Zielpunkt-Betriebsrätin: Kämpferin mit höchsten Ansprüchen

6. Dezember 2015, 08:00
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Die Entrüstung der Zielpunkt-Belegschaft hat ein Gesicht: Mit Snjezana Brajinovic kämpft eine Spitzenverdienerin gegen die Pfeiffer-Gruppe

Wien – Seit gut einer Woche bewegt die Zielpunkt-Pleite die Öffentlichkeit. 3000 Mitarbeiter, großteils Frauen, darunter viele Alleinerzieherinnen, müssen nicht nur auf ihr Novembergehalt und das Weihnachtsgeld warten, sie verlieren vielmehr ihren Job. Die Entrüstung der Belegschaft wegen der Vorgangsweise von Zielpunkt-Eigentümer Pfeiffer hat ein Gesicht: Snjezana Brajinovic.

Die Betriebsratschefin der insolventen Supermarktkette steht den Mitarbeitern zur Seite, kümmert sich um deren Ansprüche, lässt kein gutes Haar an den Geschäftsführern sowie der Handelsgruppe Pfeiffer und stellt sich den Medien. Brajinovic weckt Emotionen. Hier kämpft sie wegen des Todesstoßes für Zielpunkt mit den Tränen, da kommt Wut auf. "Wo bleibt da die Menschlichkeit?", lautet ihre rhetorische Frage an die Adresse der Pfeiffer-Gruppe.

Kommunikationsmisere

Die Handelsgruppe erlebt nicht zuletzt wegen Brajinovic einen kommunikativen Super-GAU. 1992 kommt sie als 16-Jährige von Bosnien nach Österreich, geht in die Berufsschule und macht eine Lehre. 23 Jahre später geht sie mit Pfeiffer hart ins Gericht und deckt einen suspekten Vorgang nach dem anderen auf: Vor wenigen Wochen hat Pfeiffer noch Zielpunkt-Immobilien erworben. Jetzt wollen die Oberösterreicher Filialen für ihre Unimärkte aus dem Konkurs herauslösen. Vor wenigen Wochen hat Pfeiffer die Lage rosig dargestellt. Jetzt pfeift Pfeiffer auf Sozialpläne und Gehaltszahlungen. Die Anklage von Brajinovic lässt kaum jemanden kalt.

Dabei gibt es durchaus Facetten in der Karriere der Betriebsrätin, die nicht so ganz ins Bild der selbstlosen Aufopferung für die Kolleginnen passen. Zum Beispiel ihr Gehalt: Mit 6749 Euro im Monat brutto kommt die Handelsangestellte auf ein respektables Einkommen. "Ich geniere mich nicht dafür, was ich verdiene", und die Kollegen wüssten darüber auch Bescheid, sagt Brajinovic.

Im mittleren Management tätig

Keine Frage: Die Frau war acht Jahre lang als Bezirksverkaufsleiterin für zehn bis 15 Zielpunkt-Märkte zuständig, eine Art Schnittstelle zwischen Einkauf und Filiale: Zu den Zuständigkeiten zählen Kontrolle der Sauberkeit in den Geschäften, Einteilung der Mitarbeiter oder Diebstahlsvermeidung. Kurzum: "Eine Funktion im mittleren Management", wie das Brajinovic bezeichnet.

Die Überzahlung (3434 Euro) zum Kollektivvertrag stammt übrigens noch aus Zeiten, als die deutsche Tengelmann-Gruppe bei Zielpunkt Regie führte. Im Nachbarland seien derartige Gehaltsaufbesserungen gang und gäbe, "um eine Koalitionsbasis mit dem Betriebsrat zu erreichen", wie ein Insider schildert, der die Zielpunkt-Geschicke lange begleitet hat.

AK übernimmt Gehalt

Die kampflustige Belegschaftsvertreterin bezieht die gleichen Bezüge seit 2007 weiter, als sie für die Betriebsratsfunktion freigestellt wurde, während selbst bei kleineren Einkommen Kürzungen zur Zielpunkt-Sanierung vorgenommen wurden. Seit September dieses Jahres hat Brajinovic eine Bildungsfreistellung, die bis Juni 2016 dauert. In ihrer Funktion als Betriebsrätin übernimmt die Arbeiterkammer die vollen Gehaltskosten.

Die Weiterbildung in der Sozialakademie bei voller Bezahlung findet Brajinovic nicht verwerflich, immerhin habe sie damit Zielpunkt geholfen, Lohnkosten zu sparen. Auch die Arbeiterkammer findet die Übernahme des Gehalts völlig normal: "Man sieht ja gerade jetzt, wie wichtig gute Betriebsräte sind." In ihrer Ausbildung sollen sie nicht schlechtergestellt sein als sonst, lässt ein AK-Sprecher wissen.

Abgesehen davon hat Brajinovic – wie die anderen Zielpunkt-Mitarbeiter auch – Novembergehalt und Weihnachtsgeld nicht bekommen. Die AK refundiert Zielpunkt die Kosten nicht mehr, seit die Kette Insolvenz angemeldet hat. Die Betriebsrätin kämpft dennoch weiter. (Andreas Schnauder, 6.12.2015)

  • Die Zielpunkt-Betriebsratschefin Snejana Brajinovic kämpft um Jobs und macht aus ihrem Einkommen vor ihren Kollegen kein Hehl.
    foto: apa

    Die Zielpunkt-Betriebsratschefin Snejana Brajinovic kämpft um Jobs und macht aus ihrem Einkommen vor ihren Kollegen kein Hehl.

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