Vorsicht, der Mann trägt Bröselteppich!

Kolumne4. Dezember 2015, 17:00
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Der Vollbart ist von nun an politisch verdächtig

Beim Barte des Propheten, jetzt wird es unübersichtlich. Das Pariser Blatt Le Canard enchaîné fragt sich auf der Titelseite seiner vorletzten Ausgabe, ob Präsident Hollande im Ausnahmezustand so weit gehen würde, den Weihnachtsmann rasieren zu lassen. Das war zwar satirisch gemeint, ist aber zugleich ein Indiz dafür, dass die Wogen nach den Anschlägen in Paris auch bartpolitisch hochgehen.

Nicht jeder Bart ist politisch verdächtig. Männer mit Pornobalken sind harmlos. Sie wollen nur in Sexfilmen mitspielen oder in einer Bar eine Gespielin zum Kopulieren aufreißen. Ebenfalls unbedenklich: Klodeckelbärte, Zappabärte, Ziegenbärte oder der Kaiser-Franz-Joseph-Backenbart. Wer ihn trägt, will sich in der Öffentlichkeit als nostalgisch orientierter k. u. k. Aristo-Fan outen, mehr nicht.

Brenzlig wird es beim gesichtsumspannenden, matratzenartigen Vollbart (die politisch indiskutable Hitler-Rotzbremse lassen wir hier beiseite). Den Vollbart tragen Männer, weil sie ihn sexy finden (oder das Rasieren fad). Die Hipster signalisieren mit ihren Bröselteppichen, dass sie Hipster sind. Jedoch auch bei den Jihadisten lassen sich gefühlte 98 Prozent einen Rübenacker in der Visage stehen. Damit man gottgefällig adjustiert ist, wenn die Fetzen fliegen!

Leider unterscheiden sich zwei Vollbärte ebenso wenig voneinander wie zwei Teller Sauerkraut. Für Mitglieder der Polizei, der Geheimdienste oder auch der Zivilgesellschaft ist es quasi unmöglich, zuverlässig zu erkennen, ob sich hinter einer trivialen Filzpappn blanke Mordlust oder lediglich ein gesteigertes Szenebewusstsein verbirgt.

Weitere Unsicherheiten wirft das Phänomen des Damenvollbarts auf. Wenn sich Conchita Wurst je einem Kompetenzcheck beim Wiener Arbeitsmarktservice stellen müsste: Gehört die nun in die Männergruppe oder doch zu den Frauen?

Die Innenministerin sollte Klarheit in dieses Bartwirrwarr bringen. Gefragt wäre ein Erhebungsformular, in dem jeder österreichische Vollbartträger die Motive seines Vollbarttragens erläutern muss: "Ich trage Vollbart, a) weil er mir gut steht, b) weil ich zu faul zum Rasieren bin oder c) weil Vollbart superhalal ist, ich ihn gern mit Waffenöl pflege und er mich auf explosive Ideen bringt." Wer Antwort c) ankreuzt, sollte sich über einen Besuch der Staatspolizei dann aber nicht wundern. (Christoph Winder, Album, 4.12.2015)

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