"Just Cause 3" im Test: Explosionsorgie für den Teenager in mir

6. Dezember 2015, 11:00
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Avalanches Revolutionssatire ist ein Feuersturm im Pulverfass. Nicht mehr und nicht weniger

Es geht um die Befreiung eines Inselstaates von der tyrannischen Herrschaft eines Diktators. Es geht ums Held sein, Heimat und Freundschaft. Gut gegen Böse. Ehre und Freiheit.

Alles Quatsch. In "Just Cause 3" sollen erwachsene Menschen wieder zu Teenagern werden. Mit einem endlosen Vorrat an Feuerwerkskrachern in den Taschen und einem ebenso unbegrenzten Schatz an Modellautos und -häusern vor den Augen, die darauf warten, in die Luft gejagt zu werden. Das unterhält großartig. Zumindest, bis man ein weiteres Mal seinen Kinderschuhen entwachsen ist.

bild: just cause 3

Befreien heißt zerstören

Bis dahin können gut zwei Dutzend Stunden vergehen – je nach individuellem Empfinden auch deutlich weniger oder mehr. Jedenfalls wird einem in den Schuhen des fast unzerstörbaren Revolutionärs Rico Rodriges ein enormer Spielplatz für Unfug geboten. Das fiktive mediterrane Idyll Medici erstreckt sich über eine ganze Gruppe großer und kleiner Landstriche, die es umzingelt vom traumhaften Blau und Türkis des Meeres und überdacht von den zu meist postkartengerechten Schäfchenwolken zu befreien gilt.

Dass "befreien" in dem Fall vor allem "zerstören" heißt, liegt in der Natur dieser Satire. Herbeigerufen von alten Familienfreunden wird Rico als geheime Nationalikone verehrt, dem das Volk feierlich folgt, wenngleich das bedeutet, dass ihr Hab und Gut dabei in Schutt und Asche verwandelt wird. Vom ernsteren Ton des Vorgängers hat dieses von besseren und schlechteren Action-Komödien inspirierte Anarchiefest nichts übernommen. Und das ist gut so. Denn vormachen müssen sich weder Entwickler noch Spieler etwas, wenn es primär, nein, nur darum geht, schöne Dinge möglichst aufsehenerregend zu vaporisieren.

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Ein Katzensprung zur nächsten Explosion

Für diese Dauergewaltorgie bedient sich Hersteller Avalanche Studios des bewehrten Ubisoft-Open-World-Rezepts und füllt die Welt mit Städten, Dörfern, Hafen und Militärbasen, die vom roten Regime gesäubert werden müssen. Mal sind es Generatoren, die sabotiert werden müssen, mal Satellitenschüsseln, Funkmasten oder Treibstofflager. Dazwischen gilt es Generäle auszuschalten oder Transporter abzufangen und meistens ist eine Kombination all dessen gefragt. An jeder Ecke stehen Benzintanks oder Munitionskisten, die verheerende Kettenreaktionen auszulösen vermögen. Die nächste Explosion ist immer nur ein Katzensprung entfernt.

Das Chaos wird lose zusammengehalten von so etwas wie einer Geschichte, die sich als Aneinanderreihung halblustiger bis lustiger Dialoge entfaltet, doch bei aller bemühter Intonierung des südamerikanischen Temperaments sich zu nicht viel mehr entwickelt, als ein Trainingslauf für Ricos Unmöglichkeiten. Man lernt, dass man vom Moped bis zum Düsenjet jedes Vehikel beschlagnahmen kann. Man übt, seinen Greifhaken zur Fortbewegung oder zum Abreißen von Statuen einzusetzen und unternimmt Flugversuche mit dem immer paraten Fallschirm oder Wingsuit.

