Überlebensföhn: Der Jetforce-Lawinenrucksack

Kolumne6. Dezember 2015, 15:00
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Mit dem Lawinenrucksack von Pieps und Black Diamond auf dem Obergurgler Wurmkogel

foto: thomas rottenberg

Vielleicht hätten wir die Gebrauchsanleitung vorher lesen sollen. Aber: Wir sind Männer. Auch am Berg. Und richtige Männer lesen keine Gebrauchsanleitungen. Sie fragen auch nicht nach dem Weg. Oder so ähnlich.

Zum Glück muss man aber in Obergurgl nicht nach dem Weg fragen (oder auf die Karte schauen) wenn man auf den Wurmkogel will: Der 3.082 Meter-Gipfel mit Hammerblick über die Ötztaler Alpen hinaus ist gerade fünf Minuten von der Piste entfernt.

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foto: thomas rottenberg

Weil der klassische Pistentourist aber nicht versteht, dass auch auf dieser kurzen Strecke andere Regeln und Gesetz herrschen, als im gesicherten, überwachten Skiraum, hat man gleich nebenan mit dem "Top Mountain Star" eine bequem erreichbare, beheizte Bar in die Komfortzone gesetzt.

Inklusive Gämsen- und Murmele-Attrappen fürs Selfie: Der Ausblick ist ebenso phänomenal – und keiner tut sich weh. Aber das ist eine andere Geschichte: Schließlich schaut Alpin-Materialherzeigen unterm Gipfelkreuz doch eine Spur spektakulärer aus, als an der Bar …

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Gipfel sind aber wie Tiefschneehänge. Magnetisch: Sobald da einer rauflatscht oder reinfährt, kommt die Masse nach. Und dann, weiß Mario Gufler, wird es oft auch dann brenzlig, wenn man selbst alle Sicherheits- und Vorsichtsmaßnahmen kennt und befolgt: Gegen die eigene Blödheit so der Obergurgler Skilehrer, Bergführer und Bergretter, kann man sich ja noch wappnen. Durch Schulung, Vorbereitung und Training. und den Mut, "Nein" zu sagen. Gegen die Idiotie der Anderen hilft das oft wenig. Da bleibt nur Umsicht, Vorsicht und eventuell Verzicht – und die richtige Ausrüstung.

Wobei Gufler da – im Chor mit allen Sicherheitsexperten – eines mantraartig wiederholt: Die beste Notfallausrüstung nutzt wenig, wenn man mit ihr nicht blind vertraut ist. Die Verwendung regelmäßig übt. Und sich bewusst ist: Es geht zuallererst darum, zu vermeiden, dass man das Zeug einsetzen muss: "Der Berg", predigt einer meiner Berg-Lehrmeister (Patrick Ribis vom Freeridecenter Stubaital), "ist morgen auch da. Du auch?"

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foto: thomas rottenberg

Neben der unverzichtbaren Gear-Dreifaltigeit aus Schaufel, Sonde und Lawinenverschüttetensuchgerät gehört der Lawinenairbag heute beinahe zur Standardausrüstung von Backcountryfreaks und Tourengehern. Entwickelt und zur Serienreife gebracht wurden die ersten Geräte vom bayrischen Unternehmen ABS – heute tummeln sich aber eine Vielzahl an Anbietern auf dem Markt.

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foto: thomas rottenberg

Lawinenairbags machen sich das in Lawinen herrschende Prinzip der geschüttelten Cornflakespackung zunutze: Jene Teile mit dem größten Volumen schwimmen obenauf. Im Falle eines Lawinenabganges und einer drohenden Verschüttung zieht der Alpinist eine "Reißleine". Und schwuppdiwupp bläst sich ein – hoffentlich – rettender Luftballon in seinem Rücken auf. Komplettverschüttungen können so – erwiesenermaßen – sehr oft vermieden werden. Dass in einer Lawine aber auch Tonnen von Schnee, Eis, Geröll und Holz unkontrolliert zu Tal donnern und Lawinen auch vor Felskanten nicht abbremsen, sei hier nur der Komplettheit halber erwähnt.

