Es braucht Fortschritte, keine guten Absichten

Kommentar der anderen8. Dezember 2015, 18:27
38 Postings

Es geht um die Umstellung der Wirtschaft in Richtung einer drastischen Reduktion des Kohlenstoffumsatzes. Eine bloße Emissionssenkung ist nicht ausreichend

Im Vorfeld der Klimawandelkonferenz der Vereinten Nationen (COP21) in Paris haben mehr als 150 Regierungen Pläne vorgelegt, wie sie bis 2030 ihre Kohlenstoffemissionen reduzieren wollen. Viele Beobachter fragen, ob diese Reduktionen weit genug gehen. Aber es gibt eine noch wichtigere Frage: Wird der bis 2030 gewählte Weg dazu führen, dass die Treibhausgasemissionen später im Jahrhundert ein Ende finden?

Die Wissenschafter stimmen darin überein, dass zur Stabilisierung des Klimas unsere Energiesysteme bis etwa 2070 vollständig dekarbonisiert und die Treibhausgasemissionen auf null gesetzt werden müssen. Die G7 hat erkannt, dass die Dekarbonisierung – das einzige sichere Mittel gegen den zerstörerischen Klimawandel – in diesem Jahrhundert das ultimative Ziel ist. Und viele Staatschefs der G20 und anderer Länder haben öffentlich ihre Absicht erklärt, diesem Weg zu folgen.

Noch verhandeln die Länder auf der COP21 aber nicht über Dekarbonisierung. Sie verhandeln über viel bescheidenere Schritte bis 2025 oder 2030, nämlich über beabsichtigte national bestimmte Beiträge (INDCs, Intended Nationally Determined Contributions). Der INDC der Vereinigten Staaten beispielsweise verpflichtet das Land dazu, bis 2025 die CO2-Emissionen im Vergleich zu 2005 um 26 bis 28 Prozent zu reduzieren.

Obwohl die Tatsache, dass über 150 INDCs eingereicht wurden, eine wichtige Errungenschaft der internationalen Klimaverhandlungen ist, fragen sich die meisten Experten, ob diese Verpflichtungen insgesamt genügen, um die globale Erwärmung unterhalb der vereinbarten Grenze von zwei Grad Celsius zu halten. Beispielsweise wird diskutiert, ob die INDCs bis 2030 zu einer Reduktion von 25 Prozent oder eher 30 Prozent führen und ob wir bis dahin 25, 30 oder 40 Prozent Emissionseinsparung brauchen, um das Ziel zu erreichen.

Aber die wichtigste Frage ist, ob die Länder ihr Ziel für 2030 auf eine Art erreichen, die bis 2070 zu einer Nullemission führt, also zu vollständiger Dekarbonisierung. Ergreifen sie lediglich Maßnahmen zur kurzfristigen Emissionsreduzierung, riskieren sie, dass ihre Volkswirtschaften nach 2030 weiterhin hohe Mengen Treibhausgase ausstoßen. Das entscheidende Thema ist also nicht das Jahr 2030, sondern das, was danach passiert.

Niedrig hängende Früchte

Es gibt Gründe zur Sorge. Bis 2030 können zwei unterschiedliche Wege eingeschlagen werden. Den ersten können wir "umfassende Dekarbonisierung" nennen. Er besteht in Schritten, die bis 2030 durchgeführt werden und den Weg für noch viel radikalere Schritte nach dieser Zeit bereiten. Der zweite Weg könnte "Weg der niedrig hängenden Früchte" genannt werden – einfache und relativ kostengünstige Maßnahmen, um schnell eine bescheidene Emissionsminderung zu erreichen. Der erste Weg bietet nur wenig niedrig hängende Früchte, und diese könnten sogar ablenkend wirken oder noch schlimmere Folgen haben.

Und hier liegt der Grund zur Sorge. Der einfachste Weg zur Verringerung der Emissionen bis 2030 besteht darin, Kohlekraftwerke durch Gaskraftwerke zu ersetzen. Erstere emittieren etwa 1000 Gramm CO2 pro Kilowattstunde und Letztere nur etwa die Hälfte. Während der kommenden fünfzehn Jahre wäre es nicht schwer, die heutigen Kohlekraftwerke durch neu gebaute Gaskraftwerke zu ersetzen. Eine weitere niedrig hängende Frucht wären große Fortschritte bei der Effizienz von Verbrennungsmotoren, die den Kraftstoffverbrauch der Autos von beispielsweise acht Litern pro hundert Kilometer auf fünf Liter senken.

Das Problem ist, dass Gaskraftwerke und effizientere Verbrennungsmotoren bei weitem nicht ausreichen, um die Kohlenstoffemissionen bis 2070 vollständig auf null zu bringen. Statt auf 500 Gramm pro Kilowattstunde zu kommen, müssen wir die Emissionen dazu bis 2050 auf 50 Gramm reduzieren. Wir brauchen keine effizienteren Verbrennungsmotoren, sondern Nullemissionsfahrzeuge – insbesondere deshalb, weil sich die weltweite Anzahl der Fahrzeuge bis Mitte des Jahrhunderts leicht noch verdoppeln könnte.

