Microsofts Flaggschiff Lumia 950 im Test: Es gibt einige Probleme

Test20. Dezember 2015, 10:54
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Smartphone überzeugt mit guter Kamera und hochauflösendem Display – die Software nicht

Windows 10 Mobile stellt nach Windows Phone 7 und Windows Phone 8 bereits den dritten Kurswechsel von Microsofts Smartphone-Bemühungen in nur wenigen Jahren dar. Nennenswerte Erfolge blieben dem Konzern trotz seiner Marktführerschaft am PC-Markt aber verwehrt. Wie bringt man die Kunden also gerade jetzt zur eigenen Plattform? Durch ausgeklügelte Geräte, gut durchdachte Funktionen und ausgereifte Software zu einem angemessenen Preis.

Das Lumia 950, das neue Flaggschiff-Smartphone mit Windows 10 Mobile, verfehlt diese Ziele aber weitgehend.

foto: wendel
Am Interface von Windows 10 Mobile hat sich nur wenig verändert.

Large oder Extra-Large?

Das Lumia 950 ist das erste Smartphone von Microsoft, das mit dem neuen Windows 10 Mobile ausgeliefert wird. Es ist gleich in zwei Ausführungen erhältlich: Das Lumia 950 besitzt einen 5,2"-Bildschirm und einen Snapdragon 808 Hexa-Core-Prozessor, das Lumia 950 XL bietet – falls es "ein bisserl mehr" sein darf – ein 5,7"-Display und den Octa-Core-Prozessor Snapdragon 810. Beide Modelle verfügen über 32 GB Speicherplatz, der sich über eine MicroSD-Karte erweitern lässt, und 3 GB RAM. Die Display-Auflösung beträgt jeweils 1.440 x 2.560 Pixel.

QHD-Display

Bei unserem Testgerät handelte es sich um das kleinere Lumia 950, das mit seinem 5,2"-Bildschirm aber eigentlich schon eher zu den "Großen" unter den Smartphones zählt. Das AMOLED-Display ist dabei einer der großen Pluspunkte des neuen Lumia-Smartphones. Die hohe QHD-Auflösung sorgt mit einer Pixeldichte von 564 ppi für eine besonders scharfe Darstellung der Bildschirminhalte, die Farben sind lebendig aber nicht unnatürlich und die Schwarzwerte dank OLED-Technologie hervorragend. Mit anderen Worten: Am Display gibt es kaum etwas auszusetzen.

Dezentere Töne

Beim Design gibt sich das Lumia 950 deutlich dezenter als sein Vorgänger, der noch in knalligen Orange- und Grüntönen erhältlich war. Das neue Modell wird nur in den klassischen Ausführungen Schwarz und Weiß angeboten – vielleicht auch ein Eingeständnis an die zunehmende Ausrichtung auf den Business-Bereich. Nichts geändert hat sich am Material, Microsoft setzt auch bei seinen Flaggschiff-Modellen weiterhin auf eine Kunststoff-Rückseite. Das ist besonders in Anbetracht des Preises und der Konkurrenz, die bei Top-Modellen auf hochwertigere Materialien setzt, ärgerlich.

An der Seite befinden sich wieder Power-, Lautsprecher- und Kamera-Knöpfe.

Leichter & dünner

Verbesserung gibt es bei Gewicht und Abmessungen. Während das Lumia 930 aus dem letzten Jahr mit 167 g und einer Gehäusedicke von 9,8 mm noch ein wahrer Brocken ist, gibt sich das Lumia 950 auch in diesem Bereich dezenter. 150 g bringt das neue Windows-Flaggschiff auf die Waage und ist nur noch 8,2 mm dünn. Das Lumia 950 XL wiegt 165 g bei einer Gehäusedicke von 8,1 mm. Die kapazitiven Buttons des Lumia 930 – Zurück-, Windows- und Suchen-Taste – weichen beim Lumia 950 einblendbaren On-Screen-Tasten, die somit Teil des Displays sind.

