Wissen, was der Kollege verdient – für faire Bezahlung

11. Dezember 2015, 12:16
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Einkommensberichte sollen für mehr Gerechtigkeit bei Gehältern führen. Ein Großteil der Angestellten kennt diese aber nicht

Was hat Facebook mit dem Gehaltsunterschied zwischen Frauen und Männern zu tun? Auf den ersten Blick nicht so viel. Beim Papier- und Verpackungsmittelhersteller Mondi dient das soziale Netzwerk aber als Vorlage für das neu gestaltete Intranet. Alle Mitarbeiter haben Profile, ähnlich wie auf Facebook. Auch Veranstaltungen, interne Ankündigungen, Zielvereinbarungen – und eben Einkommensberichte – sollen den Mitarbeitern im benutzerfreundlichen Intranet zugänglich sein.

Gerechtigkeit durch eine Liste

Wolfgang Knes kommt ins Schwärmen, wenn er über das neue System spricht. Als Vorsitzender des neu gegründeten Welt-Betriebsrats vertritt er 26.000 Mondi-Mitarbeiter aus 30 Ländern. Obwohl es in anderen Ländern nicht die gleichen gesetzlichen Vorgaben wie in Österreich gibt, werden die Einkommensberichte auch dort veröffentlicht. "Natürlich war das den Kolleginnen und Kollegen zunächst nicht leicht klarzumachen. Da war es ein Vorteil, dass das Hauptquartier in Wien ist."

Fast fünf Jahre ist es her, seitdem die Neuerungen im Gleichbehandlungsgesetz in Kraft traten, damit sich die Lohnschere zwischen Männern und Frauen endlich schließt. Ein Werkzeug dafür sind die Einkommensberichte. Wer hier allerdings an Listen mit Namen, Abteilung und Gehalt denkt, liegt falsch. Der Bericht muss anonymisiert sein. Veröffentlicht wird das durchschnittliche Einkommen von Frauen und Männern in den jeweiligen Verwendungsgruppen und Verwendungsgruppenjahren. In Betrieben mit mehr als 150 Mitarbeitern müssen diese Listen alle zwei Jahre erstellt werden.

Kaum jemand weiß Bescheid

Die Maßnahmen für mehr Transparenz wurden unlängst evaluiert. Demnach würden die Einkommensberichte zwar flächendeckend umgesetzt, entsprächen aber meist nur den gesetzlichen Mindestanforderungen, sagte Gundi Wentner von Deloitte, wo die Evaluierung in Kooperation mit Ifes und ÖSB Consulting durchgeführt wurde. Der Informationsstand der Beschäftigten sei gering: Innerhalb der Betriebe ab 150 Angestellten wisse nur ein Viertel, dass es einen Bericht gibt. Lediglich ein Sechstel der befragten Arbeitnehmer gab an, dass im Betrieb über den Einkommensbericht informiert wurde.

Das deckt sich mit der Einschätzung von ÖGB-Vizepräsidentin Renate Anderl. Es werde langsam besser – immer mehr Unternehmen würden die Berichte umsetzen. "Aber wir wünschen uns noch mehr. Vor allem eine Auseinandersetzung mit den Zahlen, die veröffentlich werden", sagt die Gewerkschafterin. Auch sie hält fest, dass viele Beschäftigte nicht von den Berichten wüssten. Es brauche Verbesserungen, etwa dass die Berichte in jährlichen Wirtschaftsgesprächen auf die Tagesordnung kommen, oder eine bessere Lesbarkeit. "Es kann ja auch sein, dass Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern gerechtfertigt sind. Das muss ersichtlich werden", sagt Anderl.

Weitere Schritte

Auch in der Evaluierung wird eine stärkere Differenzierung der Jahresentgelte in Grundlohn, Zulagen, Überstunden und Sachbezüge vorgeschlagen. Fazit: Unternehmen halten sich zwar an die Gesetze, die Einkommenssituation für Frauen hat sich aber noch nicht verbessert. Gewerkschaft, Gutachter und Ministerin Heinisch-Hosek sind sich einig: Weitere Schritte sind notwenig.

Auch Knes ist das Schließen des Gender Pay Gap ein Anliegen. Natürlich müsse man bei Mondi bedenken, sagt er auf die internen Zahlen angesprochen, dass es ein produzierendes Unternehmen sei und deswegen mehr Männer beschäftigt seien. Durch die Berichte könne aber auch klar erkannt werden, in welchen Positionen neue Stellen bevorzugt mit Frauen nachbesetzt werden. (Lara Hagen, 11.12.2015)

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  • Der Gender Pay Gap belief sich laut Eurostat 2014 auf 22,4 Prozent. Seit 2011 die Einkommensberichte eingeführt wurden, hat sich die Lohnschere zwischen Frauen und Männern nur um 1,5 Prozent verbessert.
    foto: istock

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