Spaniens Altparteien setzen auf "Wandel"

9. Dezember 2015, 08:00
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Der Erfolg von Podemos hat die Parteien aufgeschreckt – nun kopieren sie im Wahlkampf deren linke Ästhetik

Madrid – "Wandel" heißt das Zauberwort in Spanien. Es ist das Motto der im Jänner 2014 entstandenen Protestpartei Podemos. Auf Anhieb erzielte die Kraft acht Prozent bei den Europawahlen im Mai des gleichen Jahres. "Wandel" – das ist auch, was viele Spanier wollen. Zu stark leiden sie unter Arbeitslosigkeit, Sparpolitik und Bankenrettung. Zu empört sind sie über ein Wahlsystem, das die beiden großen Parteien, die konservative Partido Popular (PP) und die sozialistische PSOE, bevorteilt.

Als "Populisten", "radikale Kommunisten", als Schüler des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez beschimpfte das Establishment die Kraft rund um eine Clique von Soziologen und Politologen unter Führung des 37-jährigen Pablo Iglesias – doch die hatten trotzdem Erfolg.

Kopie und Original

Guter Rat war teuer. Bis die Marketingspezialisten eine vermeintliche Lösung fanden. Sie kopieren Podemos. Alle Parteien schicken plötzlich junge Politiker in die Talkshows, die Krawatte blieb zu Hause. Die konservative PP änderte ihr Parteilogo. War es einst quadratisch, ist es jetzt ein Kreis, so wie bei Podemos. Treffen auf öffentlichen Plätzen ersetzen Veranstaltungen in teuren Sälen.

Und alle reden – wie könnte es anders sein – vom "Wandel". Die PP wandelt das Land mit ihrer Politik, die makroökonomische Erfolge feiert, ohne dass Armut und Arbeitslosigkeit sinken.

Auch Pedro soll Wandel bringen

Die Sozialisten rund um den eher herkömmlichen Politiker Pedro Sánchez versprechen auf Plakaten "Den Wandel, der eint". Es nutzt bisher wenig, die Wähler kehren der Partei den Rücken. Die PSOE begann mit der Sparpolitik. Viele Sozialisten haben dies nicht vergessen. Sie schauen auf Podemos, trotz PSOE-Videos, in denen einfache Leute mit ihren Nöten und Sorgen zu Wort kommen. "Wir wollen einen Wandel. Wir setzen auf Pedro", sagen sie brav.

Doch die beste Operation wurde in Bankenkreisen ausgeheckt. Es war der Direktor der katalanischen Bank Sabadell, Josep Oliu, der auf einem Wirtschaftsforum 2014 aussprach, was viele spanische Unternehmer bewegte: "Podemos erschreckt uns ein bisschen. Aber eine rechte Podemos, die das Private und die Entwicklung des Landes im Blick hat, wäre nicht schlecht." Die beiden großen Parteien seien nicht mehr "der Ausdruck dessen, was die Unternehmer brauchen". Gesagt, getan. Die Wahl fiel auf eine kleine Partei aus Katalonien. Ciudadanos – die Bürger – rund um den smarten 35-jährigen Albert Rivera.

Damit alles bleibt, wie es ist

Aus der Kraft, die einst vor allem den Kampf gegen die katalanischen Nationalisten führte, wurde plötzlich die neue Partei des "besonnenen Wandels".

Die Presse, Gegnerin vom Podemos, unterstützt Ciudadanos. Denn Rivera redet viel vom "Wandel", sorgt aber in so manchem Rathaus und in einigen Regionen dafür, dass alles bleibt, wie es ist. In Andalusien, wo seit Jahrzehnten die Sozialisten regieren, haben sie trotz Verlusten bei Regionalwahlen weiter die Mehrheit – dank der Stimmen von Ciudadanos. Madrid bietet das gleiche Bild. Nur dort, im Herzen der Korruption in Spanien, eben mit der konservativen PP. Erneuerung, Großreinemachen? Fehlanzeige. (Reiner Wandler aus Madrid, 9.12.2015)

  • Stabilität, Konservatismus und Nähe zur Katholischen Kirche: Das Logo der spanischen Volkspartei PP ist neu, doch die Botschaft unverändert.
    foto: apa / afp / josep lago

    Stabilität, Konservatismus und Nähe zur Katholischen Kirche: Das Logo der spanischen Volkspartei PP ist neu, doch die Botschaft unverändert.

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