Heiliges Jahr im heillosen Chaos der Ewigen Stadt

8. Dezember 2015, 12:21
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Am Dienstag eröffnet Papst Franziskus das "Jubeljahr der Barmherzigkeit". Millionen Pilger werden erwartet – doch Rom wirkt unvorbereitet

In den Straßen Roms hängt seit einigen Wochen permanent der Duft von frischem Teer: Um zumindest die wichtigsten Anfahrtswege zum Petersplatz in einen präsentierbaren Zustand zu versetzen, haben die Stadtbehörden eine Armada von Dampfwalzen in Marsch gesetzt. Aber für mehr als diese und einige andere kosmetische Maßnahmen wird es bis zum Dienstag nicht mehr reichen.

Seit Papst Franziskus im März das "Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit" angekündigt hat, ist die "am meisten heruntergekommene Hauptstadt Europas" ("Corriere della Sera") nur noch tiefer im Chaos versunken.

foto: reuters/max rossi
Bauarbeiten vor dem Petersdom in Rom.

Die großen Plagen sind der allgegenwärtige Dreck und der mittlerweile chronische Verkehrskollaps. Die Hälfte der städtischen Busse stehen kaputt im Depot, die andere Hälfte im Stau. Die U-Bahn ist seit zwölf Jahren nicht mehr gewartet worden, ihre Fahrer befinden sich seit Wochen im Bummelstreik. Das einzig Tröstliche: Die meisten Pilger werden von Rom nur die historische Altstadt sehen – und wenigstens diese wirkt halbwegs aufgeräumt. Der Kontrast zum bisher letzten Jubiläumsjahr 2000 könnte nicht größer sein.

Politische Querelen

Wie wenig sich diesmal auch die Zentralregierung um das Heilige Jahr schert, sieht man daran, dass der Kredit für die Vorbereitung der Feierlichkeiten erst im November freigegeben wurde. Böse Zungen behaupten, der sozialdemokratische Premier Matteo Renzi habe das Geld absichtlich so lange zurückgehalten, um damit den Rücktritt des ungeliebten Bürgermeisters und Parteigenossen Ignazio Marino zu beschleunigen.

Hinzu kamen die Terroranschläge von Paris. "2016 wird ein Jubeljahr in Zeiten des IS", erklärte Roms Polizeichef Nicolò d’Angelo. Um die Sicherheit der Pilger zu garantieren (soweit dies möglich ist), wurde Rom zur Festung ausgebaut – zumindest in diesem Punkt haben Renzi und Innenminister Angelino Alfano die Hausaufgaben gemacht. Insgesamt wurden 2.000 zusätzliche Polizisten und Soldaten nach Rom abkommandiert; auch der Zivilschutz wird eingesetzt. Zudem wurden zur Terrorpräsvention tausende "intelligente" Videokameras mit Gesichtserkennungssoftware installiert.

foto: reuters/max rossi
Kameras wurden vor dem Petersdom installiert.

Verstärkte Sicherheitsvorkehrungen

Besonders intensiv bewacht werden Flughäfen und Bahnhöfe. Um auf den Petersplatz zu gelangen, müssen die Pilger durch einen von 30 Metalldetektoren. Auch in den städtischen Bussen und in der U-Bahn ist die Präsenz der Sicherheitskräfte massiv erhöht worden, ebenso bei Touristenattraktionen wie dem Kolosseum, der Spanischen Treppe und dem Trevi-Brunnen – insgesamt sollen so 1.400 Objekte geschützt werden.

Ursprünglich waren für die Dauer des Heiligen Jahres 36 Millionen Pilger erwartet worden. Nach den Anschlägen in Paris ist die Schätzung auf 20 Millionen heruntergeschraubt worden. Die Terrorangst wirft ihre Schatten auch im Tourismusgewerbe voraus: Wirte und Hoteliers jammern über Rekordstornierungen.

foto: reuters/max rossi
Auch zahlreiche Sicherheitskräfte sind in Rom im Einsatz.

Vatikan im Zeitplan

Der Vatikan selbst ist bei seinen Vorbereitungen des Jubeljahrs im Zeitplan. Längst hat der zuständige Päpstliche Rat für die Neuevangelisierung eine Info-Website in sieben Sprachen online gestellt. Unter anderem ist dort auch ein Stadtplan mit verschiedenen Pilgerpfaden zum Petersdom zu finden – wohl für den Fall, dass es die überforderten Stadtbehörden nicht mehr schaffen sollten, die Hinweistafeln aufzustellen.

Auch die Mauer, mit der die Heilige Pforte des Petersdoms nach dem Abschluss des Heiligen Jahres 2000 traditionsgemäß verschlossen worden war, wurde am 17. November durch Kardinal Angelo Comastri entfernt. Früher wurde die Mauer durch den jeweiligen Papst höchstpersönlich eingerissen. Das hätte 1975 beinahe böse geendet: Bei der Öffnung der Mauer hatten Ziegelsteine, die plötzlich herunterfielen, den Kopf von Papst Paul VI. nur um wenige Zentimeter verfehlt. Seither beschränken sich die Päpste darauf, die beiden Flügel der Pforte aufzustoßen. Am Dienstag, 15 Jahre nach dem Ende des bisher letzten Heiligen Jahres, ist es wieder so weit. (Dominik Straub aus Rom, 8.12.2015)

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