Peter Sandbichler: Skulptur des schönen Empfangs

4. Dezember 2015, 15:44
1 Posting

Arbeiten mit dem gewissen Knick in der Wiener Galerie Thoman

Der Zufall ist der beste Partner der Kreativität, heißt es. Auch Peter Sandbichler setzt auf den unvorhergesehen hereinschneienden Gesellen. Der Zufall heißt bei ihm aber oft Intuition. Etwa dann, wenn Sandbichler (geb. 1964 in Kufstein) kurz vor knapp noch etwas an einer Arbeit ändert. Er sei völlig abgekommen von der Fremdproduktion, denn "man verliert diesen letzten Moment", erzählt er. Manche Dinge könne man einfach nicht sprachlich fassen, nicht erklären, die müsse man machen. So wie die Gussformen für seine Skulls – für die imposanten Schädel von Gepard, Gämse, Reh, Hyäne, Kuh und eine Wesenheit, die wir Kik nennen wollen, die derzeit in der Galerie Thoman in Wien – trotz ihrer surrealen Dimensionen – einen morbiden Grusel verbreiten.

Die in glasfaserverstärktem Kunststoff gegossenen Tierschädel entstehen – und das ist vorstellungstechnisch beachtlich – als Negativform: Das heißt, Sandbichler setzt alltägliche Dinge aus seinem Atelier – Eimer, Deckel, Rohre, Kartonagen – so zusammen, dass im Inneren der Skull als Hohlraum entsteht. Quasi die verschärfte Variante von Pilot und Kleinem Prinz: "Das ist die Kiste. Das Schaf, das du willst, steckt da drin."

Perfektion des Seriellen

Und so bleibt es, bis der animalische Schädel aus seinem Versteck befreit wird, spannend. Überraschende Spuren der Trägermaterialien, Farbreste finden sich auf den tatsächlich knochenfarbenen Kunst-Krania. Statt der glatten Perfektion des Seriellen, wie sie auf seine schwarzen Module aus glänzendem Acryl zutrifft, ist Sandbichler nun Handwerklichkeit extrem wichtig. Sei es die Gipsziehtechnik, in der er Wandobjekte – Scheiben wie riesenhafter Deckenstuck – fertigt. Oder die in Japan erlernte Falttechnik Origami, die auch einer reizvollen Serie mit Tageszeitungsseiten den Namen gibt.

Und dann ist da noch Sandbichlers entwaffnend-charmante Art der Kartonfaltung: Der Künstler setzt die richtigen Knicke, indem er sich auf große Schachteln setzt. Aus den derart gestauchten Kartons entstehen, ausgegossen mit einem Acyrlharz-Steinmehl-Gemisch, bestechend simple und bequeme Sitzobjekte.

Entscheidend beim Knicken und Falten: Licht und Schatten werden durch Vor- und Rücksprünge zum gestaltenden, das ursprünglich Plane und die Monochromie belebenden Element.

Das Highlight der aktuellen Ausstellung – jene die Akustik und Behaglichkeit im Raum beeinflussende Kassettendecke aus Karton – vereint all seine formalen Kniffe: das Knicken und Falten, die Schattenspiele, das Architektonische sowie das Modulhafte, das bei ihm inspiriert ist von Theorien Buckminster Fullers und dessen Prinzip der Tensegrity (aus "tension", Spannung, und "integrity", Eingliederung).

Nicht zu vergessen ist die große Rolle, die das Recycling spielt. Denn Sandbichler verwertet Transportverpackungen von Fahrrädern wieder. Es reizt den Künstler, "Dinge, die am Ende ihres Arbeitszyklus sind, noch einmal herauszugreifen". In der Galerie steht die Intervention allerdings am Anfang, ist eine "Skulptur, die empfängt". Sie soll bleiben. (Anne Katrin Feßler, Album, 4.12.2015)

Galerie Elisabeth & Klaus Thoman, Seilerstätte 7, 1010 Wien, bis 9.1.

  • Peter Sandbichler interessiert sich für jene charakteristischen Elemente, die eine Form sofort als Schädel erkennbar machen.
    foto: michael kofler, © galerie thoman

    Peter Sandbichler interessiert sich für jene charakteristischen Elemente, die eine Form sofort als Schädel erkennbar machen.

Share if you care.