Lebenselixier Kaffee: Forscher kritisiert irreführende Ergebnisse

8. Dezember 2015, 07:00
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Studie stellt Verbindung zwischen höherer Lebenserwartung und Kaffeekonsum her – statistisch gibt es Zweifel an der Kausalität

Österreich ist eine Kaffeenation: Im Jahr 2014 lag der Konsum mit 8,3 Kilogramm pro Kopf weit über dem europäischen Durchschnitt (4,9 Kilogramm). Mehr geröstete Bohnen konsumierten nur die Finnen (12,1 Kilogramm) und Norweger (9,1 Kilogramm).

Was die gesundheitlichen Effekte betrifft, ist der Befund weniger eindeutig: Koffein könne die Folgen von chronischem Stress lindern und das Rückfallrisiko nach einer Darmkrebserkrankung senken, heißt es in zwei kürzlich veröffentlichten Studien. In einer anderen Untersuchung wird hingegen vor intensivem Kaffeekonsum bei Vorerkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes gewarnt.

Eine aktuelle Studie sollte nun alle Skeptiker verstummen lassen: "Kaffee trinken kann das Leben verlängern" oder "Kaffee verlängert das Leben" war in österreichischen und deutschen Medien oft zu lesen. Der Grund dafür: Wissenschaftler der Harvard-Universität wollen herausgefunden haben, dass eine bis fünf Tassen Kaffee pro Tag das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2 und neurologischen Krankheiten wie Parkinson senkt.

Bioaktive Substanzen

Die Ergebnisse resultieren aus drei großen Langzeitstudien, für die insgesamt knapp 209.000 Probanden befragt wurden. Die Teilnehmer mussten über einen Zeitraum von 30 Jahren alle vier Jahre angeben, wie häufig sie zum schwarzen Wachmacher greifen. Auch Faktoren wie Nikotinkonsum, Body-Mass-Index, Sportlichkeit, Alkoholkonsum und Ernährung wurden von den Wissenschaftlern berücksichtigt.

Die vermeintlich gesundheitsfördernde Wirkung liege aber nicht am Koffein per se, sondern an anderen pflanzlichen Inhaltstoffen, wie die Forscher betonen. "Bioaktive Verbindungen im Kaffee reduzieren die Insulinresistenz und systemische Entzündungen. Allerdings brauchen wir noch mehr Studien, um die biologischen Mechanismen dahinter zu verstehen", sagte Studien-Leiterin Ming Ding.

Kein Kausalzusammenhang

Die Ergebnisse klingen gut in den Ohren leidenschaftlicher Kaffeetrinker. "In Wahrheit hatte die Studie nur eine Korrelation notiert, also einen Zusammenfall von Kaffeekonsum und höherer Lebenserwartung. Ein Kausalzusammenhang, dass der Kaffeekonsum ursächlich für die höhere Lebenserwartung ist, wurde jedoch nicht festgestellt", betont Walter Krämer, Statisitker an der Technischen Universität Dortmund.

Im Gegenteil: "Der Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und Todesrisiko ist weiter ungeklärt", schreiben auch die Forscher der Harvard-Universität. Dieser Hinweis wurde aber im Großteil der medialen Berichterstattung ignoriert.

Möglicherweise verhält es sich ja auch genau umgekehrt: "Menschen, die aktiv im Leben stehen und deshalb auch länger leben, trinken gerne Kaffee", kehrt Walter Krämer die Interpretation der Studienergebnisse um. Bis dazu eine wissenschaftliche Studie erschienen ist, sollten Ängstliche vielleicht doch besser abwarten und Tee trinken. (gueb, 8.12.2015)

  • Forscher der Harvard-Universität behaupten, dass eine bis fünf Tassen Kaffee pro Tag unter anderem das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senkt.
    foto: dpa/martin gerten

    Forscher der Harvard-Universität behaupten, dass eine bis fünf Tassen Kaffee pro Tag unter anderem das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senkt.

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