Ein Jahr lang keine Klamotten

12. Dezember 2015, 09:34
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Wider den ständigen Klamottenkauf, wo bleibt die nächste Gleichstellungsstrategie der EU und erst viermal war es "Time" für eine Frau

It's Time für Frauen: Das "Time Magazine" verlieh diese Woche seinen Titel "Person of the Year 2015" Angelika Merkel. Ein seltenes Ereignis für Frauen, denn die seit 1927 vergebene Ehre wurde vor allem Männern zuteil. Den ersten Titel als "Person des Jahres" erhielt 1936 Wallis Simpson und bereits im darauffolgenden Jahr wurde es wieder eine Frau, Song Meiling. Königin Elisabeth II. wurde Person des Jahres 1952, 1975 wurden die "American Women" gleich zu einer "Person des Jahres" zusammengefasst. 1986 wurde die Präsidentin der Republik der Philippinen, Corazon Aquino ausgezeichnet, allerdings als "Frau und Mann des Jahres". 2002 war es die Gruppe von Informantinnen Whistleblowers. Angela Merkel als einzelne Frau ist somit erst die vierte Frau, der der Titel "Person of the Year" verliehen wurde.

Keine Strategie: Erst diese Woche wurde beim Treffen der EU-SozialministerInnen eine EU-Richtlinie über eine Frauenquote in Aufsichtsräten verhindert. Die Blockadehaltung von Großbritannien, Polen und Deutschland verhinderte eine Einigung. Dass es die EU mit der Umsetzung von Gleichstellung von Männern und Frauen generell nicht so ernst nehme, kritisierten nun "United Nations Entity for Gender Equality and the Empowerment of Women" und das "European Institute for Gender Equality" mit diesem Video:

europeanwomenlobby

Es gebe eine Strategie für die Sicherheit von Seefracht, eine für den digitalen Binnenmarkt, eine Strategie für sichere Energie und und und ... Aber: Ab 2016 gibt es keine Strategie mehr zur Gleichstellung von Männern und Frauen. Die bisherige Gleichstellungsstrategie der EU startete am 21. September 2010 und lief bis 2015, unter anderem mit den Schwerpunkten wirtschaftliche Unabhängigkeit, Lohngerechtigkeit, Gleichstellung in der Außenpolitik oder Beseitigung der Gewalt gegen Frauen.

Wer nicht gebärt, wird angefeindet: Kinder Ja oder Nein? Das ist keine Entscheidung, die von der Gesellschaft wertfrei zur Kenntnis genommen wird. Wenn Frauen öffentlich und endgültig Nein zu eigenen Kindern sagen, zeigt sich mitunter, wie sich der Wunsch nach Kindern womöglich mit den herrschenden Vorstellungen vermischt, wie Frauen leben sollen. Die britische Journalistin Holly Brockwell ist sich trotzdem sicher: Sie will keine Kinder bekommen und möchte sich daher sterilisieren lassen. Einen Arzt oder eine Ärztin dafür zu finden ist schier unmöglich, wie sie in einem Artikel beschrieb.

"Egoistisch" gehört noch zu den freundlicheren Kommentaren auf Twitter über ihr öffentliches "Bekenntnis". Man könne ihr ruhig die Gebärmutter entfernen, schrieb ein User, Herz habe sie ja ohnehin keines. Und der "Independent" berichtete sogar, Brockwell habe von einem Sicherheitsbeamten zu ihrem Auto begleitet werden müssen. Auch die deutsche Moderation Sarah Kuttner wurde angefeindet, nachdem sie öffentlich gesagt hatte, keinerlei Interesse am Kinderkriegen zu haben. Sarah Diehl, Autorin des Buches "Die Uhr, die nicht tickt", erklärt in der "Süddeutschen" den Ärger mitunter damit, dass es Frauen generell übel genommen wird, wenn sie sich weigern, die traditionelle Rolle der Gebärenden zu erfüllen.

Experiment: Ein Jahr lang keine Klamotten kaufen – von diesem Experiment wird auf "kleinerdrei" berichtet. Die Motivation von Autorin Anika Lindtner lag in einem bewussteren Umgang mit Kleidung und in Müllvermeidung. Außerdem werden mit den vielen Teilen, die gekauft und oft nie bis selten getragen werden, völlig unnötig die ausbeuterischen Herstellungsbedingungen unterstützt, schreibt Lindtner und fragte sich außerdem: "Was passiert mit mir und meiner Körperwahrnehmung, wenn ich mich in nichts noch Neueres und noch Schöneres wickeln kann?" Es wurde viel geflickt dieses Jahr und das bestehende Kleidungssortiment wuchs der Autorin richtig ans Herz, und weniger Stress mit "Was könnte ich haben?", "Was soll ich kaufen?" gab es auch. (red, 12.12.2015)

dieWochenschau versammelt einige feministische Debatten und Ereignisse der vergangenen Woche, die in Blogs, sozialen Medien oder anderen Zeitungen aufgetaucht sind.

  • Ein Jahr keine Kleidung kaufen, das hat viele Vorteile, wie auf dem Blog "kleinerdrei" nachzulesen ist.
    foto: reuters / jon nazca

    Ein Jahr keine Kleidung kaufen, das hat viele Vorteile, wie auf dem Blog "kleinerdrei" nachzulesen ist.

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