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Frust und Freude

Je nach persönlichem Kreativpotenzial und geskripteter Einschränkung können diese Missionen die pure Annihilierungsfreude oder Frust bedeuten. Letzteres trifft speziell bei Einsätzen zu, die sich um den Schutz eines Kameraden oder die Eskortierung einer wertvollen Fracht drehen. Im begrenzten Aktionsradius kristallisiert sich mit Maschinengewehr und Raketenwerfer im Anschlag die schwammige Zielsteuerung heraus. Genauso wie die vielfach unsaubere Programmierung, die von KI-Fehlern, störenden Bildrateneinbrüchen bis hin zu seltenen Totalabstürzen des Spiels mit jeder Menge Überflüssigkeiten aufwartet. Und obwohl Rico Blei und Granatsplitter wie ein trockener Schwamm Wasser aufsaugt, wird ein Ableben des Superhelden mit öd langen Ladezeiten bestraft.

Wenn der Entfaltungskraft hingen keine Grenzen gesetzt werden und man zumindest einen Funken Vandalismus in sich trägt, wird Medici zur aberwitzigen Sandkiste. Und dann kommt es zu unvergesslichen Momenten, in denen man eine Gasflasche zum Brennen bringt, sich mit dem Greifhaken daran klammert, zusammen abhebt, sich auf Wolkenhöhe löst, mit dem Wingsuit herabstürzt, während im Hintergrund der Treibsatz explodiert, man fliegend einen Hubschrauber kapert und dann damit einen Trupp Schergen unter Beschuss nimmt.

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Wahnwitziges Arsenal

Gefüttert wird das innere Monster mit einem wahnwitzigen Arsenal an Kriegsmaschinen, Panzern, Booten, PKW und Sprengstoffen, das man bereits früh im Spiel erschließt und laufend ausgebaut wird. Über optionale Herausforderungen wie Flugzeugrennen oder Kamikazefahrten lassen sich beliebig viele Ausbaustufen dieser Teufelsspielzeuge freischalten und per Botenflugzeug sogar auf Knopfdruck vor die Füße liefern lassen. Einzige, eher nervige Beschränkung dieser Bestellungen stellt ein Cooldown-Timer dar, der verhindert, dass man sich gerade eben gelieferte und schon wieder geschrottete Gerätschaften gleich wieder holen kann. Ein bisschen Umsicht ist wohl gefragt, wobei man dann eben zur nächst besten Alternative greift.

Diese Freischaltungen und der optional aktivierte Online-Vergleich, der die eigenen Statistiken wie Flugzeiten oder Killcounts gegen jene anderer Spieler reiht, sind ein Versuch, einen über die Kampagne und noch darüber hinaus am Ball zu halten. Doch in Wahrheit hat man den Horizont dieses weiten und brennenden Paradieses schon recht bald gesehen. Bei aller Kraft die in die herrlich gewaltigen Explosionen gesteckt wurde, haben die Entwickler selbst nicht darüber hinaus geblickt. Freizeitrevolutionäre erwarten keine Überraschungen, man kann immer nur versuchen, noch extremere Manöver zu meistern und noch obszönere Pixelarmageddons zu inszenieren. Zumindest PC-Spieler dürfen darauf gespannt sein, was die Modding-Community aus diesen Zündstoffen machen, so oder so hätten dem Inferno mehr Abwechslung und speziell ein Mulitplayer-Modus sehr gut getan.

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Fazit

"Just Cause 3" ist ein Sandkasten für Menschen, die gerne Dinge in die Luft jagen, ohne dabei anderen Menschen schaden zu wollen. In der Sicherheit der Virtualität ist nichts Falsches daran und glasiert mit einer kalorienreichen Mischung aus Satire und Polygonsprengstoff kann der revoltierende Teenager in einem viel Spaß daran haben. Das technisch noch sehr raue Gerüst und der enge Wirkungsgrad der Explosionsfreuden, der keine Kost für Spieler bereit hält, die nach mehr als nur Zerstörung lechzen, machen das Spiel zum Feuersturm im Pulverfass. Man erhält nicht mehr Bang, als die Verpackung verspricht. Aber auch nicht weniger. (Zsolt Wilhelm, 6.12.2015)

"Just Cause 3" ist ab 18 Jahren für Windows-PC, PlayStation 4 und Xbox One erschienen. UVP: 59 Euro

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testmuster wurde vom Hersteller zur Verfügung gestellt.

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Just Cause 3

Nachlese

"Just Cause 3": Tester lieben die Explosionen, die Bugs aber nicht

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