Wenn Kinder Verantwortung für ihre Gesundheit übernehmen sollen

Kolumne6. Dezember 2015, 17:00
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Chronisch kranke Kinder: Wo beginnt und endet aber die elterliche Verantwortung für die Gesundheit des Kindes?

Frage

Ich bin die Mutter eines wunderbaren Jungen von fast 14 Jahren. Er bereitet uns viel Freude, und wir erleben natürlich auch Herausforderungen. Mit acht Jahren bekam er Diabetes 1. Er ist ziemlich gut damit umgegangen. Allerdings haben wir in all den Jahren versucht, die Erkrankung wenig zu thematisieren, und auch immer alles für ihn vorbereitet. Unser Sohn kennt seinen Körper gut und war auch noch nie von einer Unterzuckerung betroffen. Er weiß auch sehr gut, welche Diät er halten soll, trotzdem hat er bislang nie selbst die Initiative ergriffen, sich selbst um das Setzen seiner Insulinspritze und die Messvorgänge zu kümmern. Das ist ein wenig frustrierend für uns Eltern, und wir haben jetzt deshalb auch oft Ärger.

Die letzten zwei Jahre haben wir im Ausland gelebt und viel Zeit miteinander verbracht. Wenn er nicht gerade in der Schule oder beim Fußballtraining war, war er meist mit uns zusammen. So hatten wir einen guten Überblick über seine Zuckerkrankheit, auch darüber, was er isst und wann er sein Insulin braucht. Er verbringt mittlerweile mehr Zeit mit seinen Freunden und ist nicht mehr so viel mit uns zusammen wie früher. Nun stellen wir uns die Frage, wie wir ihn dazu bringen, selbst Verantwortung für seine eigene Gesundheit und seinen Körper zu übernehmen.

Die Herausforderung für mich besteht darin, dass mein Mann aus beruflichen Gründen erst in vier bis fünf Monaten zu uns ziehen wird. Ich fühle mich zurzeit als alleinerziehende Mutter und habe die Befürchtung, dass es schwierig wird, wenn unser Sohn nicht mit mir kooperiert. Haben Sie eine Idee?

Antwort

Ich wurde oft zu verschiedenen Fachkonferenzen über Diabetes 1 bei Kindern und Jugendlichen eingeladen. Auch Ärzte und das Pflegepersonal sagen, dass es schwierig ist, Jugendliche zu motivieren, die Verantwortung für ihr Insulin selbst zu übernehmen.

Ich habe aber auch Folgendes gesehen: wie schwierig es ist, die Profis zu motivieren, Verantwortung für die Krankheit und Medikamente zurück an die Jugendlichen zu geben. Erst übertragen sie die Verantwortung zu Beginn an die Eltern, solange die Kinder klein sind. Diabetes 1 und die richtige Dosierung von Insulin sind in der Tat eine Frage von Leben und Tod und bedeuten elterliche Verantwortung und auch Eigenverantwortung.

Wo beginnt und endet aber die elterliche Verantwortung für die Gesundheit des Kindes, und wann ist es Zeit für die jungen Menschen, diese selbst zu übernehmen? Die Antwort bezüglich des richtigen Zeitpunkts ist in der Regel, wenn ein zerstörerischer Konflikt zwischen Eltern und Kind auftritt.

Ein Konflikt ist dann destruktiv (für beide Parteien und ihre gegenseitige Beziehung), wenn er sich in kurzen Zeitabständen wiederholt und dabei der Ton negativ, aggressiv und frustriert ist.

Das ist es, was Sie jetzt erleben. Es ist gut, dass Sie sich um eine Lösung bemühen!

Mein Vorschlag wäre folgender: Laden Sie Ihren Sohn zum Essen ein, oder kochen Sie ihm sein Lieblingsessen. Wenn er fragt, warum, sagen Sie ihm, dass es etwas gibt, das Sie mit ihm feiern möchten.

Vor dem Abendessen geben Sie ihm einen Brief mit dem folgenden Inhalt: "Lieber X. Dein Vater und ich haben, seitdem du Diabetes hast, die volle Verantwortung für deine Messungen und dein Insulin übernommen.

