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14. Dezember 2015, 15:16

Iljas Jusic ist zum Zuschauen verdammt. "Ich habe vergessen, meinen Elektrorollstuhl aufzuladen." Und ohne Elektrorollstuhl ist E-Rolli-Fußball nicht machbar. Freitagabend, Hakoah-Sportzentrum, Wien 2, Wehlistraße 326, Trainingseinheit des Askö Wien, Abteilung Integration und Behindertensport. Zwölf Spieler und Spielerinnen haben den E-Rolli dabei. Knapp zwei Stunden lang wird gesteuert, gepasst, gefahren, gedreht und geschossen. Am Ende wird der Coach sagen: "Es war ein gutes Training."

Die Einheit beginnt mit Passübungen. Erst statisch, dann mit Positionswechseln, dann mit Torschüssen. Und schließlich Matches. Gespielt wird E-Rolli-Fußball auf einem Basketballfeld, die Regeln sind ähnlich wie beim Fußball. Zwei Teams mit je zwei bis vier Spielern versuchen in zweimal 20 Minuten Tore zu erzielen. Die Rollstühle sind leichter als die im Alltag gebräuchlichen, einer wiegt rund 110 kg. Mit dem vorn angebrachten Gitter wird der Ball (33 cm Durchmesser) gespielt. Die sechs Meter breiten Tore werden durch zwei Stangen markiert.

fischer
DER STANDARD hat ein Training des Askö Wien besucht und sich E-Rolli-Fußball erklären lassen.

"Das ist unsere Torschützenkönigin", sagt Mittelfeldspieler Martin Ladstätter und deutet auf Jasna Puskaric. Stürmerin, versteht sich. "Ich habe das Gefühl, dass mir diese Position liegt", sagt die 35-Jährige. Torfrau liegt ihr weniger. "Lieber Tore schießen als Tore verhindern."

"Wir sind wie Costa Rica im Skisport": Martin Ladstätter sieht noch Potenzial.

Elf Treffer erzielte Puskaric Mitte November in Steinbrunn (Burgenland), beim zweiten Ottobock-Cup. Das Turnier mit drei Teams von Askö Wien, dem neu gegründeten RSC Heindl Oberösterreich und einer Mannschaft aus Dresden wurde heuer zum zweiten Mal ausgetragen. Askö Wien 2 mit Iljas Jusic gewann vor Askö Wien 1 mit Puskaric und Ladstätter.

foto: christian fischer
Seray Nazimov ist eines der jüngsten, Jasna Puskaric eines der torgefährlichsten Teammitglieder.

Das Ergebnis täuscht. Österreich ist noch keine große Nummer in dem Sport, der international auch Powerchair-Soccer genannt wird. "Wir sind wie Costa Rica im Skisport", sagt Ladstätter. International sind Frankreich, England und vor allem der zweifache Weltmeister USA tonangebend. Rund 30 E-Rolli-Fußballer gibt es in Österreich. Das Zentrum ist in Wien, wo seit 2012 gespielt wird.

Regelmäßiges Training

Einmal wöchentlich trainieren die Wiener E-Rolli-Fußballer – in der Hans-Radl-Schule im 18. Wiener Gemeindebezirk oder eben im Hakoah-Sportzentrum. "Wir schauen, dass wir besser und besser werden", sagt Ladstätter. Mehr als 20 E-Rolli-Fußballer hat der Verein. Normalerweise wird in zwei getrennten Gruppen geübt. Aber einmal monatlich trainieren alle gemeinsam. Dieser Freitag ist so ein Tag.

foto: christian fischer
Martin Ladstätter war schnell von dem Sport begeistert.

Ladstätter (49), Journalist, spielt seit 2013. Freunde haben ihm von der Sportart erzählt. "Ich habe mir das überhaupt nicht vorstellen können, habe es mir angeschaut und war relativ schnell davon überzeugt, dass das mein Sport wird." E-Rolli-Fußball ist eine der wenigen Sportarten für schwerbehinderte Menschen. Ladstätter: "Tischtennis oder Basketball könnte ich nicht spielen. Aber beim E-Rolli-Fußball brauche ich nur den Joystick bewegen."

Ladstätter hat eine Muskelerkrankung wie auch Puskaric. "Ich bin für viele Tätigkeiten im Alltag zu schwach. Ich kann kein Glas anfüllen, ich kann mir das Schnitzel nicht selbst schneiden", sagt sie. Puskaric probierte sich auch im Tischtennis. "Aber mehr als einmal den Schläger in die Hand nehmen ging nicht." E-Rolli-Fußball sei die erste Sportart, die sie wirklich ausüben könne.

Fußball statt Hockey

foto: christian fischer
Michael Kiefler ist Verteidiger, er spielt seit zweieinhalb Jahren E-Rolli-Fußball.

