Kuchentratsch: Geflohenen Routine schenken

Reportage13. Dezember 2015, 17:00
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Ein Heuriger in Traiskirchen dient geflüchteten Familien als Rückzugsort. Helferinnen stehen ihnen mit Rat und Tat zur Seite

Familie Garniev spielt mit ihrem kleinen Sohn, der gerade auf einem Schaukelpferd sitzt. Die Bewegungen sind noch unkoordiniert, dennoch schwingt das Spielzeug in beinahe fließenden Bewegungen. Das Kind quietscht, die Eltern schmunzeln. Dieser Mittwoch ist für die Flüchtlinge aus Tadschikistan kein gelebter Alltag, sondern die geliebte Ausnahme. Während Mutter und Kind im Flüchtlingslager in Traiskirchen untergebracht sind, lebt der Vater einige Kilometer entfernt in einer Notunterkunft. "Der Sinn der Aktion ist, dass der Mann mit seiner Familie ein paar Stunden hat, bevor sie sich wieder trennen müssen", sagt Yvonne Frey, Initiatorin vom Flüchtlingsprojekt Mommys Coffee Time.

Kaffeehausstimmung

Ursprünglich war die Veranstaltung vor allem für stillende und werdende Mütter mit ihren Kindern gedacht, als Rückzugsort und Ruheraum. Nun sind auch Väter willkommen. "Während der ersten Wochen wurden wir förmlich überrannt, jeden Mittwoch kamen über 200 Leute. Damals haben wir strenger selektiert, wer reindarf," sagt Frey, die hauptberuflich in einer Flüchtlingsbetreuungseinrichtung arbeitet.

An diesem Nachmittag ist es wesentlich ruhiger, rund 40 Leute sind gekommen, vorwiegend junge Mütter. Provisorisch wird der Heurige des Traiskirchner Bürgermeisters jeden Mittwoch für drei Stunden in ein Müttercafé verwandelt – mittlerweile seit knapp vier Monaten. Neben einer selbstgekochten Mahlzeit, Tee und Marmorkuchen warten auf die Gäste Kinderkleidung und Babynahrung. Inzwischen ist der Lärmpegel im Raum deutlich angeschwollen, während die Freiwilligen Essen und Kleider ausgeben, telefonisch für die Flüchtlinge etwas koordinieren oder einfach nur zuhören, reden die Flüchtlinge miteinander – eine Kaffeehausstimmung entsteht.

Im hinteren Teil des Raumes ist eine Decke am Holzboden ausgebreitet, diese ist von Spielzeug überhäuft. Seelenruhig sitzen Kinder darauf und beschäftigen sich mit dem bunten Angebot, die unterschiedlichen Sprachen und die Herkunft der Kinder scheinen dabei kein Problem darzustellen. Ein Gezanke um das Spielzeug gibt es nicht, im Gegenteil: Die Kinder spielen miteinander, die etwas Älteren achten auf die Jüngeren.

Babykörbchen

Yvonne Frey beobachtet das Treiben im Heurigen. Sie nimmt einen Schluck von ihrem Schwarztee und lässt die vergangenen Monate Revue passieren. "Im Juli gab es Berichte von Babys, die in Traiskirchen auf der Straße schlafen mussten. Ich tat mir schwer, abends ins Bett zu gehen im Wissen, dass in der Nähe Babys am Boden schlafen müssen."

Dann sei alles ganz schnell gegangen. Die Pädagogin sammelte Bastkörbchen, verwandelte sie in Babybetten und verteilte sie an die Flüchtlinge. Kurze Zeit später stellte Bürgermeister Andreas Babler der Pädagogin und ihren Kolleginnen seinen Heurigen einmal pro Woche zur Verfügung. Inzwischen ist man auf der Suche nach einem anderen Raum, einer Art Wohnzimmer, in den vor allem schwangere Frauen regelmäßiger kommen könnten, um sich auszuruhen.

