"Inakzeptable" Baukosten: ORF bremst

10. Dezember 2015, 17:43
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Baut der ORF weiter wie bei seinem großen Verwaltungstrakt, sprengt er den Rahmen von 303 Millionen. Der neue Projektchef soll das verhindern

Wien – Das Bild des Berliner Flughafens schreckte manchen ORF-Stiftungsrat. Hans Peter Haselsteiner, Patriarch des Bauriesen Strabag, skizzierte es im ORF-Aufsichtsrat, als es im November um die Sanierung des ORF-Zentrums ging. Unter einer Milliarde war in Berlin erst veranschlagt. Heute hält man bei 5,4 Milliarden und mehr. Auf einen Generalunternehmer verzichtete man in Berlin – und übrigens auch auf dem Küniglberg.

Auch hier liefen die Kosten aus dem Ruder, wiewohl meilenweit entfernt von Berliner Dimensionen. "Das ist kein Skylink", sagt Haselsteiner dem STANDARD, "und auch kein Bauskandal."

Zuletzt warnte ORF-Chef Alexander Wrabetz die Stiftungsräte vor einer Überschreitung der Baukosten. Offizielle Begründung: Überraschungen bei der Sanierung von Objekt 1 (von zehn plus Neubau) und erhöhte Sicherheit.

Sparen am Newscenter

Der ORF ließ da verlauten: Statt 50 Millionen koste Objekt 1 53 Millionen. Der Rahmen für Objekt 1 lag aber schon lange bei 53,7 Millionen. Intern kursieren bis zu 50 Millionen mehr.

Bei einer ORF-Sonderklausur war nach STANDARD-Infos die Rede von "inakzeptabler" Überschreitung der Baukosten und von Haftungsfragen. Man rätselte, wer den Auftrag gegeben hat, in Objekt 1 alle Estriche zu erneuern. Und man strich andere Umbaupläne, Teile des heutigen Newsrooms werden doch nicht abgerissen. Manches wurde einfach nicht mitkalkuliert – etwa Kosten für den Kantinenbereich und seine Ausstattung.

Pius Strobl, der Troubleshooter für das Bauprojekt, kann das gewiss alles erklären, er darf aber nicht.

Der alte Newsroom bleibt offenbar stehen, um am Neubau zu sparen. Just in diesem Neubau sollen Journalisten und Programmmacher unterkommen – zuständig für Produkte und Auftrag des ORF. In Objekt 1 sitzt vor allem Verwaltung.

50 Millionen Euro drohende Mehrkosten weist man im ORF zurück. Zugleich sagen Kenner des Projekts: Würde alles so geplant und gebaut wie Objekt 1, "würde es schwierig, die 303,7 Millionen Gesamtkosten zu halten".

Die Gesamtsumme enthält Reserven. Die seien bei Objekt 1 ausgeschöpft, sollten aber nicht bei den übrigen gebraucht werden, sagte Wrabetz Donnerstag in einer TV-Betriebsversammlung. Strobl sei nun zentraler Bauherr; bisher schafften ORF-Direktoren da auch gern dezentral an. In Objekt 1 vor allem Wrabetz und Finanzdirektor Richard Grasl.

Verdichtung und Wahrheit

So wurde aus Verdichtung üppigere Wahrheit: Statt heute 2700 Schreibtischen wurden 2012 2200 geplant (und kalkuliert). Inzwischen wurden daraus wieder rund 2600. Bei 3900 Euro pro neuen Arbeitsplatz ein Millionenbetrag.

Strobl soll, heißt es im ORF, "Nutzerwünsche und ökonomische wie bauliche Möglichkeiten in Einklang bringen". Um den Rest besser zu planen, nimmt sich Strobl STANDARD-Infos zufolge nun erst mal drei Monate Zeit. Das könnte heikle Etappen auf die Zeit nach der Generalswahl 2016 vertagen.

2012 hatte der Stiftungsrat zu entscheiden zwischen Neubau in St. Marx, den Wrabetz und SPÖ Wien lange verfolgten, und Sanierung des Küniglbergs (ÖVP, Grasl, Kanzleramt, ORF-Technik). Das Bauprojekt leide nun darunter, dass die Sanierung damals billiger sein musste als der Neubau, sagt ein Kenner der Kalkulationen.

Stiftungsrat Wilfried Embacher (Grüne) leitete die Arbeitsgruppe zum Standortentscheid 2012. "Beunruhigt" sagt er nun: "Sollte sich herausstellen, dass die ursprünglichen Annahmen nicht gehalten werden können, sollten wir die Beschlüsse neu überdenken."

Haselsteiner (Neos) war 2012 noch nicht Stiftungsrat. Er geht davon aus, dass der ORF "ordnungsgemäß und vollständig berichtet". Die Kostenwarnung sei "noch lang keine Katastrophe". Er habe "kein Indiz, dass die Gesamtkosten nicht eingehalten werden".

Kommende Woche erwarten die Stiftungsräte einen neuen Bericht über Projekt und Kosten.

"Sehr zuversichtlich"

Der ORF verweist zu den STANDARD-Infos über Themen der Klausur wie inakzeptable Kosten und Rätsel über Verantwortlichkeiten bei der Sanierung von Objekt 1 sowie geplante Kürzungsmaßnahmen auf seine Aussendung zum Thema im November.

In der ließ der ORF verlauten, die Kostenüberschreitung bei Objekt 1 "hat jedoch aus heutiger Sicht keine Auswirkung auf das Gesamtbudget beziehungsweise die weiteren Teilprojekte und -budgets des Standortprojekts, wo ebenfalls jeweils entsprechende separate Reserven eingeplant sind. Die Risiken und Unsicherheiten in der Planung werden für die kleineren Baulose, jüngere Gebäudeteile sowie insbesondere für den Neubau wesentlich geringer eingestuft. Der ORF ist sehr zuversichtlich, dass die weiteren Reservepositionen nicht zur Gänze benötigt werden und damit das Gesamtprojekt sowohl zeitlich wie finanziell im Plan und auf Schiene ist." (fid, 10.12.2015)

  • Eine ORF-Sanierung, so teuer wie bei Objekt 1, würde den Projektrahmen von 303 Millionen Euro sprengen.
    foto: apa / neubauer

    Eine ORF-Sanierung, so teuer wie bei Objekt 1, würde den Projektrahmen von 303 Millionen Euro sprengen.

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