"Rainbow Six Siege" im Test: Terrorjagd trifft "Kevin – Allein zu Haus"

13. Dezember 2015, 11:00
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Ubisofts Multiplayer-Shooter ist eine teure, aber aufregende Neuinterpretation von "Counter-Strike"

"Rainbow Six Siege" ist ein Spiel, in dem man in der Rolle von Spezialeinheiten Jagd auf Terroristen macht. Und wenn auf engstem Raum Wände zerbersten, Blei Türen durchsiebt, Blutspritzer Tapeten bedecken und Explosionen riesige Löcher dort hinterlassen, wo zuvor noch Kameraden und Möbel standen, dann ist man der puren Waffengewalt näher als in jedem anderen Shooter.

Es ist aber auch ein Spiel, in dem sich menschliche Teams frei von jedem realen Kontext für virtuelle Punkte bekriegen, panisch ins Headset kreischen und bei Sieg und Niederlage gleichermaßen überrascht auflachen. Der pure Adrenalinkick, der jedoch nur dann einschlägt, wenn man gemeinsam zur Sache geht und bei aller gespielten Brutalität Spieler online zusammenschweißt. Die größte Eintrittshürde stellen dabei nicht die Abstriche beim Einzelspielererlebnis, sondern der Vollpreis für ein halbvolles Gesamtpaket.

Schmaler Umfang

Denn für 60 Euro inkludiert "Rainbow Six Siege" gerade einmal ein Dutzend Maps, eine Handvoll kompetitiver und kooperativer Spielmodi und zehn Trainingsmissionen für Einzelspieler. Sieben Jahre nach dem Vorgänger befindet sich die Spielwelt gewiss in anderen Zeiten, und Multiplayer-Games sind so angesagt wie nie, doch der komplette Verzicht auf die franchise-typische Kampagne schmerzt berechtigterweise genauso sehr wie beim neuen "Star Wars Battlefront".

Serienfans finden zudem ein ganzheitlich beschleunigtes Spielprinzip vor. Die akribische taktische Planung für Einsätze – wie die Entschärfung von Bomben oder die Rettung von Geiseln – wurde im Vergleich zu vorangegangenen Werken auf ein Mindestmaß reduziert. Auf der Seite der Angreifer hat man vor Spielbeginn eine Minute, um mit Kameradrohnen die Lage zu sondieren. Als Verteidiger nutzt man die Zeit, um seine Stellung zu verbarrikadieren, Fallen zu legen und Schilde aufzubauen.

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Teamplay, Teamplay, Teamplay

Sobald es losgeht, ist alle Taktik auf Teamplay fokussiert. Online treten jeweils fünf Männer und Frauen gegeneinander an oder man begibt sich allein oder mit bis zu vier Freunden auf die Jagd nach Pixelterroristen. So oder so beherrscht Kooperation das Feld. Wer wohin läuft, muss abgesprochen werden, Feindgeräusche kommuniziert und vor gesichteten Gegnern gewarnt werden, will man in den knallharten drei Minuten, die eine Runde im Schnitt dauert, überleben. Gewonnen hat jenes Team, das entweder seine Aufgabe zuerst erfüllt oder, wie es zumeist der Fall ist, alle Widersacher ins Jenseits geschickt hat.

Es sind Gefechte, die einen gnadenlosen Verlauf nehmen, und vielfaches Scheitern implizieren. Denn der virtuelle Tod lauert bei bis in den kleinsten Holzsplitter zerstörbaren Kulissen wortwörtlich hinter jeder Ecke, Wand, Tür und Fenster. Kleinste Einschusslöcher können zu Schießscharten werden und einem Angreifer den entscheidenden Vorteil verschaffen. Wer weiß, wo sich ein Gegenspieler befindet, kann mit Maschinengewehr oder Sprengladung den Weg durch die Mauer nehmen oder eine Blendgranate vorschicken und den Rest im Sturm erledigen.

Beklemmender Nervenkitzel

Durch diese permanente Unsicherheit wird es speziell als Verteidiger beklemmend. Mit Holzplanken kann den Angreifern die Sicht aufs Ziel genommen werden, mit Metallplatten werden Räume zumindest partiell kugelsicher gemacht. Stationäre Schilde nutzt man, um eine Geisel zu schützen oder den Raum für Eindringlinge eng zu machen. Stacheldraht verlangsamt den Vorstoß und verrät die Einfallsrichtung. Und Sprengfallen sichern Durchgänge, sofern sie nicht rechtzeitig erkannt und deaktiviert werden.

