Pelzmode: Ein haariges Geschäft

21. Dezember 2015, 12:02
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Knallbunte Mäntel aus Kunstpelz liegen im Trend. Aber bedeutet diese Entwicklung tatsächlich, dass in Zukunft weniger echte Felle verkauft werden?

Wir haben uns an die Kunstpelz-Ästhetik, die gerade in der Modewelt extrem angesagt ist, gewöhnt. Wir glauben zu wissen, wie Fake-Fur aussieht: pastellige Farben, schräge Oversized-Schnitte, viel Glamrock-Attitüde. Ein lässiger Look, der gerade bei jungen Frauen in ist. Und das Beste daran: Es musste kein Tier dafür sterben.

Aber es wäre nicht die Fashionwelt, wenn alles dermaßen eindeutig wäre. Kürzlich postete das international gefragte Wiener Model Stella Lucia ein Bild von sich vor einer Dönerbuden-Werbung, ungeschminkt, locker hochgesteckte Haare, dazu trug sie eine Normcore-Jeans und eine Jacke, die auf den ersten Blick wie ein Parademodell des neuen Fake-Fur-Trends aussieht: orange gefärbt, lila Ärmel und der Kragen in "Tortilla wrap"-Braun. Es handelt sich um ein Modell des in Bulgarien geborenen, in Wien lebenden Modemachers Petar Petrov. Im Text unter dem Foto war allerdings nicht von Webpelz, sondern von "Fur" die Rede.

Irritationen

Und auch in Online-Shops sind Jacken von Petrov unter dem Begriff "Fuchsfell" zu finden. Auf Nachfrage klärt der Designer die Verwirrung auf: Er verwende bei seinen Jacken und Mänteln ausschließlich Lammfell und möchte mit echtem Pelz nicht in Verbindung gebracht werden. "Fuchs" ist also schlichtweg eine falsche Bezeichnung, die durch das Internet geistert. "Ich mag das Material Lammfell sehr gerne, es sieht mitunter wie Kunstpelz aus und lässt sich schön verarbeiten. Ich sehe absolut keine Notwendigkeit, echten Pelz zu verwenden", sagt Petrov. Aber natürlich gebe es auch bei den Kundinnen Irritation, denen es auf den ersten Blick schwer fiele, zu erkennen, ob es sich nun um Pelz, Fake-Fur oder Lamm handle.

Diese Uneindeutigkeit liegt gerade im Trend. Die Ästhetik verrät das Material nicht. Mitunter werden wertvolle Materialien wie Pelz eingefärbt, damit sie wie eine billige Version in Fake-Fur aussehen. Und bei Modeshootings werden verstärkt beide Optionen angeboten, wie jüngst im Magazin "Harper's Bazaar", da ist ein weißer "Fur Free Fur"-Mantel von Stella McCartney direkt neben einer Schaffelljacke von Louis Vuitton abgelichtet, ein weißer Kunstpelzmantel von Marc Cain, der kuschelig aussieht, neben einem babyblauen Nerzmantel von Dolce & Gabbana, der sehr künstlich wirkt. Rein optisch ist es unmöglich zu bestimmen, was echt, was künstlich ist.

Schlechter Geschmack

Dieses Spiel, High- mit Low-Ästhetik zu mixen, wird besonders von den Luxuslabels kultiviert. Der belgische Modedesigner Dries Van Noten etwa arbeitet seit den 1990er-Jahren mit Kunstpelz, damals wurde der Fellersatz aus Polyester, Baumwolle oder Polyacryl-Fasern noch weitgehend als schlechter Geschmack abgetan. Aber gerade dieser schmale Grat zwischen gutem, schlechtem und irritierendem Geschmack ist spannend auszuloten. "Wir kombinieren Seide mit Kunstpelz und echtem Fell", sagt Van Noten. "Die Kundinnen wissen nicht mehr, was sie sehen, genau das macht für mich die Faszination von Mode aus." Wertvolles und Fake gehen ungeahnte Kombinationen ein, Verwirrung gehört zum Geschäft.

