Peter Sengl: Gut verdübelte Jungfrauen und still leidende Männer

10. Dezember 2015, 15:33
22 Postings

Sex, Fetisch und Machismo sind die Ingredienzen von Peter Sengls ebenso schrillen wie plakativen Bildern: Für die Retrospektive zum 70er bedankt er sich beim Leopold-Museum mit einer Hommage der Anmaßung

Wien – "Mit Sadomaso-Geschichten möchte ich nicht in Zusammenhang gebracht werden." So wird Peter Sengl, der Betrachter sonst gern ihren eigenen Interpretationen überlässt, in seiner Ausstellung Sengl malt im Leopold-Museum zitiert. Ein Statement, das sich nicht irgendwo in einem Nebensatz versteckt findet, sondern prominent über eine Wand geschrieben, seinen Gemälden quasi "überschrieben" ist.

Darunter, daneben und gegenüber: Frauen ohne Unterleib – nein: ohne jegliche Extremität! -, gänzlich zum Torso degradiert. Amputierte also, die dafür schwarze Stelzen tragen. Lackprothesen, die sich jedoch nicht zum Gehen eignen, sondern vielmehr üppige Busen verlängern und obendrein per Gelenk abstruse Architekturen zu steuern scheinen (In Kuhkopf schauen, 1999).

Oder: Frauen, die angesichts von Schrauben, Nieten und Metall mehr Korsett als Akt sind und trotz solcher Ingenieurskunst vulgäres vollbusiges Pin-up bleiben (Schwarzsonnung, 1990). Oder: schwebende Jungfrauen in Highheels und diversen gefährlichen Ersatzspitzen an Schienbeinen und Brüsten. Eigentlich schweben sie gar nicht, sondern sind an Seilzügen aufgehängt, die Metallwinkel direkt im Stirnbein verdübelt. Frauen, verschiedentlich verspannt, verzurrt, drapiert oder auch mit bewegungshemmenden Fußfesseln versehen (6-teiliger Paravent, 1992).

Kein störender Schmerz

Aber: Mag ihnen auch der eine oder andere Körperteil fehlen – Busen und Vagina können die gut Frisierten noch allemal präsentieren. Kein schmerzverzerrter Blick stört diese sich unverhohlen anbietende Erotik. Ekstatisch verbogen liegt der Kopf oft im Nacken, geradezu selig das Gesicht mit geschlossenen Augen. Blut fließt unmittelbar nicht, es trieft stattdessen als grelle Farbe von den Wänden der Bildkisten, deren Beengtheit stets mit wenigen Strichen definiert ist.

Schrill (Neonfarben), kreischend wie im Comic sind Sengls mit treuen Wauwaus, Kühen, Schweinehälften, Totenköpfen, Kreuzen und Rittern garnierte Bilder von den fragmentierten Fetischdamen, die wahlweise auch mit Tierschädel serviert werden. Die Begattung übernimmt allerdings ein schwarzer Hengst, die Herren sind eher auf stilles Leiden abonniert: heilig-durchbohrte Sebastiansbuben (Hl. Florian löscht Sanktsebastian, 1992), die ihre Wundmale wie Tattoos tragen.

Welcher Schelm würde hier an sexualisierte Folterkammern denken? Kurator Carl Aigner weist solche Ideen zurück: Sengls "Tier- und Menschenkörperextensionen" könne man nicht auf "Sadomasochistisches" reduzieren. Womöglich sind die Latex-Leder-Dominas auch nicht sexistisch, sondern als feministische Heroinnen angelegt? Pamphlete gegen häusliche Gewalt? Nein? Aigner spricht von "eigenwilligen und bemerkenswerten Körperbildern", die Robotik, Science-Fiction oder Mythologien thematisieren würden.

Mehr als Tatsachen ignorierende, schönredende Schlagworte sind das allerdings nicht; nirgends beweist sich die Ernsthaftigkeit solcher Narration. Und auch die "hellhörigen seismografischen Befunde, zeitdiagnostische Erzählungen" kauft man den Arbeiten nicht ab. Und schon gar nicht den "Berichtstatus" der Bilder, der sie, so Aigner, "einer ethischen Beurteilung entzieht".

Die Mensch-Maschinen-Thematik vermittelt sich etwa bei Bruno Gironcoli verrätselter, ja surrealer. Beim postmodernen Manieristen Sengl tritt das Thema jedoch hinter die Plakativität von billigem Machismo und sexualisierter Gewalt zurück. Das sexuell Eindeutige schwächt seine Glaubwürdigkeit.

Verkitschte Selbstherrlichkeit

Das vordergründige und darin obendrein kitschige Spiel mit Vorlagen – etwa mit Mantegna und Pontormo oder Bacon und Kubin – entbehrt jeglichen Mehrwerts, sondern ist nur eitles Geplänkel. Der Selbstherrlichkeit setzt er nun mit einer "Hommage" die Krone auf: Da setzt sich Sengl, dandyesker Malerfürst im maßgeschneiderten Schottenkaro, den Kopf schwer in Händen tragend oder mit Fingern, den bösen Teufelsbuben markierend, mitten hinein in kopierte Ikonen des Museums: vor Schiele, Gerstl, Kokoschka, Boeckl. Richtig schlimm. (Anne Katrin Feßler, 10.12.2015)

  • Peter Sengl: "Underneath Undressing Torso", 1992.
    foto: leopold museum

    Peter Sengl: "Underneath Undressing Torso", 1992.


Share if you care.