Flüchtlingshilfe: Zivilgesellschaft in der Ägäis

5. Dezember 2015, 08:00
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Wie österreichische Privatpersonen auf griechischen Inseln helfen

Dies ist ein Bericht über einige österreichische Freiwillige, die in Zusammenarbeit mit griechischen Freunden im Zentrum des Flüchtlingszustroms in der Ostägäis humanitäre Arbeit leisten und geleistet haben. In Privatinitiative, anfangs völlig auf sich selbst gestellt. Ohne diese privaten Helfer wäre die Lage der Flüchtlinge im überforderten Griechenland noch viel schlimmer als ohnehin. Zivilgesellschaft auf hoher See und auf Ferieninseln, sozusagen.

Catharina und Gabriella aus Wien sind berufstätige Frauen mit erwachsenen Kindern. In diesem Spätsommer und Herbst haben sie sich auf den Inseln Samos und Leros für die Flüchtlinge engagiert, in Zusammenarbeit mit einer privaten Initiative (Verein Echo100plus – via Facebook zu finden). Sie sind zugleich desillusioniert, geschockt über die Zustände und doch inspiriert vom Erlebnis menschlicher Qualitäten zurückgekommen.

foto: privat
So kamen sie bis vor kurzem von der Türkei auf die küstennahen griechischen Inseln Lesbos (434.000 Flüchtlinge), Chios (99.000), Samos (89.000), Leros (35.000), Kos (55.000). Sie wurden auch von österreichischen Helfern betreut – und vor dem Ertrinken gerettet.

Die Situation: Seit dem Sommer kamen täglich tausende Flüchtlinge aus der Türkei die paar Kilometer übers Meer, auf die großen küstennahen Inseln Lesbos, Chios, Samos, Leros und Kos. Auf die Reise geschickt für ein paar tausend Euro in niedrigen Schlauchbooten von der türkischen Schleppermafia, unter aktivem Wegschauen der türkischen Behörden. 720.000 bisher. Über 200 sind bisher ertrunken, von bösen Verletzungen ganz zu schweigen.

Aber was können ein paar dutzend Freiwillige angesichts einer solchen Ausnahmesituation mit hunderttausenden Flüchtlingen überhaupt tun? Zumal inzwischen auch die großen Hilfsorganisationen wie UNHCR oder MSF vor Ort sind.

Haupteffekt Zuwendung

Man könne den Haupteffekt mit "soft power" umreißen, sagt Catharina. Zuwendung geben, Menschlichkeit signalisieren. Natürlich sind die großen Hilfsorganisationen sehr effizient – Zelte aufstellen, Essen verteilen, organisieren. Was die kleinen privaten Gruppen dazuliefern, sind Handreichungen – und Empathie.

"Die psychische Entwicklung, die Flüchtlinge durchmachen, ist bemerkenswert", sagt Catharina. "Wenn sie mit ihren Schlauchbooten auf den Inseln ankommen, durchnässt, erschöpft, in einigen Fällen tagelang ohne Essen, sind sie totale Opfer, apathisch. Die Quartiere, in die sie kommen, sind nicht angetan, das zu verbessern. Aber wenn sie merken, dass es Zuwendung gibt, dann hellen sich die Gesichter auf, die Lebensgeister erwachen wieder, sie sind bereit, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen."

foto: privat
Samos: Freiwillige der "Hellenic Rescue"-Seerettung schleppen mit einem gespendeten Boot Flüchtlinge von gefährlichen Felsen weg.

Und wirksam werden die Helfer auch als "Puffer" zwischen Asylwerbern und griechischen Behörden, die aus Überforderung oft grob auftreten: "Gestresste griechische Polizisten brüllen die Leute oft nieder. Wenn man da vermittelt, sind sie selbst erleichtert", sagt Gabriella.

Sie berichtet: "Die Zustände sind zum Teil untragbar. In den Anhaltelagern auf Samos und Leros warten jeweils tausende Menschen auf den Weitertransport nach Athen. Es fehlt an allem: überfüllte Container und Zelte, es herrscht ein hygienischer Ausnahmezustand, zu wenige Klos, keine Waschgelegenheiten, nicht genügend Essen. Auf Samos gibt es zwei Lager, eines für syrische, eines für nichtsyrische Migranten. Ursprünglich waren sie dort eingesperrt, da man aber kein Essen für sie hatte, ließ man sie raus, damit sie sich selbst was suchen."

Die meisten Flüchtlinge, die dann auf Leros landen, sind vorher auf der kleinen, nahezu unbewohnten Insel Farmakonisi angelandet, die näher zur Türkei liegt. Farmakonisi ist aber militärisches Sperrgebiet, niemand darf dorthin, und die Flüchtlinge mussten teils tagelang ohne Verpflegung und Schutz im Freien warten, bis sie nach Leros abtransportiert wurden.

