Antonio Fian: Gefährdungslage

4. Dezember 2015, 17:12
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Kaffeehaus in einem der inneren Bezirke Wiens

(Licht auf einen Redakteur einer österreichischen Tageszeitung. Eine Kellnerin tritt hinzu.)

KELLNERIN: Sie kriegen schon?

REDAKTEUR: Nein. Einen großen Espresso.

KELLNERIN: Gern. (Entfernt sich)

REDAKTEUR (lehnt sich zurück und zieht ein Diktiergerät hervor): Wir stehen an einer Zeitenwende. Auch wenn die Gefährdungslage in unserem Land eine andere, vielleicht geringere sein mag als in Frankreich oder Großbritannien, so muss man doch die Sorgen der Österreicherinnen und Österreicher ernst nehmen.

(Licht auf zwei Frauen am Nebentisch.)

DIE ERSTE: Echt? Die kriegt schon wieder ein Kind? Bitte, das ist jetzt das dritte! Wie will die je noch einen Mann kriegen?

STIMME DES REDAKTEURS: Der Anschlag von Paris war ein Angriff auf die Fundamente unserer Kultur. Es verwundert daher nicht, dass in allen Bevölkerungsschichten die Forderung nach einem harten Vorgehen gegen die Drahtzieher mit jedem Tag lauter wird. Niemand schreckt mehr davor zurück, ein Wort laut auszusprechen – (Licht auf eine junge Frau zwei Tische weiter.)

KINDERSTIMME VON UNTER DEM TISCH: Würsteln!

FRAU: Nein! Es gibt keine Würsteln! Und jetzt hör auf zum Herumkriechen da unten, oder du kriegst eine!

STIMME DES REDAKTEURS: – das man in diesem Land jahrzehntelang nicht in den Mund zu nehmen wagte und auch nicht in den Mund zu nehmen brauchte. In den verschiedensten Dialekten, oft hinter vorgehaltener Hand, aber immer öfter im Brustton der Überzeugung kann man es hören, denn – (Licht auf einen beleibten Mann drei Tische weiter. Er winkt der Kellnerin.)

MANN : A Kriagl! He! Heans mi? A Kriagl kriag i!

(Licht auf den Redakteur.)

REDAKTEUR: – die Zeiten der Sicherheit sind ein für alle Mal vorbei. Wir sind keine Insel der Seligen mehr. Für die Politik kann das nur heißen: Schluss mit dem Lavieren, Schluss mit falscher Rücksichtnahme. Wenn wir die rosa Brille abnehmen, sehen wir: Genau wie das übrige Europa befinden wir uns in einem – ja, sprechen wir es aus – (Die Kellnerin tritt hinzu.)

KELLNERIN: Großer Espresso.

REDAKTEUR: Danke. Was kriegen Sie?

(Vorhang)

(Antonio Fian, 4.12.2015)

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