Olga Flor: Tektonische Verschiebungen

11. Dezember 2015, 14:45
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Vom Auseinanderdriften der Gesellschaft, dem Wunsch nach Abgrenzung und den Kosten: Renationalisierung und Islamismus

Dass Menschen nach Europa fliehen, dass sie alle Fluchtgründe haben, die man sich nur vorstellen kann und lieber nicht vorstellen will, ist eine Tatsache, ebenso, dass es die humanitäre Pflicht Europas ist, diese Menschen menschenwürdig aufzunehmen und so rasch wie möglich alles zu tun, um sie wirklich hier ankommen zu lassen. Nur Respekt ermöglicht Selbstrespekt, der wiederum Respekt und Teilhabe. Dass Europa den vor Kriegen Flüchtenden eine Zukunft in Sicherheit und Freiheit bieten kann, sollte stolz machen, wie der Schlagersänger Roland Kaiser in Dresden formulierte. Ausgerechnet, möchte man nach den Erfahrungen mit den Pegida-Demonstrationen sagen, doch das greift eben zu kurz.

Nicht zu leugnen ist, dass es auch innerhalb Europas und aus Europa hinaus immer wieder Fluchtbewegungen gegeben hat, Menschen, die keine Zukunft mehr sahen und oft tatsächlich keine mehr hatten, aus politischen, religiösen oder sozialen Gründen, aufgrund rassistischer Verfolgung und drohender Ermordung. Nicht selten aus Armut, beispielsweise mit dem Sehnsuchtsziel Amerika.

Fundamentale Fragen

Bei allen Friktionen, die der aktuelle Aufnahmeprozess hervorrufen wird und bereits hervorruft: Flucht ist die größte Herausforderung für die Flüchtenden selbst, für die Menschen, die alles hinter sich lassen müssen. Nun ist Europa ein Sehnsuchtsort geworden, und das kann, wie gesagt, durchaus auch mit Stolz erfüllen.

Dennoch werden die Risse, die in fundamentalen Fragen schon seit einiger Zeit durch die EU verlaufen, immer deutlicher, nicht zuletzt in der Zuspitzung der Finanzkrise. Durch das offenkundige Versagen der Gemeinschaft angesichts der Zahl der Hilfesuchenden wird dieser Trend noch verschärft.

Die deutsche Kanzlerin – mit zumindest teilweiser Unterstützung anderer Regierungen wie etwa der österreichischen und der schwedischen – sieht eine historische Verantwortung ihres Landes und handelt danach, gegen sehr viel Widerstand im In- und Ausland, eine Haltung, die größten Respekt verdient. (Dass Erstaufnahmeländer wie Griechenland und Italien weitgehend alleingelassen wurden und werden, ist die Kehrseite.)

Auf europäischer Ebene droht ein Rückbau des Gemeinsamen, der Verlust von Einfluss der Politik zugunsten von Konzernen, ebenso eine Zersplitterung in Kleinstaaten, die ihre Grenzen eifersüchtig behüten, mehr noch, diese Prozesse sind bereits in Gang und nehmen fröhlich Fahrt auf. Innerhalb der Gesellschaft werden Spaltungen immer tiefer und sichtbarer, das neoliberale Auseinanderdriften in klar separierte Geldstände schürt Abstiegsangst, die mischt sich mit dem Wunsch nach Abgrenzung (im Rahmen einer vermeintlich homogenen Gruppe) als letzter haltversprechender Schimäre in unheiliger Allianz, sei es auf der fremdenfeindlichen oder der islamistischen Seite.

Dem gilt es dringend entgegenzuwirken, in Begegnung, Gespräch und der Vermittlung echter Auffanghilfen, wenn das Unheil der Radikalisierung bereits stattgefunden hat, in Bildung und soziale Durchlässigkeit der Gesellschaft sowieso. Ghettoisierung und das Sich-selbst-Überlassen sind der sichere Weg in eine dramatische Verschärfung der Lage. Es braucht intensives, nicht nur ehrenamtliches, sondern gerade auch staatliches Engagement, um die Gesellschaft(en) an Krisen wachsen und wieder zusammenwachsen zu lassen.

Ja, das kostet Geld, doch es ist Geld, das in die Zukunft der Heranwachsenden, den sozialen und politischen Frieden investiert wird, in die Zukunft eines gemeinschaftlichen Europa und des Fortbestands demokratischer, rechtsstaatlicher Gemeinwesen. Brandaktuell und überlebenswichtig, und allemal erfolgversprechender als Kriegseinsätze, bei denen die Ziele der Beteiligten völlig divergent zu sein scheinen.

Ein augenscheinlich sinnloser Zaun, der derzeit in Österreich trotz Protesten in populistischer Hektik errichtet wird, fände da eigentlich nur noch im Rahmen einer traurigen Fußnote Platz, wäre die Sache nicht so unklug und teuer: Der Zaun ist bloß ein Manifest der allgemeinen Ratlosigkeit, doch er kostet Geld, das wahrhaftig besser genutzt werden könnte, und hat unheilvollen Symbolwert. Und zwar für kleinstaatliche Abschottung und die fortschreitende Wiederzerstückelung Europas. (Olga Flor, Album, 11.12.2015)

  • Unheilvoller Symbolwert: der Grenzzaun als Manifest der  allgemeinen Rat- und Visionslosigkeit.
    foto: imago/martin bäuml fotodesign

    Unheilvoller Symbolwert: der Grenzzaun als Manifest der allgemeinen Rat- und Visionslosigkeit.

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