Das Team ist mittlerweile auf 15 Helferinnen angewachsen –darunter Hebammen, Psychologinnen, Dolmetscherinnen, die Frauen sind gut vernetzt. Seit dem Sommer engagieren sie sich freiwillig, versuchen Familienleben, Joballtag und ihr Projekt unter einen Hut zu bringen.

Bewegende Schicksale

Eine junge Frau sitzt apathisch auf einer Holzbank. Sie spricht fast kein Wort Englisch, nur Serbisch. Ihr blond gefärbtes Haar mit dunkelbraunem Ansatz hat sie lose zu einem Zopf zusammengebunden. Vertieft beobachtet sie ihre dreijährige Tochter, diese spielt ruhig mit den anderen Kindern. Ihre dunklen Augen umspielt kein Glanz, sie wirkt traurig. Ende September ist ihr sechs Wochen alter Sohn in Traiskirchen an plötzlichen Kindstod gestorben.

"Die größte Herausforderung für mich ist meine persönliche Betroffenheit. Das Wissen, dass das Landen der Menschen in Traiskirchen noch lange kein Ankommen ist", sagt Hebamme Alexandra Horatschek. Doch trotz der berührenden Schicksale sei das Projekt etwas sehr Positives für sie. Es gebe schließlich immer wieder Erfolgserlebnisse.

Helferin Andrea Neuberger ist zum Zuhören da. "Diese Menschen waren auf der Flucht fremdbestimmt, wichtig für mich ist es, sie wieder in ihre Handlungskompetenz zu führen." Die Psychologin legt Wert darauf, dass die Flüchtlinge selbst entscheiden, ob sie zum Beispiel eine Kleidung haben wollen oder nicht. "Auch wenn es banal klingt: Die Menschen müssen wieder eine Entscheidungskompetenz bekommen und damit Kontrolle über ihr Leben erlangen", sagt sie.

Zeit nehmen

Langsam leert sich der Heurige. "Danke, auf Wiedersehen. Thank you for everything", sagt ein junger Flüchtling. Herr Garniev sieht zaghaft von seinem Sohn auf. Eine Sorgenfalte umspielt seine Stirn. "We have time", beruhigt Hebamme Horatschek den Mann, der bisher den Blick von seinem Kind kaum abgewendet hat. Die Helferinnen werden den Mann am frühen Abend zurück in die Notschlafstätte bringen, seine Frau und das Baby müssen wieder ins Flüchtlingslager Traiskirchen. "Es ist ein langer und mühsamer Prozess, diese Familie wieder zusammenzubringen. Alle Ämter und Behörden sind überlastet. Dadurch entsteht die Gefahr, dass solche Schicksale verschleppt werden", sagt Yvonne Frey. In ihrem Quartier hätte sie sogar ein Zimmer für die ganze Familie frei gehabt.

Die Helferinnen sind müde, die letzten Monate haben an ihren Kräften gezehrt. Dennoch schmieden sie bereits Pläne für die Zukunft: Derzeit werden in Traiskirchen vorrangig unbegleitete minderjährige Flüchtlinge untergebracht, auch denen solle man doch helfen können. "Die Not ist halt zu groß und die Frage ist, wo man aufhören kann", sagt Frey. (Sophie-Kristin Hausberger, 13.12.2015)

  • Geflüchtete Familien können hier ein paar Stunden entspannen, und Väter können ihre Frauen und Kinder treffen, von denen sie mitunter getrennt untergebracht wurden.
    foto: hausberger

    Geflüchtete Familien können hier ein paar Stunden entspannen, und Väter können ihre Frauen und Kinder treffen, von denen sie mitunter getrennt untergebracht wurden.

  • Pädagogin Yvonne Frey: "Ich tat mir schwer, abends ins Bett zu gehen im Wissen, dass in der Nähe Babys am Boden schlafen müssen."
    foto: hausberger

    Pädagogin Yvonne Frey: "Ich tat mir schwer, abends ins Bett zu gehen im Wissen, dass in der Nähe Babys am Boden schlafen müssen."

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