Jetzt ist es Zeit, dass du die Verantwortung zurückbekommst. Es ist dein Körper, deine Krankheit und es sind deine Medikamente. Damit auch deine Verantwortung, die wir dir dafür übergeben. Solltest du unsere Hilfe brauchen, sag uns einfach Bescheid. Du hast unser volles Vertrauen! ..."

Es wird von seiner Seite eine unmittelbare Reaktion geben, sprechen Sie mit ihm ruhig weiter. Ich habe noch nie von einem jungen Mann oder einer jungen Frau gehört, die protestierten oder verärgert waren.

Was manchmal passiert, ist, dass die jungen Leute an sich selbst zweifeln und wirklich wollen, dass die Eltern sich weiter kümmern, und das ist in Ordnung. Sie haben die Verantwortung bekommen, müssen diese allerdings nicht völlig allein ausüben.

Es ist jedoch ein Unterschied durch die neu entstandene, ganz andere Atmosphäre in der Familie, denn es liegt nun in seiner Verantwortung, um Hilfe zu bitten, ohne dass ihn die Eltern bedrängen.

Aber ... und das ist wirklich ein "aber": Sie und Ihr Mann müssen sich absolut sicher sein, dass Sie bereit sind, die Verantwortung an Ihren Sohn zu übergeben. Denn sind Sie es nicht, wird er sie nicht annehmen.

Meine eigene Erfahrung steht im Einklang mit jenen in Gesundheitsberufen. Die überwiegende Mehrheit der jungen Menschen übernimmt gerne die Verantwortung für sich selbst.

Wenn es nicht funktioniert, gibt es zwei Möglichkeiten. Die eine ist, dass Sie Ihr eigenes Verhalten sorgfältig überprüfen, um sicherzustellen, dass Sie die Verantwortung tatsächlich abgegeben haben.

Die andere ist, mit ihm zu sprechen, um sie wieder zurückzubekommen.

Einige Kinder und Jugendliche mit einer chronischen Krankheit oder Beeinträchtigung sind so vertraut damit, dass Fachleute und Eltern alle die Verantwortung übernehmen und sie einfach nicht über die Erfahrung, Eigenverantwortung wahrzunehmen, verfügen. Sie können sich vielleicht gar nicht vorstellen, was diese Verantwortung bedeutet. Sie lernen entweder nur kooperativ oder reagieren trotzig.

Eine der wichtigsten Fragen, der Sie und Ihr Mann sich stellen müssen, ist, ob Sie Vertrauen in Ihren Sohn, seine Fähigkeit und Bereitschaft, für sich selbst sorgen zu können, haben.

Haben Sie das Vertrauen nicht, ist dies ein ernsthaftes Hindernis für jede positive Entwicklung. Diese Frage stellt sich übrigens für alle Eltern mit Kindern in diesem Alter. Sie wünschen sich unabhängige und verantwortliche Kinder, aber bringen nicht wirklich das Vertrauen auf, um das auch zu begleiten.

Eltern wählen oft die "billige" Lösung, nämlich dass die jungen Menschen zunächst nachweisen müssen, dass er oder sie des Vertrauens der Eltern würdig ist. Dies führt fast immer zu einem Teufelskreis, weil sich die Eltern nicht ihrer Verantwortung für ihren eigenen Mangel an Vertrauen oder ihr Misstrauen und ihrer Gefühle bewusst sind.

So fordern sie persönliche Verantwortung von ihrem Kind ein, tragen aber keine Verantwortung für ihre eigenen Gefühle und Einstellungen. Das Ergebnis davon ist eine endlose Reihe von sinnlosen Konflikten. (Jesper Juul, 6.12.2015)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben.

  • Eltern sollten sich gut überlegen, wann und ob sie bereit sind, die Verantwortung für die medizinische Versorgung einer chronischen Krankheit abzugeben.
    foto: apa/jens kalaene

    Eltern sollten sich gut überlegen, wann und ob sie bereit sind, die Verantwortung für die medizinische Versorgung einer chronischen Krankheit abzugeben.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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