Männer haben durch Testosteron einen besseren Richtungssinn

8. Dezember 2015, 12:00
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Immer wieder zeigen Studien, dass es geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Orientierung gibt. Dies könnte am Sexualhormon Testosteron liegen

Trondheim – Erst kürzlich räumten Forscher mit früheren Annahmen auf, dass Frauen und Männer völlig unterschiedliche Gehirne hätten. Zwar gäbe es Differenzen, berichteten Hirnforscher im Fachmagazin "PNAS". Doch in den Gehirnen der meisten Menschen würden sich "weibliche" und "männliche" Merkmale mischen.

Allerdings haben andere Studien wiederholt gezeigt, dass Männer und Frauen das Gehirn in bestimmten Situationen unterschiedlich nutzen – etwa, wenn es um die räumliche Orientierung geht. Diese Unterschiede nahmen nun Forscher um Carl Pintzka von der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie (NTNU) in den Fokus einer neuen Untersuchung: Sie wollten genauer herausfinden, worin sich die Gehirnaktivität zwischen den Geschlechtern unterscheidet und welche Rolle dabei Sexualhormone spielen.

Aufgaben im 3D-Labyrinth

In einem Experiment ließen sie jeweils 18 Männer und 18 Frauen unterschiedliche Navigationsaufgaben lösen. Mit einer 3D-Brille mussten die Probanden zunächst ein virtuelles Labyrinth erkunden und anschließend innerhalb von 30 Sekunden Aufgaben lösen, etwa: "Finden Sie das gelbe Auto."

Es zeigte sich, dass die Männer deutlich besser abschnitten: Sie lösten durchschnittlich 50 Prozent mehr Aufgaben als die Frauen. Während des Experiments analysierten die Forscher zudem die Hirnaktivitäten der Teilnehmer mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRI).

Dabei stellte sich heraus, dass Männer und Frauen zum Teil unterschiedliche Hirnregionen nutzten, um sich zu orientieren: Während bei den männlichen Probanden bei der Navigation im Labyrinth der Hippocampus aktiver war, zeigte sich bei den weiblichen Testpersonen wiederum verstärkte Aktivität im Frontalbereich.

Evolutionäre Ausprägung

Für Pintzka liegt die mögliche Erklärung dafür in den unterschiedlichen Aufgaben der Geschlechter im Lauf der Evolution: "In früheren Zeiten waren die Männer Jäger und die Frauen Sammler, unsere Gehirne entwickelten sich daher wahrscheinlich unterschiedlich." Frühere Untersuchungen würden diese Erklärung stützen, so der Erstautor der Studie: Demnach können nämlich Frauen schneller als Männer Gegenstände in einem lokal begrenzten Gebiet auffinden. Oder wie Pintzka es zugespitzt formuliert: "Frauen finden schneller Dinge im Haus, Männer das Haus."

Im einem zweiten Experiment untersuchten die Wissenschafter den Einfluss des Geschlechtshormons Testosteron auf die Orientierung. Dazu verabreichten sie 42 Frauen jeweils eine Dosis Testosteron oder ein Placebo, und ließen sie anschließend ebenfalls die Navigationsaufgaben im 3D-Labyrinth lösen.

Unterschiede bei Erkrankungen

Zwar änderte dies die Lösungsquote im Vergleich zum früheren Experiment nicht merklich. "Aber die Frauen hatten insgesamt eine bessere Kenntnis vom Aufbau des Labyrinths", so Pintzka. Dies zeigte sich auch an der Hirnaktivität: "Sie nutzten ihren Hippocampus stärker, der auch von Männern verstärkt zum Navigieren eingesetzt wird."

Diese Ergebnisse könnten dabei helfen, geschlechtsspezifische Unterschiede bei Gehirnerkrankungen zu erklären, hoffen die Forscher. "Fast alle Erkrankungen des Gehirns sind bei Männern und Frauen verschieden, entweder in Häufigkeit oder Ausprägung", sagte Pintzka. So würde etwa bei doppelt so vielen Frauen Alzheimer diagnostiziert wie bei Männern – der Verlust des Orientierungssinnes gilt als erstes Anzeichen für diese Krankheit. Hier wäre also ein Zusammenhang mit Sexualhormonen durchaus denkbar, so Pintzka. (red, 8.12.2015)

  • Die richtige Richtung finden Männer offenbar eher als Frauen. Geht es nach norwegischen Forschern, liegt das auch am Testosteron.
    foto: dapd/jae c. hong

    Die richtige Richtung finden Männer offenbar eher als Frauen. Geht es nach norwegischen Forschern, liegt das auch am Testosteron.

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