Jungärzte wandern ab: Bessere Gehälter und Ausbildung gefordert

10. Dezember 2015, 15:21
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Österreich sei international kaum wettbewerbsfähig, sagt der Rektor der Wiener Medizinuni

Wien – Österreich bildet zwar viele Ärzte aus, kann aber 40 Prozent der Medizinabsolventen nicht halten. So steht es in einem aktuellen Bericht des Rechnungshofs zur neugegründeten Medizinfakultät in Linz. Damit mehr Ärzte in Österreich bleiben, müsse man den Beruf attraktiver machen, sagen die Ärztekammer und der Rektor der Medizinischen Universität Wien im Gespräch mit dem STANDARD. Das Wissenschaftsministerium sieht die Spitalsbetreiber und Krankenanstalten gefordert.

Die Ärztedichte in Österreich liegt weit über dem Durchschnitt aller OECD-Länder, das Ranking der graduierten Mediziner pro 100.000 Einwohner führt Österreich sogar an. Trotzdem hat sich Oberösterreich für die Einrichtung einer neuen Medizinfakultät entschieden. Im Vollausbau sollen 2020 insgesamt 300 angehende Mediziner in Linz studieren. Der Rechnungshof hat das kritisiert. Denn das Problem sei nicht das mangelnde Ärzteangebot, sondern dass die Ärzte nicht im Land bleiben.

Weniger Bürokratie

Vor allem im niedergelassenen Bereich und in den Spitälern fehle es an Ärzten, obwohl es eigentlich eine hohe Ärztedichte gebe, sagt Martin Stickler, Sprecher der Österreichischen Ärztekammer. Mit der neuen Ärzteausbildung, bei der Jungärzte keinen Turnus mehr machen, sondern ein klinisch-praktisches Jahr absolvieren, sei schon einiges gelungen. Trotzdem müssten die Ärzte vor allem von bürokratischen Aufgaben befreit werden. Auch mehr Kinderbetreuungsangebote in Spitälern seien notwendig.

Keine guten Angebote

Eine Medizinische Fakultät in Linz mache den Arztberuf nicht attraktiver und könne deshalb auch das Problem nicht lösen, dass viele Ärzte abwandern, sagt Stickler. Ähnlich sieht das Markus Müller, Rektor der Medizinischen Universität Wien. "Es mangelt nicht an Studienplätzen, sondern das Problem liegt vielmehr darin, dass die Absolventinnen und Absolventen aufgrund besserer Arbeitsbedingungen in anderen Ländern nach dem Studium Österreich verlassen", sagt er. Es entstehe die paradoxe Situation, dass nach einem Gratisstudium an einer europäischen Top-Universität keine adäquaten Jobangebote im Inland vorlägen. Im internationalen Vergleich seien die Ärztegehälter kaum wettbewerbsfähig, sagt Müller.

"Keine Schnupperlehre"

Dem widerspricht Josef Smolle, Rektor der Medizinischen Universität Graz. "Gehaltsmäßig kann ich zumindest für die Med-Uni Graz und die Krankenanstalten der Steiermark festhalten, dass wir gegenüber Deutschland absolut konkurrenzfähig sind", sagt er. Die Medizinfakultät in Linz kooperiert mit der Grazer Hochschule. "Wir halten die Kooperation mit einem etablierten Standort für eine volkswirtschaftlich und inhaltlich vernünftige Lösung", sagt Smolle. Er bekenne sich deshalb zur Partnerschaft mit Linz.

Verbesserungsbedarf sieht aber auch Smolle, und zwar bei der Ärzteausbildung. Der Nachwuchs würde sich hier wünschen, rasch an die verantwortliche ärztliche Tätigkeit herangeführt zu werden. "Die Facharztausbildung darf keine Schnupperlehre sein."

Helga Fritsch, Rektorin der Medizin-Universität Innsbruck, geht davon aus, dass durch das neue Ärztearbeitszeitgesetz künftig ohnehin mehr Mediziner gebraucht werden. "Selbstverständlich könnte dies, gestützt mit ausreichenden Mitteln, durch die bestehenden drei Medizin-Universitäten kompensiert werden", sagt sie. Um die Ärzte im Land zu halten, sei es wichtig, ihnen mit neuen Modellen bei ihrer "Work-Life-Balance" entgegenzukommen. Auch Ärztekammer-Sprecher Stickler macht darauf aufmerksam, dass bisher österreichweit nur drei Spitäler Kinderbetreuung für ihre Mitarbeiter anbieten.

Wissenschaftsministerium: Arbeitgeber gefordert

Das Wissenschaftsministerium verteidigt die Einrichtung der Medizinischen Fakultät in Linz. "Schon bei der Gründung war klar, dass das nur eine Maßnahme von vielen sein kann, um mehr Ärzte in Österreich und speziell in Oberösterreich zu halten", heißt es in einer Stellungnahme. Die Arbeitgeber der Ärzte seien gefordert, attraktive Rahmenbedingungen zu schaffen, um mehr Mediziner im Land zu halten.

Das Ministerium selbst habe bereits reagiert, indem die Studienplätze für Medizin kontinuierlich ausgebaut würden. Zudem habe man die Anreize erhöht, indem die neuen Regelungen zur Ärztearbeitszeit umgesetzt wurden. Die dafür nötigen zusätzlichen finanziellen Mittel habe das Wissenschaftsministerium den Medizinunis zur Verfügung gestellt. (Lisa Kogelnik, 10.12.2015)

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