Sidonie-Gabrielle Colette und Emmanuel Bove: Das Leben ist nicht literarisch

4. Dezember 2015, 15:07
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"Die Meisterin der Liebe", Sidonie-Gabrielle Colette und Emmanuel Bove, der seinen Roman "Meine Freunde" in Tulln schrieb

Je suis en route, und wie so oft führt der Weg in den Tag über den Friedhof. Ein paar Grüße an Wahlverwandte, dann durch den Jardin du Luxembourg und weiter Richtung Seine. Morgens ist die Anziehungskraft zu erahnen, die Paris zum Schauplatz vieler Romane macht, es lösen sich Figuren aus den Büchern, schlendern durch die Straßen. Selbst in den Tuileries sind sie zu erkennen oder vor dem Palais Royal, ehe die Vormittagsstunden sie zu verschlucken drohen, wenn Touristenschwärme den Schrittrhythmus vorgeben.

Unweit des Palais Royal, in der Rue de Beaujolais, wohnt Ende der 1920er-Jahre Jean Cocteau, ihm gegenüber "die Meisterin der Liebe", Sidonie-Gabrielle Colette. "Le chouchou de Paris", der Liebling von Paris, zu ihren Bewunderern gehören der junge Proust, mit dem sie über Jahre in Korrespondenz steht, Stefan Zweig und ihr Nachbar Cocteau, der ihr wiederholt Besuche abstattet.

Zahlreiche Preise werden Colette zuteil, der begehrte Prix Goncourt, alljährlich vergeben von der Académie Goncourt, deren Präsidentschaft man ihr anträgt. Da hatte sie ihre Tätigkeit als Journalistin längst beendet, früher hatte sie für den Matin gearbeitet, allerhand Manuskripte waren auf ihrem Tisch in der Redaktion gelandet, eines Tages eine Novelle. "Colette wurde darauf aufmerksam und ermunterte mich, Mes Amis zu schreiben", bekundet Emmanuel Bove in einem Interview im Wochenblatt Candide 1928.

Sechs Jahre zuvor hatte er mit der Arbeit an Mes Amis begonnen, gut sechs Jahrzehnte später liest Peter Handke den Roman "in einem Zug", übersetzt ihn und macht Emmanuel Bove für den deutschsprachigen Raum zugänglich. Damit kehrt das Buch zurück in jene Sprachlandschaft, die Bove umgab, als er sich an Meine Freunde setzte im niederösterreichischen Tulln.

Denn dorthin war der gebürtige Pariser aus finanziellen Erwägungen übersiedelt, in der wirtschaftlich desaströsen Zwischenkriegszeit schien der günstige Wechselkurs zumindest eine Perspektive zu sein. Um den Lebensunterhalt zu sichern, verfasste er zudem mehrere Bücher, von denen er sagt, sie hätten mit der Schriftstellerei nichts zu tun. "Angefangen habe ich mit etwa hunderttausend Zeilen Trivialroman. Pro Stunde hundert Zeilen, achthundert am Tag, das heißt in zehn bis zwölf Tagen einen Band."

Lange hält es Bove nicht in Österreich, er kehrt in jene Stadt zurück, in der er 1898 als Sohn einer deutschsprachigen Luxemburgerin und eines russischen Juden geboren wurde. Er beginnt als Journalist zu arbeiten, bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wird er parallel für Zeitungen und Magazine tätig sein.

Häufig wechselt er den Wohnsitz, man erblickt ihn in den Cafés von Saint-Germain-des-Prés, im Dôme und in der Rotonde, wo er schreibt. Eine intensive literarische Produktion setzt ein, sein zweites Buch Armand erscheint, ein Jahr später, 1927, Bécon-les-Bruyères.

Kaum zehn Jahre ist es her, da hatte ihn sein bürgerlicher Name Emmanuel Bobovnikoff noch zum "feindlichen Ausländer" gemacht, war er mehrere Wochen in der berüchtigten Pariser Santé arretiert gewesen, jetzt genießt er Ansehen. Rilke wünscht ihn kennenzulernen, sie treffen einander schließlich.

Vom Leben zur Kunst zu gelangen, das ist sein Ziel, er folgt dabei seinen großen Meistern Balzac, Dickens und Dostojewski. Nicht als Literaturmenschen sieht er sie, sondern als Menschen, die schreiben. "Das Leben ist nicht literarisch, es tritt ein in die Literatur, wenn ein Schriftsteller es eintreten lassen will, aber ohne dass der Schriftsteller etwas Literarisches hätte herstellen wollen."

Mitte der 1930er-Jahre erkrankt Bove an einer Rippenfellentzündung, seine finanzielle Lage ist desolat, verschlimmert sich noch, als die Deutschen Frankreich besetzen. Er flieht aus Paris, kehrt im Oktober 1944 zurück, auf der Flucht hat er sich in Algier die Malaria zugezogen. "Boves Leben verdämmerte nahezu", sagen letzte Wegbegleiter, er stirbt im Alter von 47 Jahren an "Auszehrung und Herzschwäche", gerät nach dem Tod in Vergessenheit. Kurz vor seinem Ableben war der Roman Die Falle erschienen, "in diesem Buch hat Emmanuel Bove vollkommene Meisterschaft erreicht", anerkennt Peter Handke.

Neun Jahre nach Bove stirbt Colette, die erste Frau, die in Frankreich ein Staatsbegräbnis erhält. Ihr Grab auf dem Père Lachaise ist heute eines der meistbesuchten in Paris. Das von Emmanuel Bove hingegen ist schwer zu finden auf dem Friedhof Montparnasse: 25. israelitische Division, 27. Linie Ost, Nr. 1 Süd. Je suis en route. (Christoph W. Bauer, Album, 4.12.2015)

  • Verfolgt das Ziel, vom Leben in die Kunst zu  gelangen. Emmanuel Bove 1928 in Bandol.
    foto: fonds emmanuel bove / imec

    Verfolgt das Ziel, vom Leben in die Kunst zu gelangen. Emmanuel Bove 1928 in Bandol.

  • Emmanuel Bove, "Die Falle". Aus dem Französischen von Bernd Schwibs. EURO 7,80 / 193 Seiten. Suhrkamp Taschenbuch, Berlin 1999
    cover: suhrkamp

    Emmanuel Bove, "Die Falle". Aus dem Französischen von Bernd Schwibs. EURO 7,80 / 193 Seiten. Suhrkamp Taschenbuch, Berlin 1999

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