Ähnliches gilt für Michael Kiefler. Der 31-Jährige suchte einen Sport, den man mit elektrischem Rollstuhl spielen kann. "Ich habe E-Hockey gekannt, allerdings wird das nur in Vorarlberg gespielt." Und dann kam er gerade rechtzeitig zum E-Rolli-Fußball-Projektstart in Wien. Kiefler begann, Leute zu organisieren, konnte aber zunächst nicht mitspielen, weil sich die Trainingszeiten mit seinen Arbeitszeiten überschnitten. "Erst als wir eine neue Turnhalle bekommen haben, in der wir am Abend trainieren konnten, konnte ich mitmachen."

Den Sport nach Österreich gebracht hat Matias Costa. Der 35-Jährige ist Projektmanager beim Behindertensportverband. Er sah die Sportart in den USA, stellte sie im Jahr 2011 Doris Fritz vor, die "sofort Feuer und Flamme war". Fritz ist Rollstuhlsporttrainerin an der Hans-Radl-Schule, einer Volks- und Hauptschule für Kinder mit und ohne körperliche Behinderungen. Ebenda wurde E-Rolli-Fußball erstmals gespielt. Costa: "Es war sofort Gesprächsthema in der Schule."

"Mir gefällt die Sportart sehr gut", sagt Seray Nazimov. Er besucht die Hans-Radl-Schule. Und er spielt E-Rolli-Fußball beim Askö Wien. Er ist einer der Jüngsten im Team. Der 13-Jährige hat es bereits in den acht Männer und Frauen starken A-Kader geschafft. Sein Talent bleibt nicht einmal dem Laien verborgen. Er selbst beschreibt seine Stärke so: "Warten, bis eine Lücke frei ist, dann angreifen."

"Die Behinderungen sind uninteressant. Es geht um die Faszination des Fußballs."

Leo Vasile hat auch ein Konzept. Tiqui-taca. Spaniens Nationalteam und der FC Barcelona haben diesen Fußballspielstil zur Perfektion getrieben. Schnelles Kurzpassspiel, viel Ballbesitz. "Wir versuchen es. Am Anfang hat es noch nicht so gut geklappt. Aber mittlerweile sieht man Fortschritte", sagt Vasile. Gemeinsam mit Fritz leitet er die Trainingseinheit. Vasile kommt vom Fußball, er trainiert noch immer Kindermannschaften. Was ist anders im E-Rolli-Fußball? "Nicht viel", sagt er. "Man muss die Übungen an die unterschiedlichen Fähigkeiten der Spieler anpassen."

Die Teammitglieder haben verschiedene Behinderungen. "Aber die Behinderungen sind relativ uninteressant bei dem Sport", sagt Ladstätter. "Es geht um die Faszination des Fußballs."

foto: christian fischer
Einmal wöchentlich trainieren die E-Rolli-Fußballer und -Fußballerinnen des Askö Wien.

Die Faszination soll sich rasch ausbreiten. Das Ziel für 2016 ist eine österreichische Meisterschaft. Dafür braucht es zumindest fünf Teams aus drei Bundesländern. Derzeit gibt es landesweit zwei E-Rolli-Fußball-Vereine. Costa hofft auf eine Verdoppelung der Spieleranzahl. Das könnte sich ausgehen. Die Sportart wächst schnell.

erollifussball
Puskaric trifft im Rahmen des Ottobock-Cups nach Ecke von Ladstätter.

An diesem Freitagabend ist sich nicht das beste Spiel ausgegangen. Zumindest sieht es Ladstätter so. "Der Boden ist wie ein Eislaufplatz", sagt er. Trainer Vasile ist dennoch zufrieden. "Es waren schöne Spielzüge dabei. Aber es gibt Verbesserungspotenzial." Iljas Jusic ist bei der Feedback-Runde dabei. Nächstes Mal wird er auch wieder mitspielen. Mit aufgeladenem E-Rollstuhl. (Birgit Riezinger, 14.12.2015)

Link

Erollifussball.at

Wissen:

Im E-Rolli-Fußball treten zwei Teams mit je zwei bis vier Spielern in Elektrorollstühlen gegeneinander an. Die Rollstühle sind mit ca. 110 kg leichter als die im Alltag gebräuchlichen (ca. 130 kg). Kostenpunkt pro Stück: ca. 13.000 Euro. Mit dem vorn angebrachten Gitter wird der Ball gespielt.

Ein Match dauert zweimal 20 Minuten. Gespielt wird auf einem Basketballfeld und mit fixem Torhüter. Das Tor ist sechs Meter breit, wird durch zwei Stangen markiert. Im Grunde gelten die Regeln des Fußballs. Allerdings gibt es eine Spezialregel: die 2-gegen-1-Regel. Diese besagt, dass nur eins gegen eins gespielt werden darf. Gehen zwei Spieler innerhalb von drei Metern auf einen Gegenspieler los, ist es ein Foul.

Der Ball ist mit 33 cm Durchmesser deutlich größer als im Fußball. Er muss im Spiel immer auf dem Boden bleiben. Hebt er mehr als 10 cm ab, gibt es einen Schiedsrichterball.