Wenn Wohnungen schrumpfen und der Stress wächst

13. Dezember 2015, 10:00
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Mikrowohnungen sind ein neues Lieblingsthema von Investoren: Steigen die Immopreise, schrumpfen die Wohnungen

Sie werden Smartments oder Mikroapartments genannt und erfreuen sich bei Investoren in den großen deutschen Städten wachsender Beliebtheit. Nun schwappt der Trend auch nach Österreich über: Der deutsche Entwickler GBI beispielsweise, der bisher am deutschen Markt unterwegs war, will sein Konzept nun nach Wien bringen. Wie auf der Expo Real bekannt wurde, soll beim Hauptbahnhof ein "Smartments Business Longstay-Hotel" mit 157 Apartments entstehen. Mit genaueren Informationen hält sich der Entwickler noch bedeckt.

Konkreter sind die Pläne im Viertel Zwei: In der Krieau entstehen im Projekt "Studio Zwei" Zweizimmerwohnungen mit 32 Quadratmetern und Balkon. Auf Wunsch werden die Wohnungen möbliert übergeben – inklusive ein- und ausklappbarer Küchenzeile. Die Fassade soll vertikal begrünt werden. Das Erdgeschoß wollen die Entwickler durch zwei 40 Quadratmeter große Wohnküchen beleben, die von Bewohnern und Externen gebucht werden können, berichtet Walter Hammertinger, Geschäftsführer der IC Projektentwicklung: "So wollen wir ein bisschen Leben hineinbringen." Vor kurzem wurde mit der Vermarktung des Projekts begonnen. Eine Wohnung kostet zwischen 140.000 und 190.000 Euro. Die Zielgruppe: Studierende der nahen WU sowie Menschen, die unter der Woche in Wien arbeiten oder einen Zweitwohnsitz für das Wochenende in der Bundeshauptstadt suchen.

Auch Psychologen machen sich Gedanken über den Trend zu kleineren Wohnungen: "Je enger die Wohnung, umso wichtiger werden planerische Maßnahmen", betont der deutsche Architekturpsychologe Riklef Rambow. Denn andernfalls entsteht Stress: Die Architektur- und Arbeitspsychologin Christina Kelz spricht von "Beengungsstress", der sich körperlich, etwa durch erhöhte Herzfrequenz, und psychisch, etwa durch Rückzug, Konzentrationsschwierigkeiten, Aggression und Depression, äußern kann.

Fehlende Umweltkontrolle

Laut Studien ist der Stress bei Bewohnern dann besonders hoch, wenn die Wohnungen entlang eines Korridors aneinandergefädelt sind. Geringer ist der Stress demnach, wenn die Wohneinheiten beispielsweise rund um einen gemeinsam genutzten Bereich angeordnet sind, wie das bei Altenheimen oft der Fall ist. Ein weiterer Stressfaktor, so Kelz, ist eine fehlende Umweltkontrolle – etwa indem die Heizung nicht individuell eingestellt werden kann oder wegen kontrollierter Wohnraumentlüftung. "Aber ich wage zu bezweifeln, dass das alle Planer bereits begriffen haben", sagt Kelz.

Inwieweit Planer bei Kleinstwohnungen überhaupt an das Stresslevel der künftigen Bewohner denken, will Rambow nicht einschätzen: "Teilweise ist sicher ein großes Interesse an der Rendite da." Doch auch der Komfort sei in vielen solchen Projekten wichtig – als "Trade-off", so Rambow, für die fehlenden Flächen. Oft gibt es einen Concierge, Fitnessräume und Dachterrassen. Für Wohnpsychologin Kelz sind diese Gemeinschaftsbereiche ohnehin ein unverzichtbarer Faktor bei Mikrowohnungen.

"Es braucht diese halböffentlichen Räumlichkeiten, die von einer überschaubaren Anzahl an Menschen genutzt werden", sagt sie. Idealerweise seien diese Flächen über das ganze Haus verteilt, auch eine "Besiedelungsbegleitung" als Schnittstelle zwischen Architektur und Bewohnern fände sie wichtig. "Psychologisch wäre es hochproblematisch, wenn jeder Bewohner einfach in seinem Loch verschwindet", betont Rambow.

Gemeinschaftliche Modelle

Dass sich das Wohnen im Kleinen in Wien wirklich wie beispielsweise in Tokio durchsetzt, glaubt Rambow ohnehin nicht: "Aber würde es solche Projekte in großem Ausmaß geben, würde das natürlich auch einen Kulturwandel in der Stadt bringen." Denn dann würden sich bestimmte Tätigkeiten in den öffentlichen Bereich verlegen – die Menschen also beispielsweise nicht mehr zu Hause kochen und essen.

Hinter den Mikrowohnungen steht für Rambow auch die zunehmende Vereinzelung in der Gesellschaft. Planerisch viel erstrebenswerter sind für ihn gemeinschaftliche Wohnmodelle – etwa wie im Wohnprojekt Kalkbreite in Zürich, wo unterschiedliche Wohnformen erprobt werden. Auch die Seestadt Aspern sei in dieser Hinsicht spannend, sagt Kelz. Auch dort würden Baugruppen hochwertiges Wohnen auf kleinem Raum, aber mit Gemeinschaftsbereichen, verwirklichen. (Franziska Zoidl, 13.12.2015)

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