Betteln als letzte Hoffnung in der Armut

9. Dezember 2015, 12:00
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Armutsmigration aus Südosteuropa beschäftigt immer mehr Kleinstädte. Von Restriktionen wie Bettelverboten versprechen sich Kommunen schnelle Lösungen

Dornbirn – Betteln polarisiert. Aktuell besonders in Vorarlberg. Seit das im Bundesland generell geltende Bettelverbot 2013 als verfassungswidrig erkannt wurde, wachse die Zahl der Bettelnden, argumentieren Politikerinnen und Politiker. Zuletzt wurden 150 Bettelnde gezählt.

Die fünf Vorarlberger Stadtverwaltungen – in den Kleinstädten wohnen zwischen 14.000 und 48.000 Menschen -, sehen sich mit Armutsmigration aus Südosteuropa konfrontiert. Und sie reagieren mit restriktiven Maßnahmen. In den Innenstädten werden (temporäre) Bettelverbote erlassen, neue Campingverordnungen sollen provisorische Zeltlager der Notreisenden verunmöglichen.

Für Expertinnen und Experten lassen sich aber transnationale Phänomene wie die Armutsmigration nicht langfristig durch kommunale Verordnungen lösen. Sie regen eine grundsätzliche Herangehensweise an.

Bettelverbote

Sozialwissenschafterin Erika Geser-Engleitner von der Fachhochschule Vorarlberg verweist auf die Geschichte von Bettelverboten: "Bettelnde Menschen bilden seit Jahrhunderten einen Teil der Stadt, werden aber gleichzeitig als ein Problem mit Regelungsbedarf gesehen. Ein gesellschaftliches Bewusstsein für die Ursachen der Verarmung war und ist jedoch kaum vorhanden."

Aus dem lokalen, urbanen Phänomen wurde mittlerweile ein internationales, das mangelnde Interesse für die Ursachen bestehe nach wie vor, sagt die Wissenschafterin. Geser-Engleitner fehlt es an Sachlichkeit in der Diskussion: "Das Thema Betteln ist zwar emotional stark besetzt, aber wissenschaftlich schwach fundiert."

Die Aufregung über die Präsenz von Bettelnden in Vorarlberg erklärt Geser-Engleitner mit Ressentiments und Ängsten: "Betteln widerstrebt dem hier herrschenden Bürgersinn. Sichtbare Armut bedeutet zudem eine Bedrohung der eigenen heilen Welt."

Tatsachen statt Gerüchten

Im Auftrag der Vorarlberger Landesregierung erhebt nun die Fachhochschule Vorarlberg Zahlen und Fakten. In Interviews mit den Betroffenen sollen zudem die Lebensbedingungen der Notreisenden in den Herkunftsländern und in Vorarlberg analysiert werden. Ziel ist einerseits Gerüchten Tatsachen gegenüberzustellen, andererseits Zukunftsperspektiven für Betroffene und Kommunen zu entwickeln.

Laut Auswertungen von Polizeidaten stammen die in Vorarlberg bettelnden Menschen aus vier rumänischen Städten und sind Angehörige der Roma-Minderheit. Werden diese Annahmen durch die Studie bestätigt, hat man es in Vorarlberg mit einer wesentlich homogeneren Gruppe als in anderen Bundesländern zu tun.

Erhebungen des Vereins für Obdachlose in Innsbruck ergaben, dass Bettelnde in der Tiroler Landeshauptstadt aus mehreren europäischen Ländern stammen: aus Rumänien, Ungarn, der Slowakei, Bulgarien und Österreich. Die Notreisenden in Salzburg kommen aus Rumänien und der Slowakei, aber auch aus Bulgarien, Polen und Russland.

Ursachen der Migration

In Salzburg und Graz wurden auch Ursachen der Armutsmigration analysiert. Nicht alle Armutsmigrantinnen und -migranten kommen in der Absicht zu betteln, das ergab eine Studie des Salzburger Instituts Helix zu "Lebens- und Bedarfslagen der neuen ZuwanderInnen/Notreisenden".

Roma und Ungarisch sprechende Minderheiten aus der Slowakei machen mit 50 Prozent die größte Gruppe der Notreisenden in Salzburg aus. Die Männer suchen nach Gelegenheitsjobs, Frauen betteln. Sie pendeln zwischen Herkunftsland und Salzburg.

40 Prozent der Notreisenden kämen als Arbeitsmigranten aufs Geratewohl, erhob Helix. Junge Männer, die anreisen, ohne sich zuvor über die realistischen Jobchancen informiert zu haben, sich jedoch in Salzburg Arbeit erhoffen. Betteln sei für sie keine gewünschte Option.

Eine kleine Gruppe der Bettelnden setze sich aus sogenannten Wanderarmen zusammen, heißt es in der Studie. Meist Menschen aus Osteuropa und Russland, die ihre Jobs verloren haben, ohne familiäre Bindung sind und hier stabile Lebens- und Arbeitsstrukturen zu finden hoffen.

Tristesse im Herkunftsland

Die Lebenssituation in den Herkunftsländern beschreibt die Salzburger Studie wie auch die Studie Die imaginierte "Bettlerflut" von Barbara Tiefenbacher und Stefan Benedik über Bettelnde in Graz als trist. Die meisten der hier bettelnden Menschen stammen aus strukturschwachen Regionen, sie wurden Opfer der politischen und wirtschaftlichen Wende in den 1990er-Jahren. Arbeitsplätze in staatlichen Industrie- und Landwirtschaftsbetrieben gingen durch den Strukturwandel verloren. Zugenommen hat aber die Diskriminierung von Minderheiten.

Staatliche Transferleistungen, die Menschen vor dem Absturz in die Armut bewahren können, fehlen in den Herkunftsländern ebenso wie leistbare medizinische Versorgung und Bildungsmöglichkeiten.

Der Zugang zu Bildung ist vor allem für Romakinder schwierig. Hauptmotive für Romafamilien zur Armutsmigration seien die Überlebenssicherung ihrer Familien, die Finanzierung medizinischer Behandlungen und der Ausbildung ihrer Kinder.

Wissenschaftlich nicht verifiziert werden konnte in den beiden Studien der von Medien und Politikern erhobene Vorwurf, hinter den Bettelnden stünden mafiaähnliche Organisationen und ausbeuterische Strukturen. (Jutta Berger, Erika Geser-Engleitner, 9.12.2015)

  • Die Kommunalpolitik versucht, Bettelnde durch Restriktionen aus den Innenstädten zu vertreiben.  Man sollte besser den Ursachen der Armutsmigration auf den Grund gehen, sagen Forscher.
    foto: apa / barbara gindl

    Die Kommunalpolitik versucht, Bettelnde durch Restriktionen aus den Innenstädten zu vertreiben. Man sollte besser den Ursachen der Armutsmigration auf den Grund gehen, sagen Forscher.

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