Auf die Provinzler schimpfen

10. Dezember 2015, 15:00
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(K)ein böses Wort

foto: apa / herbert pfarrhofer

Pro
von Eric Frey

"Bauernland", ätzt mein Sohn, sobald wir die Stadtgrenze Wiens überqueren. Von wem er das wohl hat? Von mir sicher nicht. Kein böses Wort über andere Bundesländer und deren wackere Einwohner würde je über meine Lippen kommen. Emsig wie die Vorarlberger, geradlinig wie die Tiroler, kultiviert wie die Salzburger, kernig wie die Steirer, leidensfähig wie die Kärntner, herrschaftstreu wie die Niederösterreicher und politisch flexibel wie die Burgenländer (über die Oberösterreicher sage ich aus Rücksicht auf meine Chefredakteurin nichts) – die Tugenden der Alpenländler sind legendär. Dankbar müssen wir Wiener sein, dass wir ihre Berge besteigen, in ihren Seen baden, ihre Früchte und ihren Käse genießen dürfen. Dass sie sinnlose Tunnel bohren, die Aufnahme von Flüchtlingen verweigern, Kindergärten zu Mittag schließen, hochprozentig Auto fahren und glauben, dass Linz eine Weltstadt ist – all das sei ihnen nachgesehen. Und dass ihr liebster Zeitvertreib darin besteht, auf Wiener zu schimpfen – das brauchen sie für ihr Selbstwertgefühl. Nein, kein böses Wort über die Provinzler.

Kontra
von Ronald Pohl

Es gibt kaum etwas Dümmeres, als den wackeren Landmann geringzuachten. Wir verbildeten Städter dünken uns etwas Besseres. Wir laufen uns auf den Gehsteigen tagaus, tagein die Füße platt. Wir wackeln mit hoch erhobener Nase in den nächstgelegenen Biomarkt, um dort Runkelrüben aus dem Korb zu angeln, die ein Bauer nicht einmal mit der Mistforke anrühren würde.

Den "Provinzler" hingegen weckt bereits um vier Uhr früh ein gesunder Hahnenschrei aus der Tiefschlafphase. Der Tag gehört ihm. Gewiss, es ist noch finster. Der Tag ist so frisch, dass er noch gar nicht weiß, dass er schon angebrochen ist! Jetzt ein kleiner, gesunder Morgenspaziergang zum Plumpsklosett. Anschließend taucht man zusammen mit sieben Kindern den schartigen Holzlöffel in den irdenen Teller voller Rahm. Was der Tag wohl Spannendes bringen mag? Ein lustiges Heueinbringen? Eine schnittige Traktorfahrt? Ein pikantes Beichtgespräch mit dem polnischstämmigen Dorfpfarrer? Ich jedenfalls werde niemals aufhören, das Loblied der Provinz zu singen. (RONDO, 11.12.2015)

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