Matteo, der Neffe von Catharina, der seinen Job bei einer Werbefirma in New York verlassen hat, um auf Leros zu helfen, schrieb auf Facebook: "Die lokalen Behörden, Polizei und Küstenwache, sind anständige und gute Leute, die ihr Bestes in einer unglaublich schwierigen Situation tun. Und die schmale Gruppe der internationalen Freiwilligen arbeitet von sieben Uhr früh bis Mitternacht, viele von ihnen sieben Tage die Woche, um Essen und trockene Kleidung, Schlafsäcke und Decken zu verteilen, Spenden zu sortieren, Transporte zu erstellen, medizinische Checks durchzuführen und die Anhaltebereiche zu säubern."

Putzen für bessere Stimmung

Die Wahrheit ist: Dreck wegputzen ist ein wesentlicher Teil der Arbeit. Apathische Flüchtlinge lassen alles fallen (wie die Besucher eines Freiluft-Rockkonzerts). In Leros organisierten die Österreicherinnen die Kinder der Flüchtlinge und säuberten mit deren Hilfe das Areal. Die Stimmung hob sich schlagartig bei allen – Flüchtlingen, Helfern, Polizisten.

Aber die Österreicherinnen und ihre Freunde haben auch mit "Hardware" geholfen. Eine Spendenaktion brachte das Geld für ein starkes Speedboat auf, mit dem befreundete griechische Freiwillige vom "Hellenic Rescue Team" (private See- und Bergrettung) auf Samos ausfahren und die Schlauchboote der Flüchtlinge aufsammeln und in den Hafen schleppen (siehe Bild).

Viele der nahezu steuerlosen und überfüllten Gummiboote treiben auf Felsen, wo die Küstenwache mit ihren hochbordigen Booten nicht hinkommt. Von dort können die Rettungsmänner nun mit dem gespendeten Speedboat auch Boote abschleppen, die von Flüchtlingen auf Geheiß der Mafia aufgestochen wurden. Denn dann gelten sie als Schiffbrüchige und können nicht in die Türkei zurückgeschleppt werden.

foto: privat
Leros: So sah es im Auffanglager aus, ...
foto: privat
...ehe österreichische freiwillige Helfer mit den Flüchtlingskindern zu putzen begannen.

Manchmal transportieren Michali und Dimitri vom Hellenic Rescue Team auch Kleinkinder ab, die ertrunken sind – oder im panischen Gedränge auf den Booten erstickt wurden. "Männer sind auch auf die Kinder gestiegen, um an Bord der Rettungsboote zu kommen, und haben sie dabei erdrückt", sagt Alkisti, eine Mitarbeiterin des UNHCR auf Samos.

Bevor sie von den Inseln aufs Festland weitergebracht werden, wo sie den Weg über die Balkanroute antreten, geraten die Asylsuchenden an die stark überforderte griechische Bürokratie: Fingerabdrücke werden jetzt wenigstens genommen, allerdings reichlich ineffizient auf Papier. Um elektronische Eurodac-Geräte gibt es einen Streit mit der EU-Kommission. Wir brauchen keine mehr, sagen die stolzen Griechen. Das ist von besonderer Brisanz, weil über Leros offenbar zwei der Attentäter von Paris gekommen sind – mit gefälschten syrischen Pässen.

Türkei macht zu

Nach dem Pariser Attentat am 13. 11. begannen die Bootsquerungen in Leros übrigens abzuflauen. Ob das am Wetter lag – oder doch am Erschrecken der türkischen Behörden über die Attentäter? Am Tag des EU-Türkei-Gipfels, an dem ein Abkommen "Geld gegen Flüchtlinge zurückhalten" geschlossen wurde, rückte die türkische Küstenwache mit 250 Mann aus und griff an acht Küstenorten zu. Drei Schlepper wurden festgenommen, 1500 Flüchtlinge zurückgehalten.

Aber selbst wenn die Türkei jetzt zumacht (auch gegenüber Syrien); selbst wenn die Winterstürme die Überfahrt verhindern: Es ist nicht zu Ende. Auf Samos will Gabriella ein Haus für unbegleitete Minderjährige mieten, um sie vor (weiteren) Übergriffen zu schützen. Und Matteo ist von Leros aus an die Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien aufgebrochen, wo nichtsyrische Flüchtlinge im winterlichen Niemandsland gestrandet sind.

Warum tun sie das alle? "Weil die offizielle Politik einfach zu langsam ist", sagt Catharina. "Wer sonst als wir soll da einspringen ?" (Hans Rauscher, 5.12.2015)

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