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foto: thomas rottenberg

Während die meisten Hersteller ihre Airbags mit Gas- oder Druckluftkartuschen (manche sind wiederbefüllbar) aufblasen, hat der österreichische Hersteller "Pieps" gemeinsam mit dem Kultlabel "Black Diamond" schon im Vorjahr den "Jetforce" auf den Markt gebracht: Anstelle der Kartusche bläst hier ein leistungsstarker Elektromotor den Sack aus Luft binnen Sekunden auf. Und pumpt bei Bedarf beständig Luft nach. Im Vorjahr ging sich der Jetforce-Test hier nicht aus. Darum hole ich den nun hier – quasi zur Saisoneröffnung – nach.

Der große Vorteil dieses Airbags liegt auf der Hand: Er braucht keine Kartusche, ist also sofort wiedereinsetzbar. Darüber hinaus "pumpt" die Jetforce-Turbine ständig Luft in den Sack – und sorgt durch ein schlaues Luftablass-System dafür, dass entweichende Luft in Kopfnähe des Benutzers ausströmt: Im Falle einer Totalverschüttung (von der spricht man, sobald Nase und Mund unter dem Schnee liegen) kann das die Luftqualität in der Atemhöhle so nachhaltig verbessern, dass die Überlebenschancen signifikant steigen.

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Der Nachteil: Eine Druckluftkartusche braucht (wenn sie intakt und dicht ist) im Gegensatz zu einem Motor weder Wartung noch Service – und davon, wie sich Akkus und Kälte miteinander vertragen, weiß jeder, der seinem Handy beim Skifahren schon mal beim Abkacken zugesehen hat.

Allerdings: Pieps – und Black Diamond – betonen, dass die im Jetforce verbauten Komponenten und Teile auch Mehrfachauslösungen ohne Nachladen bei wochenlangen Tiefsttemperaturen verkraften. Das Problem ist beim Normal-Nutzer aber ohnehin akademisch.

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thomas rottenberg

In Obergurgl machte sich Bergführer Gufler mit mir im halbzivilen Alpinsetting über den Jeforce her: Bei gutem Wetter – und abseits jeglicher Gefahr. So – wenn auch nicht am Gipfel – macht man das. Man nennt es "Üben". In der Regel liest man die Gebrauchsanleitung vorher. Andererseits: Airbag ist Airbag. Und beim Auslösen müssen derartige Geräte idiotensicher sein.

Gufler verwendet normalerweise das "klassische" ABS-System, ich bin abwechselnd mit Mammut und Alpride unterwegs: Diese Systeme werden manuell scharf gemacht – Pieps hat eine elektronische Aktivierung. Da man Airbags aber lange vor dem Einfahren in die Gefahrenzone betriebsbereit macht, ist das Rauskriegen, wo man da drücken muss, auch ohne Manual-Leserei keine Hexerei.

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Wo wir dann tüfteln musste, war das Luft-Ablassen: Vor dem "Zünden" hätte uns das Lesen der Anleitung (die auch im Rucksack angebracht ist) vermutlich drei Sekunden gekostet – so mussten wir halt ein bissi suchen.

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Aber: Auch diese Aufgabe war lösbar – und der Luftbeutel binnen zwei Minuten wieder sicher verstaut.

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Mein Fazit: Hätte ich nicht meine eigene Ausrüstung, wäre der Jetforce absolut eine Überlegung wert. Alleine schon wegen der Möglichkeit, die Auslösung wieder und wieder zu üben.

Dass die Airbag-Einheiten im Gegensatz zu denen der Mitbewerber bis dato nicht "mobil" sind, sich also nicht in verschieden große Rucksäcke umpflanzen lassen, ist zwar ein Nachteil, aber ich gehe davon aus, dass dieses kleine Minus spätestens in der kommenden Saison Geschichte sein wird.

Pieps hat heuer drei Jetforce-Modelle auf dem Markt:

Rider, 10 Liter, 1.000 Euro

Tour Rider, 24 Liter, 1.050 Euro

Tour Prod, 34 Liter, 1.100 Euro

pieps.com

skischule-obergurgl.com

Anmerkung im Sinne der redaktionellen Richtlinien: Der Aufenthalt in Obergurgl erfolgte auf Einladung des lokalen Tourismusverbandes.

(Thomas Rottenberg, 6.12.2015)

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