"Vor hundert Jahren und einem Sommer": Die Auflehnung des Schwachen gegen das Starke

3. Dezember 2015, 16:39
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Jürgen-Thomas Ernsts zweiter Roman

Wien – Schon der erste Satz in Jürgen-Thomas Ernsts Roman Vor hundert Jahren und einem Sommer (Braumüller) offenbart das Talent des Autors, Wahrnehmungsmuster zu brechen und neu von den Dingen zu sprechen. Es ist die Zeit um die Jahrhundertwende und den Ersten Weltkrieg, in die der Vorarlberger Schriftsteller in diesem Buch, es ist sein zweiter Roman, zurückblendet und gekonnt die Gattungen historischer Roman und Märchen verschränkt.

Annemie wird als uneheliches Kind in eine Zeit geboren, in der die Schande ihre ledige Mütter beinahe ins Wasser treibt. Eine glückliche Wendung führt das Kind in das Dorf der Kirschen, wo Zieheltern warten und für das Mädchen sorgen. Mit Spannung folgt man dem Wachsen dieses eigentümlichen Mädchens, das lernt, "Gunst und Gnade unter die Menschen" zu bringen und dem Gift der Eibe zu trotzen. Annemie weiß auch, was die Kirschbäume des Dorfes benötigen.

Dorf der Kirschen

Als Annemie älter wird und die Eifersucht der Ziehmutter erwacht, muss sie wie Jonathan, der Junge, mit dem sie mehr verbindet als geschwisterliche Liebe, das Dorf verlassen. Damit beginnt ein Leidensweg. Annemie findet aber zurück ins Dorf der Kirschen, trifft dort auch Jonathan und den Ziehvater wieder. Kurz dürfen die drei glücklich sein und Kirschen ziehen, sogar im Winter, denn dafür hat ein Fabrikant viel Geld versprochen. Alle Pläne gehen auf, aber die Harmonie ist nur vorläufig. Der Krieg reißt Jonathan fort.

Bei den Kapiteln aus den Schützengräben wird die Kraft des Erzählers nochmals deutlich. Die Allgemeingültigkeit des Märchens erlaubt den Blick auf das Besondere der Historie. Ernst verzichtet größtenteils darauf, den Dingen, Orten und Menschen Namen zu geben. Stattdessen definiert er Funktionen. Auf eigenartige Weise gewinnt der Leser so Abstand zu den Geschehnissen, während all das, was benannt wird, deutlicher hervortritt: Annemie, Jonathan, ihr Kind Jonamie und die Zeit selbst. Sie spielt die heimliche Hauptrolle.

Nach dem Krieg und am Ende des Romans sitzen alle wieder beieinander und glauben "es kommen wunderbare Tage". Ein schönes Ende. Aber das Märchen ist eben ein düsteres, und der Leser dieses Romanes über die Auflehnung des Schwachen gegen das Starke weiß, was nach dem ersten großen Krieg kommt. (Florian Kutej, 3.12.2015)

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