Ökonomen haben Angst vor dauerhafter Jobkrise in Österreich

4. Dezember 2015, 05:30
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Ob die Arbeitslosigkeit wieder so stark sinkt wie früher, wenn es mit Österreichs Wirtschaft bergauf geht, ist unter Fachleuten umstritten

Wien – Österreich hat ein Problem. Die Wirtschaft des Landes wird heuer das vierte Jahr in Folge um weniger als ein Prozent wachsen. Die Frage, was diese Konjunkturflaute verursacht, scheidet die Geister. Ohne ein höheres Wirtschaftswachstum werde die Arbeitslosenrate, die derzeit auf dem höchsten Niveau der Nachkriegszeit liegt, aber definitiv nicht zurückgehen, sagen viele Experten. Warten, bis es mit dem Wachstum wieder nach oben geht, hieß bislang also die Devise.

Geht es nach einer Studie der Denkfabrik Agenda Austria, dann hat sich längst eine zweite Flaute dazugesellt. Die Arbeitslosigkeit steige weniger, weil die Konjunktur schwächle, sondern weil die Qualifikation der Menschen nicht mit dem zusammenpasse, was die Unternehmen brauchen. Warten auf Wachstum wäre dann also zu wenig. Zwei Drittel des Anstiegs der Arbeitslosigkeit seien darauf zurückzuführen, heißt es. Demnach ist die Konjunkturflaute das kleinere Übel: die Arbeitsmarktflaute das neue, größere Problem. Aber was ist dran an der Agenda-Austria-Studie? Ist aus dem Arbeitsmarkt-Europameister Österreich ein Absteiger geworden?

Kritik von AMS und Wifo

Kurz zur Methodik der Denkfabrik: Sie setzt die Zahl der offenen Jobs, die als Indikator für die Lage der Konjunktur gelten, ins Verhältnis zur Arbeitslosenrate. In einem Konjunkturtief gibt es normalerweise weniger offene Stellen und eine höhere Arbeitslosigkeit als sonst. Zuletzt seien aber sowohl verfügbare Jobs als auch die Zahl der Arbeitslosen gestiegen. Werden Stellen nicht besetzt, obwohl viele keinen Job haben, dann liege das an der falschen Ausbildung der Arbeitssuchenden, so die Agenda Austria.

Das AMS, auf dessen Zahlen sich die Agenda Austria stützt, übt Kritik an der Studie. Die eigene, offizielle Statistik würde trügen, sagt Marius Wilk. Zwar gebe es auf dem Papier mehr offene Stellen, das liege aber daran, dass mehr davon beim AMS gemeldet, nicht, dass mehr angeboten werden. In Wahrheit sinke die Zahl der verfügbaren Jobs in Österreich seit 2012 kontinuierlich, auch heuer und im nächsten Jahr erwartet die Organisation einen Rückgang.

Wilk findet aber nicht nur die Zahlen fragwürdig, sondern auch die Rückschlüsse: "Selbst wenn jede freie Stelle sofort besetzt werden würde", sagt er im Gespräch mit dem STANDARD, "würde das die Zahl der Arbeitslosen nur um 29.000 Personen verringern." Über 400.000 würden weiterhin keinen Job haben. Beim AMS sehe man eine gegenteilige Entwicklung: Offene Stellen würden immer rascher besetzt. 2012 dauerte es im Schnitt noch 37 Tage, bis jemand gefunden wurde. Heuer seien es etwa 30 Tage, sagt Wilk. "Aktuell sind nicht passende Qualifikationen kaum ein Thema."

IHS rät zu Vorsicht

Ähnlich sieht das Wifo-Experte Helmut Mahringer. Er nennt die Schlussfolgerungen der Agenda Austria "bestenfalls grob verkürzt". Hauptsächlich werde die Arbeitslosigkeit derzeit durch die schwache Konjunktur und die starke Zunahme an Jobsuchenden, etwa durch Migration und den Rückgang an Frühpensionen, verursacht. Einen Strukturwandel gebe es aber schon länger am Arbeitsmarkt. Für Geringqualifizierte werde es immer schwieriger, einen Job zu finden. Das sei aber kein Phänomen, das plötzlich in den vergangenen Jahren aufgetreten sei.

Das Institut für Höhere Studien (IHS) kommt hingegen zu ähnlichen Ergebnissen wie die Agenda Austria, ist in seiner Interpretation der Zahlen aber vorsichtiger. Es sei durchaus plausibel, dass ein "nicht unbeträchtlicher Teil des Anstiegs der Arbeitslosigkeit" der vergangenen zwei Jahre nicht durch die schwache Konjunktur, sondern strukturell bedingt ist, sagt IHS-Ökonom Helmut Hofer. Genau lasse sich das aber nicht voneinander unterscheiden, deshalb sei "Vorsicht geboten".

Hohe Zuwanderung belastet

Die Experten sind sich jedenfalls darüber einig, dass die ohnehin starke Zuwanderung aus Osteuropa, zu der jetzt noch der Flüchtlingsandrang kommt, in Zeiten schwacher Konjunktur zu einer steigenden Arbeitslosigkeit führt. Je länger die Konjunkturflaute andauert, desto höher ist die Gefahr, dass sich Arbeitslosigkeit verfestigt, sagt Wifo-Ökonom Mahringer. Im November waren etwa 146.000 Menschen seit über einem Jahr arbeitslos. Je länger jemand ohne Job ist, desto schwieriger ist es in der Regel, einen neuen zu finden.

Ob Österreich nur in einer Konjunkturflaute steckt oder sich eine Arbeitsmarktflaute dazugesellt, wird sich wohl erst in ein paar Jahren seriös beurteilen lassen. Um ein größeres Strukturproblem am Arbeitsmarkt feststellen zu können, sagt der Ökonom Herbert Walther, brauche es erst einmal wieder einen kräftigen Konjunkturaufschwung. Wenn die Arbeitslosigkeit dann weniger stark zurückgehe, als das früher in Boomphasen in Österreich der Fall gewesen sei, dann habe man wirklich einen Beweis, so Walther. (Andreas Sator, 4.12.2015)

Links

Papier der Agenda Austria: Das Geheimnis hinter der Rekordarbeitslosigkeit

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Arbeitslosigkeit in Österreich: Das Ende eines Musterschülers

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    foto: apa / dpa / julian stratenschulte

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