Wenig Wohnangebot für Menschen mit Behinderung

3. Dezember 2015, 14:13
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Menschen mit Behinderung haben es auf Wohnungssuche nicht leicht. Oft hapert es an der Barrierefreiheit

Seit einem Unfall vor neun Jahren ist Iris H. auf Hilfe angewiesen. Erst war die 39-Jährige halbseitig gelähmt, heute geht sie am Stock. Auch ihr Kurzzeitgedächtnis ist beeinträchtigt. Ihre Mutter wünscht sich, dass Iris H. später, nach dem Tod der Eltern, nicht vereinsamt. Sie sucht daher im Raum Wien nach betreubaren Wohnprojekten. Bisher sei sie aber nur auf Angebote für Senioren oder Schwerbehinderte gestoßen: "In so einem Projekt werde ich ja depressiv", sagt Iris H. zum STANDARD.

"Es ist nicht einfach, für Menschen mit Behinderung eine passende Wohnung zu finden", meinte auch Sandra Bauernfeind von EHL Immobilien kürzlich bei einer Veranstaltung über betreubares Wohnen. Oft scheitert es an der Barrierefreiheit: "Es gibt fraglos zu wenig barrierefreie Wohnungen in Österreich", sagt Erwin Buchinger, Anwalt für Gleichbehandlungsfragen für Menschen mit Behinderung. Und auch der Verein Bizeps, eine Beratungsstelle für behinderte Menschen und deren Angehörige, bestätigt das.

Vermietern sei mitunter nicht bewusst, was barrierefrei wirklich bedeutet und dass ein Aufzug allein nicht genügt. Auch Aspekte wie Wendekreise und Türbreiten müssten beachtet werden. Laut Buchinger scheitert es auch oft an Problemen im Sanitärbereich.

Kostentreiber Barrierefreiheit

Die Anforderungen in puncto Barrierefreiheit werden im Neubau in den Bauordnungen und Bautechnikverordnungen der Länder festgeschrieben. Laut Wiener Bauordnung müssen Wohnungen "so gestaltet sein, dass sie nachträglich für die Benutzung durch behinderte Menschen ohne erheblichen Aufwand anpassbar sind".

Das sorgt immer wieder für Kritik – zuletzt etwa bei der Präsentation eines Maßnahmenkatalogs der "Plattform Wohnungsbau", die Barrierefreiheit als Kostentreiber im Wohnungsneubau nennt (der STANDARD berichtete). Die Forderung der Plattform: Allgemeine Erschließungsflächen sollen auch weiterhin barrierefrei zu errichten sein, während nur ein Teil der Wohnungen bei Bedarf adaptierbar gestaltet werden soll, wie das etwa in der steirischen Baugesetznovelle 2015 geregelt wurde.

Eine Deckelung des Wohnungsanteils mit Barrierefreiheit hält Buchinger wiederum für nicht sinnvoll. Barrierefreiheit würde laut einer Studie der ETH Zürich von 2003 abhängig von der Größe zwischen 0,15 und drei Prozent der Bausumme kosten, wenn sie von Anfang an miteingeplant wird. Der Durchschnitt liege bei 1,8 Prozent. "Das entspricht in etwa den Kosten der abschließenden Baustellenreinigung", meint Buchinger.

Projekt in der Seestadt

Eine Wohnform, die für Menschen wie Iris H. interessant sein könnte, gibt es seit heuer in der Seestadt Aspern: Mit dem generationenübergreifenden "Haus im Leben" des Bauträgers BWSG sollen Menschen mit Behinderung, Senioren, aber auch junge Familien angesprochen werden.

Durch eine Wohnbetreuung unterstützt, soll den Bewohnern dabei geholfen werden, ihr nachbarschaftliches Miteinander selbst zu organisieren, berichtet der Gründer von "Haus im Leben", Anton Stabentheiner. Auch eine Anlaufstelle bei Problemen soll die Wohnbetreuung sein. Derzeit betreibt Stabentheiner noch ein Projekt in Vomp. Weitere Projekte sind in Planung, vor kurzem fand der Spatenstich für ein Projekt in Innsbruck statt.

Im Juni wurden die 34 Wohnungen in der Seestadt bezogen. "Die Nachfrage war groß", sagt Stabentheiner. Die älteste Bewohnerin ist 72, auch jüngere Menschen mit Betreuungsbedarf sind eingezogen. "Wir merken immer, wie Menschen mit Behinderung in diesen selbstständigen Wohnformen aufblühen", so Stabentheiner. Teils funktioniere ihre Betreuung durch ehrenamtliches Engagement der Nachbarn, etwa indem für jene gekocht wird, die das nicht selbst können. Teils wird mit externen Betreuungsorganisationen zusammengearbeitet.

"Die Grenze liegt in der Nacht", sagt Stabentheiner: Wer dauerhaft in der Nacht Hilfe brauche, der könne im "Haus im Leben" nicht versorgt werden. Die Bewohner würden das soziale Netzwerk und die dadurch entstehende Sicherheit schätzen. Die Kosten für die Wohnbetreuung – je nach Größe des Hauses kann das bis zu einer Vollzeitstelle sein – werden von allen Mietern getragen: Bei dem Projekt in Innsbruck werden diese 70 Cent pro Quadratmeter und Monat betragen.

Ähnliche Projekte gebe es hierzulande noch kaum, sagt Stabentheiner. In Deutschland und Skandinavien sei man dies bezüglich schon weiter. (Franziska Zoidl, 3.12.2015)

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