Julie de Libran, Designerin des Labels Sonia Rykiel, sieht das ähnlich, es sind weniger ethische Gründe, die ausschlaggebend für Fake-Fur sind, als eine gewisse Ästhetik. "Gerade für jüngere Kundinnen ist das Material perfekt, es ist verspielt und macht Spaß. Man kann toll mit Volumen und Farben arbeiten, vor zehn Jahren wäre das aufgrund viel schlechterer Qualität gar nicht möglich gewesen." In der aktuellen Kollektion von Rykiel, aber auch bei Hussein Chalayan, kommt Fake-Fur ebenso selbstverständlich zum Einsatz wie echter Pelz.

Für Tierschützer ist dieser Trend des bewussten Grenzenverwischens freilich ein Albtraum. Waren in den 1970er-Jahren die klassischen Pelzkundinnen noch ältere Damen, die voluminöse, zeitlose Mäntel kauften, die für die Kirche oder das Theater als Statussymbol herhalten sollten, avancierten Pelze in den 1980er- und 1990er-Jahren, auch aufgrund von spektakulären Aktionen der Tierschutzorganisation Peta, zum modischen No-Go. Man musste damit rechnen, mit Farbe attackiert zu werden. Der passende Film zum Anti-Fell-Trend war "101 Dalmatiner" (1996) mit Glenn Close als brutale Cruella De Vil, die sich einen Pelzmantel aus Hundefell machen lassen möchte. Die Zuschauersympathien waren natürlich auf Seiten der Dalmatiner.

Einstiegsdroge

Tierschutzorganisationen hatten sich schon früh für den Einsatz von Imitaten eingesetzt, aber immer stand auch die Frage im Raum: Ist Fake-Fur nicht nur eine Einstiegsdroge für den echten Pelz?

Stella McCartney, die Tochter des Ex-Beatles, wuchs umgeben von Tieren aller Art auf und ist nun die berühmteste Veganerin der Modebranche. Sie verzichtet auf Leder und hat sich bisher auch gegen Faux Fur verwehrt, sie meinte, die Pelz-Ästhetik ließe sogar 20-Jährige alt aussehen. "Wir haben Fake-Furs immer beobachtet, dachten aber, es wäre ein falsches Signal, diesen Look zu promoten. Ich fürchtete, dass ich Werbung für echten Pelz machen würde", meinte sie noch vor ein paar Jahren, um jetzt doch auch auf den Markt aufzuspringen. In ihrer aktuellen Winterkollektion finden sich erstmals auch Zottelmäntel.

"Viele Frauen haben mich nach einer Alternative zu echtem Pelz gefragt", meint die Designerin. "Also dachte ich mir: Dann entwerfe ich doch gleich einen richtig gut gemachten 'pelzfreien' Pelz, der jedes Bedürfnis nach echtem Tierfell auslöscht." Am Ärmel ihrer Jacken ist, gut sichtbar, ein Etikett befestigt, auf dem "Fur Free Fur" steht. Mit ihrer ethischen Haltung gegen nicht sonderlich artgerechte Massentierzucht – die Pelzindustrie spricht noch immer gern von "Ernte" – steht McCartney nicht allein, der Londoner Departmentstore Selfridges verzichtet ebenso auf den Verkauf von echtem Pelz wie das Online-Shopping-Portal Net-a-porter.

Über die Hintertür

Dafür wird das Hightech-Fur des britischen Labels Shrimps angeboten. Gründerin Hannah Weiland ist berühmt für ihre extravaganten Mäntel und Jacken in knalligen Farben, It-Girls wie Alexa Chung, Poppy Delevingne oder Pixie Geldof gehören zu ihren Fans. "Früher trug man nur extrem künstlich aussehendes Polyester, das Material hat sich in den letzten Jahren enorm verbessert", sagt Weiland. "Faux Fur fühlt sich inzwischen sehr gut an. Warum also sollten wir echtes Fell verwenden?"

Die Hoffnung, dass Fake-Fur den echten Pelz ablösen und damit viel Tierleid verhindern wird, scheint nur bedingt aufgegangen zu sein. Pelz hat den Laufsteg in den letzten Jahren vor allem über die Hintertür der Accessoires zurückerobert. Der globale Pelz-Umsatz ist in den vergangenen zehn Jahren um 70 Prozent auf rund 11,5 Milliarden Euro gestiegen. Modezar Karl Lagerfeld präsentierte zum 50. Jubiläum des italienischen Luxuslabels Fendi prächtige Mäntel aus Bison, Lamm und Nerz.

