Lernen von den Kleinen: Aufnäher und Bügelflicken

Kolumne9. Dezember 2015, 09:00
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Mit den "Atomkraft? Nein Danke"-Aufnähern haben die "Patches", die gerade die Mode überrollen, nichts zu tun. Sie verbreiten lieber gute Laune

Früher, in den Siebzigern und in den Achtzigern, da waren sie sowas wie Lebensretter. Die Bügelflicken und die Aufnäher hielten in Krisenregionen zusammen, was noch zu retten war: sie landeten auf Kinderhosen meist da, wo Fahrradunfälle und andere Karambolagen Löcher hinterließen – auf den Knien und am Hosenboden. Weil aufgerissene Jeanshosen damals in der Kindermodeabteilung noch tabu waren, mussten die Risse möglichst schnell zum Verschwinden gebracht werden. Und wenn dann plötzlich Elefanten und Traktoren über Knie und Hosentaschen walzten, dann war das ein Grund mehr, mal wieder einen Sturz hinzulegen.

Irgendwann aber wurden die bunten Bügelflicken und die Aufnäher und mit ihnen die Kurzwarenabteilungen arbeitslos. Vielleicht, weil die Kinder seltener Stürze hinlegten. Oder weil die zerfetzten Hosen der Einfachheit halber sofort im Altkleidercontainer landeten.

Die Logik der Mode

Dass sie jetzt von den Erwachsenen, die sich gerade noch an die Siebzigerjahre und an die Elefanten und die Traktoren zum Aufbügeln erinnern, hervorgeholt werden, entspricht der ganz normalen Logik der Mode. Denn die ist gerade zu weiten Teilen nostalgisch gestimmt. Es verwundert also nicht, dass die größten Nostalgiker unter den Modedesignern jetzt ihr Herz für die Aufnäher wieder entdecken. Und zwar nicht jene aus der, na ja, Erwachsenenabteilung, die einst klare Ansagen gemacht haben: "Atomkraft? Nein Danke" oder "Gegen Nazis".

Sondern jene lustigen und unverbindlichen Exemplare aus der Kinderabteilung. Alessandro Michele, der im Rom der Siebzigerjahre aufwuchs, montiert bei Gucci Herzen, Schlangen, Blumen und Bienen auf Männerjacken aus Samt. Hedi Slimane, Jahrgang '68, kokettiert bei Saint Laurent zwar gern mit der lässigen Attitüde von Popstars. Doch die tragen bei ihm nicht mehr als springende Delfine und Smileys spazieren. Mehr wollen sich die großen Modekonzerne wohl nicht erlauben.

Es sind aber mittlerweile auch kleine Unternehmen wie das französische Label Macon & Lesquoy mit kindlichen Comic-Motiven erfolgreich. Die kommen bei den Moderedakteurinnen und Bloggerinnen schließlich besonders gut an.

Und vielleicht trauen sie sich ja während der nächsten Modewochen-Saison, ein paar andere Aufnäher zwischen die Smileys zu mogeln. "RFGS WLCM"- oder "FCK NZS"-Aufnäher würden sicherlich die Streetstyle-Fotografen ganz verrückt machen. Diese "Patches" dann aber bitte nicht bei Net-à-Porter suchen. (Anne Feldkamp, 9.12.2015)

  • Bunte Aufnäher bei Gucci ...
    foto: ap/drew

    Bunte Aufnäher bei Gucci ...

  • ... und Saint Laurent.
    foto: apa/epa/langsdon

    ... und Saint Laurent.

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