Um das Vorgehen auf beiden Seiten zu erschweren beziehungsweise interessanter zu gestalten, werden die einzelnen Rollen vorab klar verteilt. Durch Erfolge freigeschaltete Helden verschiedener internationaler Polizeieinsatzkräfte unterscheiden sich durch deren Ausstattung und können, bis auf den universellen Rekruten, nicht zweimal in einem Team eingesetzt werden. So stehen einem stets weniger Stahlplatten oder Schilde zur Verfügung als erhofft und als Aggressor kann man nicht einfach alles in die Luft jagen.

Tödliche Bedrängnis

Dass jedes freischaltbare Visier und optionale Feature wie alles in diesem Spiel in eher unübersichtlichen Menüs verschachtelt ist und nervige Designentscheidungen getroffen wurden, die etwa Squads mit dem Abbruch eines Spiels auflösen, zeugt von fehlendem Feinschliff. Dass man erst ab Level 25 gerankte Online-Matches absolvieren kann, ist hingegen eine sinnvolle Lösung, um Enttäuschungen und Frust vorzubeugen. Trotz der geringen Anzahl an Modi benötigt es reichlich Übung, bis man sich an die hektischen und leicht überfordernden Gefechte gewöhnt hat.

Um sein Team zu formen und einzuspielen, bietet sich der aus den Vorgängern bekannte Modus "Terrorhunt" an, in dem man sich gemeinsam computergesteuerten Verbrecherbanden stellt. Diese lassen zwar regelmäßig schlampige KI-Programmierung durchblitzen, wenn Figuren beispielsweise plötzlich hilflos auf Wände starren, doch sie agieren präzise und unbarmherzig genug, um menschlichen Trupps ordentlich einzuheizen und einen in tödliche Bedrängnis zu bringen. Makaber und bar jeder Logik treten vor allem Selbstmordattentäter in Erscheinung, die auch im Bund ihrer Kameraden gern den Auslöser betätigen.

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Lehrreiche Situationen

Einen Großteil der angespannten Stimmung erzeugen die zunächst eher unscheinbaren, aber ausgeklügelt angelegten Schauplätze. So wird eine Boeing 747 zum Käfig für klaustrophobische Duelle, während eine mehrstöckige Bank die Aufteilung über Dach und Keller erfordert und ein weitläufigeres Industriegebiet auch die Positionierung von Scharfschützen anbietet. Zur Langzeitmotivation hätte das Spiel definitiv mehr Abwechslung bei den Karten vertragen, doch Spieler werden schon so ziemlich gefordert, die Areale zu studieren.

Hilfestellung leisten hier die zehn "Situationen" für Einzelspieler, die einen mit jedem möglichen Szenario konfrontieren. Gerade in den höheren Schwierigkeitsgraden sind diese kein Spaziergang für Freizeit-Rambos. Nicht nur schießen die Computerterroristen präzise, auch muss man sich nach Jahren der automatischen Heilung in Shootern erst wieder damit anfreunden, dass verlorene Lebensenergie nicht mehr aufladbar ist. Angesichts dessen, dass die Entwickler viel Kraft in die Erstellung kleiner Einführungsvideos zu den freischaltbaren Einsatzkräften gesteckt haben, ist es umso verwunderlicher, dass diese Missionen nicht zu einer schlüssigen und unterhaltenden Kampagne verbunden wurden.

Fazit

"Rainbow Six Siege" verkauft sich über seinem Wert. Das ist weniger eine Kritik am Spiel als an Ubisofts optimistischer Preissetzung, die viele Shooter-Fans am Einstieg in eines der intensivsten und spannendsten Multiplayer-Gefechte seit langem hindern dürfte. Solo spielende Serienfans trauern den umfassenden Kampagnen vorangegangener Iterationen nach. Anstelle dessen erhält man eine moderne und vielfach spektakulärere Interpretation von "Counter-Strike", die in der Offensive Terrorbekämpfung gleichsam brutal und taktisch zum fordernden Teamspiel macht und in der Defensive zum brachialen "Kevin – Allein zu Haus" wird. (Zsolt Wilhelm, 13.12.2015)

"Rainbow Six Siege" ist ab 18 Jahren für Windows-PC, Playstation 4 und Xbox One erschienen. UVP: 59 Euro.

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testmuster wurde vom Hersteller zur Verfügung gestellt.

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Rainbow Six Siege

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