Gena Rowlands: Aus der Rolle ins Ungewisse fallen

9. Dezember 2015, 16:13
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Die unvergleichliche Schauspielerin hat die Filme ihres Mannes John Cassavetes mit leidenschaftlichen Frauenfiguren geprägt. Das Filmmuseum zeigt bis Jänner eine Retrospektive des US-Regisseurs

Wien – Eine Frau unter Einfluss, was soll das eigentlich sein? Mabel Longhetti, Hausfrau und Mutter, ist nicht einfach zu durchschauen. Wenn ihr Mann Nick (Peter Falk) seine Kumpels nach Schichtende unangekündigt zum morgendlichen Spaghettiessen vorbeibringt, will sie sich als Mensch präsentieren, der für alle Anlässe gewappnet ist. Sie kocht, ohne zu murren, und gibt sich dann selbst als der beste Freund von Nick aus. Und doch kann man sehen, wie sehr sie dies anstrengt. Sie spielt mit zu viel Nachdruck, überspannt die Situation, bis sich diese plötzlich dreht.

Mabel Longhetti ist nicht verrückt (und doch wird sie in der Mitte von A Woman Under the Influence (1974) in die Psychiatrie eingewiesen). Sie ist bloß eine Frau, die zu viele Rollen spielt. In jeder davon will sie genügen, und dabei verliert sie das Wesentliche aus dem Blick: Wie lässt sich das Verlangen nach Liebe mit den Vorstellungen des Selbst in Einklang bringen? Wenn sich Mabel mit den Kindern im Garten vergnügt, sind ihr die Aufgaben einer Mutter fern.

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A Woman Under the Influence, Cassavetes' Meisterwerk, ist so eng mit der Darstellung von Gena Rowlands verbunden, dass die Leistungen beider für viele Missverständnisse gut waren. Improvisation "des richtigen Lebens" ist nur eines davon. Cassavetes' Film basierte auf einem Drehbuch, war sogar als Theaterstück gedacht. "Ich wäre in zwei Wochen tot, wenn ich das jeden Abend spielen müsste", sagte Rowlands. Die Rolle der Mabel wurde zu einer Figur, an der sich die weitere Zusammenarbeit des Ehepaars immer wieder messen sollte. Stets ging es beiden darum, die schauspielerischen Ausdrucksmöglichkeiten freier, unbegrenzter auszulegen.

Wie Cassavetes selbst erhielt Rowlands für A Woman Under the Influence eine Oscarnominierung – es war der einzige Film, der dem Regisseur zu Lebzeiten die Anerkennung des Hollywood-Establishments einbrachte. Rowlands wurde erst diesen November beim Governor's Dinner ein Ehrenoscar überreicht. Längst steht die 1930 in Wisconsin geborene Schauspielerin, die mit Cassavetes bis zu seinem Tod 1989 zusammenlebte, für das gemeinsame Werk ein, welches eine Pionierrolle für das US-amerikanische Independentkino einnimmt. Und wie alle Pioniere wurde es oft für den falschen Zweck verraten.

Wettkampf mit der Kamera

Eine besondere Stellung nimmt darin Opening Night (1977) ein, da der Film das Theater, den Ort der physischen Präsenz des Körpers in den Mittelpunkt rückt. Die Arbeit einer Schauspielerin, ihr Kampf mit der spiegelbildlichen Figur eines Stücks, ihre verzweifelte Suche nach dem richtigen Ausdruck – um all das geht es in diesem Film und damit deutlicher als in anderen Arbeiten um die filmische Verwandlung des Körpers.

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Rowlands' Myrtle tritt mit der Kamera in einen Wettkampf, bei dem die Betrachterpositionen zunehmend verschwimmen: Cassavetes verlängert die Bühne in den Off-Stage-Bereich und zeigt den Prozess der Rollenherstellung als einen Akt, bei dem subjektive Verfassungen ständig einsickern müssen. Das ist Rowlands' Kunst: Die Ebenen gehen in ihrem Gesicht fast bruchlos ineinander über – man sieht es eigentlich immer zu spät. Opening Night ist ein Film über das Scheitern an der Improvisation des Lebens. Und über Zeiten, die – alkoholbedingt – aus dem Ruder laufen.

Love Streams (1984) heißt der letzte Film des Paars, ein Titel wie ein Vermächtnis. "Nein", sagt Rowlands' Figur Sarah darin zu ihrem Psychiater, die Liebe höre nicht auf, "sie läuft ohne Unterbrechung weiter." Der Film wurde im Haus von Cassavetes und Rowlands gedreht, er spielt darin ihren Bruder, und in ihren eruptiven Begegnungen zielen die beiden hoffnungslos aneinander vorbei. Die ungestüme Körperlichkeit dieses Films grenzt beinahe an Slapstick.

Es geht um keine entscheidenden Schlachten mehr, sondern nur noch um das Wissen, dass es nie anders wird. In einer verblüffenden Bühnenszene am Ende singt Rowlands ihren Schwanengesang: "In love I'm not sure of me, of you." (Dominik Kamalzadeh, 9.12.2015)

Filmmuseum, bis 6. Jänner

  • Ohne Gena Rowlands, hier in "A Woman Under the Influence", ist das Werk von John Cassavetes  undenkbar: "Ich wäre in zwei Wochen tot, wenn ich das jeden Abend spielen müsste."
    foto: filmmuseum

    Ohne Gena Rowlands, hier in "A Woman Under the Influence", ist das Werk von John Cassavetes undenkbar: "Ich wäre in zwei Wochen tot, wenn ich das jeden Abend spielen müsste."


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