"Die Schneekönigin": Ein Choreograf geht mit "Zigeunern" aufs Eis tanzen

9. Dezember 2015, 16:33
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An der Volksoper hatte Michael Corders Ballett Premiere. Teile der Märchenbearbeitung konnte man als rassistisch empfinden. Beifall gab es zu Recht für Musik und Tanz

Wien – Der magische Spiegel in Hans Christian Andersens Märchen Die Schneekönigin ist ein Teufelswerk. Es macht alles Schöne hässlich und lässt alles Gute verschwinden. Für die Zöglinge in der Koboldschule des Teufels aber besaß dieser Spiegel einen aufklärerischen Zauber. Denn in ihm "könnte man erst sehen, meinten sie, wie die Welt und die Menschen wirklich aussähen".

Auf diesen Einstieg hat der englische Ballettchoreograf Michael Corder (60) verzichtet. Stattdessen tanzt er auf Teufels Küche zu. Wie, das zeigt das Wiener Staatsballett jetzt in der Volksoper. Dort läuft Corders Schneekönigin-Interpretation zur von Julian Philips' rearrangierten Musik aus Sergej Prokofjews 1954 postum uraufgeführtem Ballett Die steinerne Blume. Zur Wiener Premiere glitzerte Olga Esina im Part der Scheekönigin, der ihr wie auf den Leib choreografiert scheint. Davide Dato verkörperte den verführbaren Kay mit einer der Rolle entsprechenden Naivität, und Alice Firenze überzeugte als unbeirrbar liebende Gerda.

Corders 2007 uraufgeführtes Stück führt drei Erzählungen zusammen: Andersens Schneekönigin, das Schneewittchen der Brüder Grimm und Motive aus der Vorlage für Prokofjews Ballett, Pawel Baschows Bearbeitung des sibirischen Volksmärchens Die steinerne Blume von 1938. Bei Michael Corder ist es nicht der Teufel, sondern die Schneekönigin selbst, die den magischen Spiegel herstellen lässt. Als sie sich – ganz wie die eitle Stiefmutter des Schneewittchen – darin betrachtet, taucht überraschend das Bild des Paars Gerda und Kay auf.

Ein Schock für die eisige Lady. Denn sie hat, wie man heute sagen könnte, einen "Bildschirm" bauen lassen, der ihre Autorität als alleingültige Größe bestätigen sollte. Anstatt dessen zeigt das virtuelle, magische "Medium" die Realität: Es gibt mit der Liebe etwas Bedeutenderes als ihren kalten Machtwillen. Der Teufelsspiegel zerspringt bei Andersen in unzählige Stücke, die sich über die ganze Welt verteilen und den Blick der von ihnen Getroffenen verändern. Das wirkt wie eine pessimistische Vorahnung der modernen Massenmedien.

Bedienung von Klischees

Der Spiegel der Grimm'schen Königin dagegen ist, wie jener der Corder'schen Scheekönigin, ein Überwachungsinstrument "im ganzen Land". Die Schneekönigin zertrümmert dieses Instrument eigenhändig. Dessen Splitter treffen Kay, den schwächeren Teil des Liebespaars, in Herz und Augen. Das macht ihn nicht nur zu einem Widerling, sondern auch anfällig für die Verführungen der frostigen Herrscherin. Sie entführt ihn in ihren Palast. Die gute Gerda gerät daraufhin in die Fänge einer zwielichtigen Bande. Bei Andersen sind das einfach Räuber, bei Prokofjew dagegen "Zigeuner".

Rätselhaft, warum sich Michael Corder ausgerechnet für die zweite Version entschieden hat. Denn ein Zigeunerklischee vom bedrohlichen, vagabundierenden Volk zu bedienen, das sich an einer jungen Nichtzigeunerin zu vergreifen sucht, hat heutzutage etwas Dumpfes an sich. Da muss der Scheekönigin Spiegel dem Choreografen wohl den Blick getrübt haben. Jedenfalls, Prokofjew-Referenz hin oder her, braucht man keine Political-Correctness-Beseeltheit, um das erste Bild im dritten Akt seiner Schneekönigin als einigermaßen rassistisch zu empfinden.

Von da an ist dieses Handlungsballett inhaltlich eigentlich nicht mehr zu retten. Corders formalen Konservativismus macht eine geschickte Choreografie und schlüssige Dramaturgie wenigstens einigermaßen wett. Und das Orchester der Volksoper unter Martin Yates bringt die Musik eindrucksvoll zur Geltung. Dem und den Leistungen der Tänzerinnen und Tänzer hat das Publikum bei der Wiener Premiere jedenfalls zu Recht Beifall gespendet. (Helmut Ploebst, 9.12.2015)

  • Zur Wiener Premiere glitzerte Olga Esina (hier beim Sprung) im Part der Schneekönigin,  der ihr wie auf den Leib choreografiert scheint. Davide Danto (sitzend) verkörperte den verführbaren Kay.
    foto: ashley taylor

    Zur Wiener Premiere glitzerte Olga Esina (hier beim Sprung) im Part der Schneekönigin, der ihr wie auf den Leib choreografiert scheint. Davide Danto (sitzend) verkörperte den verführbaren Kay.


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