Snapdragon 808

Als Prozessor kommt beim Lumia 950, wie bereits erwähnt, der Snapdragon 808 zum Einsatz. Der Chip verfügt zwar über ausreichend Performance für das generell recht ressourcenschonende Windows 10 Mobile, mit den pfeilschnellen Prozessoren aktueller Konkurrenzgeräte kann er aber nicht mithalten. Im Cross-Plattform-Benchmark "Basemark OS II" erreicht das neue Lumia in unseren Tests einen Wert von durchschnittlich 1.300 Punkten. Das sind zwar mehr als die 1.032 Punkte des Lumia 930, Galaxy S6 und iPhone 6s ziehen mit rund 1.800 bzw. 2.300 Punkten aber deutlich vorbei.

Adreno 418

Als Grafikchip verwendet der Snapdragon 808 eine Adreno-418-GPU. Auch diese bleibt deutlich hinter der Performance aktueller Konkurrenz-Hardware. Im Grafik-Benchmark "Basemark X 1.1" erreicht das Lumia 950 durchschnittlich 24.700 Punkte. Das Samsung Galaxy S6 kommt auf gut 34.000 Zähler, das letztjährige iPhone 6 auf 31.000 Punkte – zum iPhone 6s sind keine Ergebnisse verfügbar. Zusammenfassend ist auch hier zu sagen: Gerade im Vergleich zur Konkurrenz und der Preisgestaltung des Lumia 950 ist die Performance etwas enttäuschend.

Die Kunststoff-Rückseite ist abnehmbar und ermöglicht Zugriff auf den wechselbaren Akku, SIM-Karte und MicroSD-Karte.

Akku

Die Akkulaufzeit des Lumia 950 blieb in unseren Tests auf einem durchschnittlichen Niveau. Das Smartphone sollte seinen Nutzer in der Regel ohne Probleme durch den Tag begleiten, über Nacht verlangt es dann aber nach der Steckdose. Über die abnehmbare Rückseite des Lumia 950 lässt sich der Akku übrigens problemlos wechseln. Unerklärlicherweise erhitzte sich das Gerät jedoch in manchen Situationen – darunter auch im Standby. Bei einem Ladevorgang über Nacht erwärmte sich das Smartphone ebenfalls sehr stark und war trotz stundenlangem Laden nur zu 60 Prozent voll.

Hitzeproblem?

Mit leistungshungrigen Aufgaben scheint die Erwärmung, die gleichzeitig auch die Akkuprozente purzeln lässt, also nicht zu tun zu haben. Ein Blick in die Batterieoptionen verriet ebenfalls keine genaueren Details zum Übeltäter, auch ließ sich das Verhalten nicht bewusst provozieren. Es drängt sich daher die Vermutung auf, dass es sich um ein Fehlverhalten des noch recht jungen Windows 10 Mobile handelt, das hoffentlich – gemeinsam mit ein paar anderen Bugs – mit einem baldigen Update beseitigt wird.

Die Kamera-App von Microsoft ist übersichtlich gestaltet und ermutigt zur manuellen Änderung von ISO-Werten und Belichtungszeit.

Kamera

Eines der Hauptargumente für Lumia-Smartphones stellte und stellt auch hier wieder die Kamera dar. Das Lumia 950 weiß mit seiner 20-Megapixel-Kamera, mit der 4K-Videos mit 30 Bildern pro Sekunde und Full-HD-Videos mit 60 Bildern pro Sekunde aufgenommen werden können, zu überzeugen. Lediglich der Autofokus zeigte sich hin und wieder recht mürrisch und wollte nicht Scharfstellen, vor allem bei schlechteren Lichtverhältnissen. Die Bildqualität der Fotos, die durch ihre hohe Auflösung Möglichkeiten für Bildausschnitte bieten, tröstet darüber jedoch hinweg.

Kein Fingerabdrucksensor…

An der Front befinden sich gleich drei Kameras. Bei einer davon handelt es sich um eine klassische Kamera für Selfies und Videotelefonie, die Fotos in 5 Megapixel schießt und Videos in Full-HD aufnimmt. Die übrigen beiden – recht gut versteckten – Kameras werden zur Entsperrung des Lumia 950 verwendet. Denn auch hier geht Microsoft einen anderen Weg als Apple, Samsung und weitere Smartphone-Hersteller, die zunehmend auf Fingerabdrucksensoren zur Geräte-Entsperrung setzen. Das Lumia 950 verwendet einen mit der Windows-Hello-Funktion gepaarten Iris-Scanner.

