Die Tricks, die Nutzer süchtig nach Instagram und Co machen

7. Dezember 2015, 14:54
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Der Netzwerkeffekt führt dazu, dass man ständig aufs Smartphone schaut – Kritiker sehen Handlungsbedarf bei Unternehmen

Viele Menschen, die sich ihre Internetnutzung bewusst vor Augen halten, werden wohl feststellen, dass sie kaum eine Stunde am Tag verbringen ohne auf Smartphone, Tablet oder Computer zu blicken. Facebook, Twitter, Instagram, Pinterest – es gibt zahlreiche Apps, in denen man sich ständig beim Lesen von Statusupdates, Durchklicken durch Fotogalerien oder Anklicken von Hashtags verliert. Gleichzeitig wird ein Dienst mit mehr Nutzern immer attraktiver für neue User, der sogenannte Netzwerkeffekt. Kritiker sehen Handlungsbedarf bei Unternehmen.

"Es gibt immer einen weiteren Hashtag"

Untersucht wird das Phänomen unter anderem von Entwickler Greg Hochmuth und dem Künstler und Computerwissenschaftler Jonathan Harris. "Wenn die Nutzer mal drinnen sind setzt der Netzwerkeffekt ein, es gibt ein Überangebot an Inhalten. Die Leute klicken herum. Es gibt immer einen weiteren Hashtag, den man anklicken kann", sagt Hochmuth zur New York Times. Der Entwickler weiß wovon er spricht, bis letztes Jahr arbeitete er bei der populären Fotocommunity Instagram.

Laut Hochmuth haben die Features, die Instagram so einfach nutzbar machen, allerdings auch den negativen Effekt, dass man eben ständig nachsehen muss. Das verselbständige sich, wachse wie ein eigener Organismus und die Nutzern würden obsessiv. Es ist kein Zufall, dass die Timeline von Facebook kein Ende hat oder auf Netflix und YouTube die nächste Folge einer Serie oder der nächste Clip automatisch starten. (Immerhin: die Autoplay-Funktion lässt sich deaktivieren.) Auch ständige Benachrichtigungen über eine neue Message oder ein neues Like führen dazu, dass sich Nutzer verpflichtet fühlen zu antworten.

Growth Hacking vs. Selbstbeherrschung

Mit Methoden des sogenannten Groth Hackings sollen für einen Dienst neue Nutzer gewonnen und bestehende User dazu animiert werden länger auf einer Seite oder in einer App zu verweilen. Gleichzeitig sollen diese User weitere Mitglieder bringen. Apps zeigen beispielsweise an, wie oft sie benutzt werden und animieren User dazu, noch öfter vorbeizuschauen. Mit Sharing-Funktionen kann man anderen mitteilen, dass man eine Apps verwendet. Oft führt das Klicken auf einen Link dazu, dass man aufgefordert wird, die passende Anwendung herunterzuladen.

An diesen Methoden regt sich nach und nach Kritik. Tristan Harris, der als Product Philosopher bei Google arbeitet, sagt zur New York Times, dass man mit eigener Willenskraft kaum dagegen ankomme. Immerhin stünden auf der anderen Seite Hunderte Entwickler, die gegen die Selbstbeherrschung der Nutzer arbeiten. Er vergleicht das mit gewissen Zutaten in Lebensmitteln, die einen auf gewisse Art und Weise süchtig machen können. Mit dem Projekt Time Well Spent will er Unternehmen anregen, Usern mehr Features zu bieten, um ihre Nutzung von Diensten zu limitieren. Auch sollen alternative App-Designs entwickelt werden, die sich nicht an der Zahl von Freunden, Followern oder Likes orientieren, sondern etwa auf die Qualität von Beziehungen.

Anregen, etwas anderes zu tun

Hochmuth, der Instagram 2014 verlassen hat, hat gemeinsam mit Harris die Website Networkeffect.io entwickelt. Hier wird man mit einer Unmenge an Videos, Updates und Statistiken konfrontiert. Nach ein paar Minuten wird allerdings ihr Zugang zu der Seite für 24 Stunden blockiert, damit "man sich wieder dem Leben widmen kann". Das soll Nutzer zum Reflektieren anregen, so Hochmuth. "Möchte ich weiter surfen und klicken und besessen sein? Oder möchte ich etwas anderes tun?".

Das Problem ist, dass sich solche ethischen Überlegungen nur Unternehmen erlauben können, die bereits eine große Nutzerzahl haben. Startups, die erst beim Aufbau einer Community sind, werden eher davon absehen ihren Nutzern nahezulegen die Dienste nicht zu obsessiv zu verwenden. Natasha Dow Schüll von der New York University sieht dennoch Ansätze. Soziale Netzwerke analysieren das Verhalten ihrer Nutzer ohnehin schon. Sie könnten Algorithmen entwickeln, die erkennen wann das Verhalten eines Users obsessiv wird und ihn dann warnen. (red, 7.12.2015)

  • Die Smartphones-Nutzung wird aufgrund der App-Designs obsessiver.
    foto: afp photo/ nicholas kamm

    Die Smartphones-Nutzung wird aufgrund der App-Designs obsessiver.

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