Der einstige Filmstar Brigitte Bardot, der sich nun dem Tierschutz und rechter politischer Gesinnung verschrieben hat, schickte Lagerfelds berühmter Katze Choupette einen Brief: Das Tier möge doch bitte auf seinen Besitzer einwirken, für die Fendi-Kollektionen kein Fell mehr zu verwenden. Anscheinend hat Bardot die Macht des werbewirksamen Kätzchens, das selbst Millionen verdient, überschätzt. "Was ist mit all den Arbeitslosen, wenn die Pelzindustrie abgeschafft wird?", erwidert Lagerfeld, um durchaus neoliberal, den Status quo zu festigen.

Pelz-Accessoires

Aber Lagerfeld ist keine Ausnahme, die wenigsten Designer haben eine klare ethische Haltung, gerade bei den Accessoires ist Pelz gefragter denn je: Kopfhörer aus grün gefärbtem Fuchs von Dolce & Gabbana für rund 6700 Euro, Céline-Sommer-Schlapfen (!) mit Fellbesatz, Prada-Kleider mit Nerz auf den Schultern. Durch das aktuelle Revival der 1970er-Jahre ist Pelz auch bei den Herren erneut zum Thema geworden – mit großen Pelzkrägen oder Fellanhängern, die an der Jacke, Hose oder Tasche baumeln.

Durch die Globalisierung und fragwürdige Trends wie Fellbommel auf der Haube ist es für Verbraucher mitunter gar nicht so einfach geworden, echten Pelz von einem Fake zu unterscheiden. In China boomt der Markt mit Fellen, guter Webpelz ist noch immer teuer, da scheint es lukrativer, Tiere zu töten. Einige Produkte, die das Label "Fake-Fur" trugen und aus China kamen, stellten sich bei genauer Betrachtung als Echtfell heraus.

Die Debatte um Kunst- und Echtfell wird sich noch länger hinziehen. Mitunter spaltet sie sogar Familien, wie die nicht gerade öffentlichkeitsscheuen Kardashians. Während Kim neckisch als Badenixe in Furkinis und Pelzroben posiert, trug Khloé, überzeugte Tierschützerin, im Vorjahr einen Fake-Fur-Mantel, auf dem am Rücken rot aufgesprayt stand: "FXCK YO FUR".

Khloé war auch schon Nacktmodell für die umstrittenen Peta-Shootings. Als ihre Halbschwester Kim vor ein paar Monaten beim Signieren ihres Buches "Selfish" von Aktivisten mit Mehl beworfen und als Monster beschimpft wurde, wechselte Khloé den Kurs. Sie schlug sich auf die Seite ihrer armen Schwester. Kardashian-Blutbande sind eben doch dicker als Tierschutz. (Karin Cerny, RONDO, 21.12.2015)

  • Auf diesem Bild ist so gut wie gar nichts echt – außer dem Model natürlich. Mantel, Stiefel und Tasche stammen vom englischen Label Shrimps und sind aus 100 Prozent echtem Kunstpelz.
    foto: ollie hadlee pearch

    Auf diesem Bild ist so gut wie gar nichts echt – außer dem Model natürlich. Mantel, Stiefel und Tasche stammen vom englischen Label Shrimps und sind aus 100 Prozent echtem Kunstpelz.

  • Fast alles Fake-Fur: ein Kunstpelzmantel von Stella McCartney, einer von Shrimps, eine Stola von Charlotte Simone, ein Mantel von A.W.A.K.E., ein Schlüsselanhänger  von Shrimps, ein Outfit von Petar Petrov (der Mantel ist aus Lammfell) und ein kurzer Mantel von THP Shop (von oben).
    fotos: avenue 32 (5), ap, petrov

    Fast alles Fake-Fur: ein Kunstpelzmantel von Stella McCartney, einer von Shrimps, eine Stola von Charlotte Simone, ein Mantel von A.W.A.K.E., ein Schlüsselanhänger von Shrimps, ein Outfit von Petar Petrov (der Mantel ist aus Lammfell) und ein kurzer Mantel von THP Shop (von oben).

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