…dafür ein Iris-Scanner

Die Entsperrung funktionierte dabei im Test nur bedingt. In den meisten Situationen verlangt das Gerät, dass man näher heranrückt – was letztendlich zu einer unnatürlichen Positionierung des Smartphones vor dem Gesicht führt. Die Funktion hat sich damit als ein wenig unpraktikabel erwiesen und es lief darauf hinaus, dass trotz aktiviertem Iris-Scanner der PIN-Code ins Gerät getippt wurde – eigentlich ein Todesstoß für eine Funktion, die den Anmeldevorgang vereinfachen und beschleunigen soll.

Windows Hello noch Beta

Es ist nicht wirklich nachvollziehbar, warum Microsoft eine – zumindest in ihrer derzeitigen Form – eindeutig unterlegene Technologie verwendet, anstatt bei der Geräte-Entsperrung auf den mittlerweile in vielen Geräten etablierten Fingerabdrucksensor zu setzen. Vielleicht wird die Funktion aber noch verbessert, das deutet zumindest der Beta-Status von Windows Hello am Lumia 950 an. Microsoft sollte hier vor allem an einer deutlichen Verbesserung der Erkennungsrate arbeiten, ohne sich das Smartphone direkt vor das Gesicht halten zu müssen.

Windows Hello verlangt, dass das Smartphone zur Entsperrung vor das Gesicht gehalten wird.

Windows 10 Mobile

Und wenn wir bereits beim Stichwort "Beta" sind, noch einige Worte zu Windows 10 Mobile. Das neue Smartphone-Betriebssystem von Microsoft hinterlässt an manchen Ecken und Enden noch einen etwas unfertigen Eindruck und man begegnet häufig Fehlern. Zu den nervigsten Problemen, die sich während der Testphase gezeigt haben, zählte die bereits erwähnte Erwärmung des Smartphones, aber auch Fehler im Edge-Browser. Dort blendete sich häufig eine Übersicht mit Suchvorschlägen ein, die sich erst nach einem Reload der Webseite schließen ließ.

Bugs

Die Kamera-App wies ebenfalls einen Fehler auf und ließ sich plötzlich grundlos nicht mehr öffnen – ein Neustart behob das Problem. Ein Bug der kuriosen Sorte führte dazu, dass das Lumia 950 sämtliche Apps im Landscape-Modus ausführte. Ein- und Ausschalten der Rotationssperre oder ein Neustart half nicht. Der Spuk war irgendwann genauso plötzlich wieder vorbei, wie er begonnen hatte. Wirklich verwunderlich sind die Fehler aber nicht – immerhin werkelt Microsoft noch an Windows 10 Mobile. Auf älteren Lumia-Geräten ist das System gar noch im Betastadium.

Continuum

Abgesehen von den Bugs ist Windows 10 Mobile aber wie sein Vorgänger ein recht solides Smartphone-Betriebssystem. Viele Alleinstellungsmerkmale oder besondere Funktionen, die das System von der iOS- und Android-Konkurrenz abheben, bietet Windows 10 Mobile aber nicht. Einzig sei hier Continuum zu nennen, das bei Anschluss des Smartphones an einen externen Monitor – wie Microsoft schreibt – "eine Bedienung wie am PC" ermöglicht. Notwendig dafür ist das um 109 Euro erhältliche Display-Dock, das HDMI-, DisplayPort- und USB-Anschlüsse bietet.

Das Display-Dock bietet zum Anschluss von Peripherie drei USB-Steckplätze, einen HDMI-Port und einen DisplayPort-Anschluss. Das Smartphone wird gleichzeitig über eine USB-C-Verbindung geladen.

Kein Desktop-Windows

Mit dem Display-Dock – oder offenbar auch anderen USB-C-Adaptern mit entsprechenden Anschlüssen – lassen sich Peripheriegeräte wie Bildschirm, Maus, Tastatur oder auch USB-Sticks mit dem Lumia 950 verbinden und schon hat man – so zumindest die Theorie – einen Mini-PC auf seinem Schreibtisch. Dieser Vorstellung muss jedoch gleich ein wenig der Wind aus den Segeln genommen werden: Windows 10 Mobile ist nicht Windows 10 für Computer und somit erhält man über Continuum auch kein "echtes" PC-Interface, keinen Desktop oder gar Desktop-Programme.

