globale Klimavertrag ist nur der erste Schritt um die Ära der fossilen Energie zu beenden

Die Welt wurde noch nicht gerettet. Zwei Wochen verhandelten, berichteten und demonstrierten insgesamt mehrere zehntausende Menschen in Paris für die Zukunft des Planeten: Zuletzt sogar Tag und Nacht, um noch einen notwendigen Kompromiss zu erringen. Doch die richtige Arbeit beginnt erst am Montag, nach dem Ende der UN-Klimakonferenz in Paris. Die Zeichen und Maßnahmen, die durch den neuen globalen Vertrag zum Klimaschutz am Samstag gesetzt wurden, sind aber eindeutig zu lesen: Die Ära der fossilen Energieträger soll in den nächsten Jahrzehnten enden.

Zum ersten Mal konnten sich 196 Staaten darauf einigen, gemeinsame Anstrengungen gegen den zunehmenden – vom Menschen produzierten – CO2-Ausstoß zu unternehmen. Die globale Erderwärmung soll unter zwei Grad bleiben, 1,5 Grad wurden im Vertrag empfohlen. Zudem wurden technische und finanzielle Schritte gesetzt, um jenen Ländern zu helfen, die besonders vom Klimawandel betroffen sind. Der Spitzenwert bei der Emission von Treibhausgasen soll 2050 erreicht sein. Ab 2100 soll eine Emission durch den Menschen vorbei sein. Im Vertrag wird betont, dass jeder Staat Verantwortung trägt und so viel für dieses Ziel unternehmen soll, wie er kann.

Die Finanzierung von Klimaschutzmaßnahmen wurde zwar festgelegt, doch die von Schwellen- und Entwicklungsländern geforderte "Differenzierung" wird im neuen Vertrag nicht mehr strikt gezogen. Alle Staaten sollen einen Beitrag leisten, Industriestaaten sollen jedoch den Großteil der rund 91 Milliarden Euro jährlich ab 2020 bereitstellen. Öl- und Schwellenländer sollen sich laut Text "freiwillig" beteiligen. Kritiker meinen, dass Industriestaaten als Hauptverursacher der Umweltverschmutzung "zu billig davon kommen".

Kritik kam unmittelbar nach der Einigung an den Ambition und an dem Zeitrahmen. Denn das Abkommen wird erst 2020 in Kraft treten. Um die Erderwärmung unter zwei Grad zu halten dürfen die Emissionen nur mehr bis 2020 steigen und müssen danach rasch sinken. Die derzeitigen Zugeständnisse der Vertragsstaaten können dieses Ziel aber nur zur Hälfte erreichen, kritisierte etwa der WWF. Auch Greenpeace betonte, dass der CO2-Ausstoß wesentlich früher reduziert werden müsse. Eine erste Begutachtung der nationalen Bemühungen wird außerdem erst 2023 statt finden, 2018 gibt es jedoch eine informelle Bewertung. Die Regel der Transparenz gilt für alle Staaten, das Fortkommen im Bereich Klimaschutz wird nach dem Entwicklungsstand des Landes gemessen. Nachhaltige Energiegewinnung soll besonders unterstützt werden.

Die Klimagipfel der vergangenen Jahre waren immer zäh, die Ergebnisse wurden – oft zu Recht – kritisiert. Doch zumindest haben sie dafür gesorgt, dass sich die Staaten an einen Tisch setzten, dass danach klimapolitisch nicht mehr ganz so destruktiv weitergemacht wurde. Und wenn, dann gab es zumindest lautere Kritik anderer Länder daran. Klimaschutz wird nicht mehr als Luxusthema wahrgenommen. Die Folgen des Klimawandels sind nicht nur durch zahlreiche wissenschaftliche Erhebungen belegt. Die Menschen spüren sie am eigenen Leib. Eine überwiegende Mehrheit an Klimaforschern fordert schon seit Jahren, rasche Schritte zu setzen, um die globale Erderwärmung im Vergleich zur vorindustriellen Zeit auf allerhöchstens zwei Grad zu begrenzen. Je länger gewartet wird, umso irreversibler, teurer und verheerender würden die Folgen eines Lebensstils sein, der nach stetigem Wachstum giert. Doch bis zur Klimakonferenz in Paris fiel die internationale Klimapolitik vor allem durch Stillstand auf.

Und das, obwohl fast jeder Monat einen neuen Temperaturrekord markiert. Bis Oktober lag die Durchschnittstemperatur an der Erdoberfläche laut der US-Wetterbehörde NOAA um 0,86 Grad Celsius über dem Mittel des 20. Jahrhunderts. Ganze Regionen, etwa am Persischen Golf, werden unbewohnbar. Inselstaaten drohen durch einen steigenden Meeresspiegel zu versinken. In Kalifornien werden die verdorrten Wiesen auf Golfplätzen bereits mit grüner Farbe angemalt. Nichtstun ist längst keine Option mehr.

Doch auch in der ersten Verhandlungswoche war noch ein leichter Pessimismus spürbar, ob am Ende ein effizientes Instrument geschaffen wird, um dem Klimawandel entgegenzusteuern. Die Euphorie wurde zudem durch ein Versammlungsverbot getrübt, das nach den Anschlägen in Paris verhängt wurde. Eine überraschende Allianz brachte in der zweiten Woche wieder Tempo in die Verhandlungen: Die EU, die USA, Deutschland und Länder aus Afrika, Lateinamerika, dem Pazifik und der Karibik warben öffentlichkeitswirksam für ehrgeizigere Klimaschutzziele: Statt einer Obergrenze von zwei Grad Celsius wurden 1,5 Grad Celsius gefordert.

Mit den Zugeständnissen im Rahmen des Klimagipfels ist die Arbeit aber eben nicht getan. Bis 2018 wird sich zeigen, wie verlässlich die Länder beginnen, ihre Zusagen umzusetzen. Auch Österreich hat noch viel zu tun. Ein Beispiel sind die Subventionen für Kohle: Die Verbrennung von Kohle ist in Österreich zwar mit 50 Euro pro Tonne besteuert. Wenn jedoch dabei Strom erzeugt wird, fällt diese Steuer weg. Umweltminister Andrä Rupprechter (ÖVP) kündigte im Interview mit dem STANDARD zwar an, dass diese Vergünstigung wegfallen soll – jedoch erst 2020. Zudem gehen in Österreich pro Tag rund 28 Fußballfelder an fruchtbarem Boden verloren. Die wichtige CO2-Senke wird für Straßen, Lagerplätze oder Golfplätze versiegelt. (Julia Schilly, 12.12.2015)

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