Eine umfassende Dekarbonisierung erfordert kein Erdgas und keine Effizienzfahrzeuge, sondern Elektroautos, die mit kohlenstofffrei hergestelltem Strom aufgeladen werden. Im Gegensatz zu den niedrig hängenden Früchten, nach denen viele Politiker heute greifen, ist dieser radikalere Wandel der einzige Weg zur Klimasicherheit (also zum Ziel, unterhalb von einer Erwärmung von zwei Grad Celsius zu bleiben). Streben wir einen Ersatz von Kohle durch Gas oder effizientere Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren an, riskieren wir, in eine Hochemissionsfalle zu tappen.

Auf dem Weg der niedrig hängenden Früchte kann bis 2030 eine starke Reduzierung erreicht werden. Die Kosten dafür sind wahrscheinlich geringer als auf dem Weg der umfassenden Dekarbonisierung, da der Übergang zu einer kohlenstofffreien Elektrizität (wie Wind- und Solarenergie) und zu Elektrofahrzeugen teurer sein könnte als eine simple Verbesserung unserer bestehenden Technologien. Das Problem ist, dass der Weg der niedrig hängenden Früchte nach 2030 weniger Reduktionen erzielt. Er führt in eine Sackgasse. Nur der Weg der umfassenden Dekarbonisierung führt die Volkswirtschaften hin zur notwendigen Stufe der Dekarbonisierung bis 2050, um dann bis 2070 die Emissionen völlig beenden zu können.

Sackgassen und simple Lösungen vermeiden

Insbesondere für Politiker, die den Wahlzyklus im Auge behalten, ist die Verlockung der kurzfristigen Lösung sehr groß. Aber er ist eine Fata Morgana. Damit die Politiker verstehen, worum es bei der Dekarbonisierung wirklich geht und was sie tun müssen, um Sackgassen und simple Lösungen zu vermeiden, sollten alle Regierungen ihre Verpflichtungen und Pläne nicht nur für die Zeit bis 2030 aufstellen müssen, sondern bis mindestens 2050. Dies ist die Hauptbotschaft des Deep Decarbonization Pathways Project (DDPP), im Rahmen dessen Forschungsteams aus sechzehn der Länder mit den größten Treibhausgasemissionen Wege zur umfassenden Dekarbonisierung entwickeln, die bis Mitte des Jahrhunderts reichen.

Das DDPP zeigt, dass umfassende Dekarbonisierung technisch möglich und bezahlbar ist. Es wurden Maßnahmen entwickelt, die die Fallen und Versuchungen der niedrig hängenden Früchte bis 2050 vermeiden und die größten Volkswirtschaften auf den Weg der vollständigen Dekarbonisierung bis etwa 2070 bringen.

Alle diese Wege basieren auf drei Grundsätzen: großen Fortschritten bei der Energieeffizienz durch neue Materialien und (informationsbasierte) Systeme; kohlenstofffreier Elektrizität auf Grundlage der besten Möglichkeiten jedes Landes wie Windkraft, Solarenergie, Erdwärme, Wasserkraft, Nuklearenergie oder Kohlenstoffabscheidung und -speicherung; und dem Übergang von Verbrennungsmotoren hin zu Elektrofahrzeugen sowie der Elektrifizierung anderer Bereiche und dem Einsatz fortgeschrittener Biobrennstoffe.

Die Schlüsselfrage für Paris ist daher nicht, ob die Regierungen bis 2030 eine Reduzierung von 25 Prozent oder 30 Prozent erreichen können, sondern wie sie dies erreichen wollen. Dafür muss in Paris vereinbart werden, dass die Länder nicht nur INDCs bis 2030 einreichen, sondern auch einen nicht bindenden Ansatz zur umfassenden Dekarbonisierung bis 2050. Die USA und China haben daran bereits Interesse signalisiert. Auf diese Weise kann sich die Welt auf den Weg zur Dekarbonisierung begeben – und die Klimakatastrophe abwehren, die uns sonst erwartet. (Jeffrey D. Sachs, Guido Schmidt-Traub, Jim Williams, 8.12.2015)

Jeffrey Sachs ist Direktor des Earth Institute und des Netzwerks für Lösungen nachhaltiger Entwicklung der Vereinten Nationen.

Guido Schmidt-Traub ist geschäftsführender Direktor des Netzwerks für Lösungen nachhaltiger Entwicklung der Vereinten Nationen.

Jim Williams ist Direktor des Deep Decarbonization Pathways Project.

Aus dem Englischen: H. Eckhoff

Copyright: Project Syndicate

Share if you care.