Apps in der Desktop-Ansicht

Stattdessen ist man auf die Nutzung der mobilen Apps angewiesen, die dank der "Universal Windows Platform" (UWP) aber mit dem von Desktop-Geräten bekannten Interface dargestellt werden – in bis zu 1080p und nur in Vollbild. Einfach auf den großen Bildschirm "aufgeblasen" werden die Apps also nicht. Als Startmenü kommt in der Continuum-Oberfläche einfach der Startbildschirm des Lumia 950 zum Einsatz. Das Smartphone selbst kann währenddessen als Trackpad verwendet werden, aber es können separat von der Continuum-Ansicht auch Apps am Gerät aufgerufen werden.

Programme wie der Edge-Browser sehen im Continuum-Modus ähnlich wie am Desktop aus, als Startmenü erscheint der Startbildschirm.

Wenige Continuum-Apps

Klingt alles ganz spannend? Ist es grundsätzlich auch, wäre da nicht das für Windows-Geräte inzwischen typische App-Problem. Denn im Continuum-Modus können nur jene Apps ausgeführt werden, die für die UWP angepasst sind. Und das sind offenbar noch wenige. Von den insgesamt 92 am Gerät installierten Apps aus den verschiedensten Kategorien sind neben den meisten Microsoft-Programmen lediglich zwei Apps in Continuum verfügbar – die Betaversionen von Facebook und 1Password. Sämtliche anderen installierten Drittanbieter-Programme wurden noch nicht angepasst.

Keine Verbesserungen beim App-Angebot

Auch sonst sieht es beim App-Angebot noch sehr mau aus. Nennenswerte Verbesserungen sind – trotz der Bemühungen von Microsoft, Entwicklern mit Windows 10 eine interessante Plattform zu bieten – bisher nicht festzustellen. Ganz im Gegenteil: Es gibt sogar noch störende Einschnitte im Vergleich zu Windows Phone 8.1. So ist das Gratis-Navi HERE Drive+, lange Zeit ein Aushängeschild der Lumia-Geräte, unter Windows 10 Mobile nicht mehr verfügbar. Stattdessen muss man sich mit der Karten-App von Microsoft begnügen, die noch deutlich verbesserungswürdig ist.

Verfügbarkeit

Das Lumia 950 ist bei A1 und T-Mobile samt Mobilfunkvertrag ab 0 Euro erhältlich. Im freien Handel gibt es das Smartphone auch als Dual-SIM-Variante, der UVP beträgt 599 Euro. Das Lumia 950 XL ist hingegen nur bei T-Mobile mit Mobilfunkvertrag erhältlich, die Preise beginnen bei diesem Modell bei 240 Euro. Auch das Lumia 950 XL ist ohne Vertrag als Dual-SIM-Variante erhältlich und kostet 699 Euro.

Statt Micro-USB kommt beim Lumia 950 bereits USB-C zum Einsatz – das USB-Kabel lässt sich also beidseitig einstecken.

Fazit

Mit dem Lumia 950 liefert Microsoft das erste Geräte mit Windows 10 Mobile aus. Um die erhoffte Rettung für die von vielen Nutzern unbeachtete Smartphone-Plattform handelt es sich aber nicht. Microsoft verlangt für sein neues Flaggschiff einen Premium-Preis, der sich in etwa auf dem Niveau von Konkurrenz-Geräten befindet, bleibt mit dem Lumia 950 in den Punkten Performance, Funktionen, Verarbeitung und Software-Qualität aber teilweise deutlich hinter anderen Premium-Smartphones. Wem kann man das Lumia 950 also empfehlen?

Eine gar nicht so leicht zu beantwortende Frage. Neben dem Business-Bereich, für den besonders auch Funktionen wie Continuum interessant sein könnten, und Nutzern, die bereits Windows-Smartphones verwenden, dürfte der potentielle Käuferkreis recht überschaubar sein. Am ehesten ließe er sich wohl mit "Kamera-Enthusiasten, die etwas Neues ausprobieren möchten und die ein kleineres App-Angebot nicht abschreckt" umschreiben. Wirklich in Schwung bringen wird das Lumia 950 die Smartphone-Bemühungen von Microsoft aber kaum. (Martin Wendel, 20.12.2015)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testgerät wurde von Microsoft zur Verfügung gestellt.

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