An der Grenze zu Mazedonien: "Nicht nach vor und nicht zurück"

4. Dezember 2015, 07:00
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Viele Flüchtlinge sagen, sie würden eher sterben, als zurück in die Heimat zu gehen

Gevgelija – Die Hoffnung und die Verzweiflung liegen nur ein paar Meter voneinander entfernt, als wären sie getrennte Zwillinge. Auf der Seite der Hoffnung befinden sich die Afghanen, die Iraker und die Syrer. Sie stellen sich in Reihen an, um in den Zug zu steigen, der sie an die serbische Grenze bringt. Zuerst die Syrer, dann die Afghanen, so ist heute die Ordnung. Hier in Gevgelija an der griechisch-mazedonischen Grenze geht es darum, welcher Nation man angehört. Denn Deutschland will in Zukunft nur mehr Kontingente von Syrern und Irakern aufnehmen. Und Gevgelija ist der Ort, wo dieser neue EU-Flüchtlingsfilter erprobt wird.

Die Logistik in Gevgelija hat das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR übernommen. Vor ein paar Wochen gab es hier kein einziges Klo – jetzt gibt es saubere, weiße, riesige Zelte, Duschen und WCs für Frauen, Duschen und WCs für Männer, Hinweisschilder, ein Zelt mit Spielsachen und Kindergärtnerinnen für Flüchtlingskinder. Nur der Weg ist noch gesäumt von Schuhen, Jeans, Plastiksackerln, alles Zeugen der letzten Monate. Denn hier sind Hunderttausende diesen Sommer und Herbst über die Grenze gelaufen.

"Go, go, go!" hört man die Leute rufen, die etwa einen Kilometer weiter hinter den Büschen von der Polizei und dem Stacheldraht aufgehalten werden. Es ist die Seite der Verzweiflung. Seit dem 18. November werden die Menschen in Kriegsflüchtlinge und Wirtschaftsflüchtlinge aufgeteilt. Deshalb kann es leicht passieren, dass man gefragt wird, ob man nicht einen syrischen Pass besorgen könne.

Die Selektion stiftet Neid und Aggression. Denn die einen sehen die anderen über die Grenze marschieren. "Wieso dürfen die Syrer nach Deutschland? Wir wollen auch nach Deutschland. Die Syrer könnten ja in Griechenland bleiben", sagt ein Iraner. Andere Flüchtlinge behaupten wiederum, dass manche Iraner sich als Afghanen ausgeben würden, um nach Deutschland zu kommen.

"Ist es nicht schön hier?"

Die Marokkaner, die hier im Schlamm warten, sind zudem gekränkt, weil angeblich einige Syrer gelacht haben, weil sie nicht weiterkamen. Der Himmel ist weit, das Land ist flach hier. Man sieht nur bis zum nächsten Busch. Der Regen wird immer kälter und dichter. "Ist es nicht schön hier? So eine frische Luft!", versucht es ein Marokkaner mit Sarkasmus. Die Erde ist durchnässt. Das Wasser dringt von unten und von oben in sein kleines blaues Zelt. Er hat versucht, über die Grenze zu kommen, doch die Polizei hat ihn erwischt und mit dem Schlagstock zurückgetrieben.

Die Gestrandeten harren aus. Die meisten sagen, dass sie lieber sterben würden, als nach Hause zu fahren. Immer wieder rennen sie gegen die Polizisten an, die hier an der Grenze stehen. Oder versuchen über den neu gebauten Zaun zu kommen. Die Polizei setzt Tränengas ein. Am Donnerstag stirbt ein Mann, als er versucht, auf einen durchfahrenden Zug zu klettern. Er erleidet einen Stromschlag. Solche Unfälle gibt es immer wieder in Gevgelija.

Clowns spielen mit Kindern

Auch auf der Seite der Verzweiflung gibt es große Zelte des UNHCR, und auch Ärzte ohne Grenzen sind vor Ort, Clowns spielen mit den Kindern. Andererseits berichten Flüchtlinge, dass sie zu wenig zu trinken und zu essen hätten. Jedenfalls haben nicht alle bei dem strömenden Regen in den großen Zelten Platz. Es ist ein Lager voller trauriger Fluchtgeschichten, zu denen sich nun auch noch die Enttäuschung gesellt. Manche reagieren hier mit Trotz und Schreien. Andere reagieren mit Stille, wie die Gruppe von Nepalesen.

Sie haben sich ein Feuer gemacht, um Reis und Tee zu kochen. Die 35 jungen Leute haben durch das Erdbeben im April alles verloren. Sie verließen ihre Heimat, um im Irak Arbeit zu suchen. Som Raj Gusung erzählt, dass er bei der Firma Falcon als Sicherheitswärter gearbeitet habe, aber Falcon habe ihm das Geld nicht ausgezahlt, und so sei er mit den anderen in Richtung Europa aufgebrochen. Die Nepalesen in Gevgelija fallen auf, weil sie so höflich sind. "Bitte schön, Madam, wir wollen wirklich nichts Illegales machen", sagt Som Raj. Und zurück? "Bitte schön, Madame, in Nepal stehen wir vor dem Nichts."

Ruhe wie Schockstarre

Auch der 20-jährige Pakistani Rizwan reagiert mit Ruhe, die wie Schockstarre wirkt. Als er vor zwei Wochen hier nach Gevgelija gekommen ist, war sein Kopf bereits voller schrecklicher Bilder. Bei der Überfahrt von der Türkei nach Lesbos war das Plastikfloß, auf dem er saß, durch eine große Welle, die ein Schiff verursachte, gekippt. Die 15 Flüchtlinge landeten im kalten Meer, zwölf von ihnen ertranken vor Rizwans Augen, er selbst kämpfte sich eineinhalb Stunden durch die Wellen.

"Wir sind in der Nacht ohne Motor und ohne Licht aufgebrochen. Denn untertags kann man wegen der Kontrollen an der türkischen Küste nicht mehr losfahren", erzählt er. Die griechische Armee hat Rizwan gerettet. Und jetzt? Wieder nach Pakistan? "Ich habe mir einen Kredit über 5000 Euro genommen, um hierherzukommen", sagt er. "Den kann ich nie zurückzahlen, wenn ich heimmuss. Außerdem war mein Vater dagegen, dass ich losfahre. Ich kann nicht vor und nicht zurück."

Blumen für Polizisten

Rizwan tut es längst leid, dass er die Reise angetreten hat. Aber als er losfuhr, war die Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien noch für alle offen. Auch für die Iraner, die hier in Gevgelija so etwas wie die Protestexperten sind. Sie schreiben die größten Plakate, klettern auf die Bäume, machen Sitzstreik auf den Geleisen, um die Durchfahrt der Züge zu verhindern. Manche nehmen Blumen in die Hand und übergeben sie den mazedonischen Polizisten. Sie haben so etwas wie einen Pressesprecher und weisen die Journalisten darauf hin, was sie fotografieren sollen.

Die meisten von ihnen sprechen allgemein darüber, dass sie "Freiheit" wollen, wenn man sie nach ihren Fluchtgründen fragt. Persönliches erzählen sie nicht. Ein hübscher und äußerst gut angezogener Rap-Musiker aus Teheran sticht aus der Menge heraus. "Ich will endlich ohne Einschränkungen Musik machen", sagt er. (Adelheid Wölfl, 4.12.2015)

  • An der griechisch-mazedonischen Grenze werden nur noch Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak durchgelassen.
    foto: reuters / alexandros avramidis

    An der griechisch-mazedonischen Grenze werden nur noch Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak durchgelassen.

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