Krampus versus Nikolaus: "Brauchtum ist kein Erziehungsmittel"

4. Dezember 2015, 05:30
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"Bestrafung durch den Krampus beschädigt das Vertrauen zwischen Eltern und Kind", sagt Ursula Wisiak (Med-Uni Graz)

Der Krampus ist etwas sehr österreichisches. Beim Versuch, die Schreckensgestalt einem amerikanischen Publikum zu erklären, hatte Schauspieler Christoph Waltz so seine Schwierigkeiten. Außerhalb des Ostalpenraums ist der Krampus, der die "schlimmen" Kinder bestraft, kaum bekannt.

Doch was steckt hinter dieser Tradition? Was lernen Kinder aus diesem Brauchtum und ist es überhaupt noch zeitgemäß, sich vor einem kettenrasselnden Zottelmonster zu fürchten?

Traditionen stärken Familie und Freundschaften

Langer weißer Bart, Bischofsmütze, goldener Stab und rote Backen: So kennen wir den Nikolaus, der braven Kindern Nüsse und Mandarinen bringt, es darf aber auch ein neues Videospiel sein.

Begleitet wird er oftmals von einem zotteligen dunklen Gesellen, dem Krampus – auch als Kramperl, Partl oder Klaubauf bekannt. Der Name leitet sich vom mittelhochdeutschen Krampen ("Kralle") oder bairischen Krampn ("etwas Lebloses, Vertrocknetes") ab. Die Ankunft der Gestalt ist oft schon Tage vor dem traditionellen Krampustag ein viel diskutiertes Thema, steckt er doch unartige Kinder in seine "Krax’n" oder bestraft sie mit der Rute.

Viele kennen dieses Spiel zwischen Gut und Böse seit der Kindheit, viele haben sich deshalb im Zimmer eingesperrt, wenn der dunkle Geselle mit den Ketten rasselte. Oftmals halfen da nicht einmal mehr die beruhigenden Worte von Eltern oder Großeltern, auch der Nikolaus konnte oft nicht mehr viel tun.

Tradition stärkt Zusammenhalt...

Im Laufe der Zeit haben sich in allen Kulturen verschiedene Bräuche herausgebildet, die bis heute weitergetragen und gepflegt werden. Viele Traditionen beruhen dabei auf einem religiösen Hintergrund. "Riten und Bräuche geben dem Jahreslauf Konturen sowie eine symbolische Bedeutung von Religion und Welt", sagt Ursula Wisiak, Expertin für Medizinische Psychologie und Psychotherapie der Med-Uni Graz.

In Anlehnung an Ergebnisse der Resilienzforschung, also der Erforschung der psychischen Widerstandsfähigkeit, kann das Feiern eines traditionellen Tages ein wichtiger Beitrag sein. "Hier erleben Kinder die emotionale Präsenz von Eltern oder anderen wichtigen Bezugspersonen, die sie unterstützen, ihnen gegenüber zuverlässig sind, sie akzeptieren und achten", sagt Wisiak.

... aber: Brauchtum ist kein Erziehungsmittel

Im Brauchtum treten Nikolaus und Krampus immer gemeinsam auf. Durch dieses gemeinsame Erscheinen soll signalisiert werden, dass das Gute stets über das Böse siegt, weil ja der Krampus dem Nikolaus schlussendlich zu gehorchen hat. Dieser Hintergrund ist jedoch immer mehr verloren gegangen, und der Krampus bleibt schlechthin die Verkörperung des Bösen.

Er wurde auch als Erziehungsmittel eingesetzt, mit dem gedroht und bestraft wurde. Aus pädagogischer und psychologischer Sicht sei, so Wisiak, eine solche Art der Bestrafung als erzieherische Maßnahme vollkommen abzulehnen, da hier unter anderem eine ganze Liste von unerwünschtem Verhalten aus einem ganzen Jahr im Nachhinein geahndet wird.

"Wenn der Krampus im Dezember kommt kann sich das Kind an sein Fehlverhalten wahrscheinlich gar nicht mehr erinnern. Eine solche Bestrafung wirkt sich negativ auf die Beziehung zwischen Kind und Bezugsperson aus, wobei das Vertrauensverhältnis – man ist ja verraten worden! – getrübt wird", sagt Wisiak. Weiters werden das Selbstwertgefühl, die Motivation und das aktive Verhalten negativ beeinflusst. Kindliche Ängste können massiv aktiviert werden.

Daher sollten sich Eltern genau überlegen, wie sie ein Nikolausfest gestalten und ob sie den Krampus ins Haus lassen. Das bedeutet auch, sich sehr sorgsam mit dem Ritual des Nikolausbesuchs auseinanderzusetzen und dem bestellten Nikolaus – mit oder ohne Krampus – sehr genau mitzuteilen, wie man sich als Eltern den Ablauf wünscht. "Hinweise von den Nikolaus- und Krampusagenturen selbst, man würde den Ablauf kindgerecht gestalten, sind nicht ausreichend", so die Expertin.

Krampusläufe fragwürdig

Auch den Perchtenläufen in vielen Teilen Österreichs steht sie kritisch gegenüber. So hätten Nikolaus- und Krampusläufe haben einen enormen Aufschwung erlebt, mit dem ursprünglichen Brauchtum nur mehr wenig zu tun. Vielmehr werden oft Aggressionen ausgelebt, und so gibt es alle Jahre wieder Berichte von Eskalationen und Verletzten.

Traditionell hat immer auch ein Nikolaus dabei zu sein, da er ja das Oberhaupt ist. Leider, so Wisiak, seien diese Aspekte weitgehend verloren gegangen. Krampusläufe, bei denen schaurige Figuren heftig bis aggressiv agieren, versetzen durch Gebrüll, Glockengeläut sowie Ruten- und Kettenschläge Menschen und ganz besonders Kinder in Angst und Schrecken. Man sollte daher Kinder nicht unbedingt zu solchen Spektakeln mitnehmen. Der Nikolausabend ist vor allem ein Tag der Kinder, wo sie für ihr "Bravsein" das ganze Jahr hindurch gelobt werden (sollten). (red, 4.12.2015)

  • Der Krampus sollte nicht als Erziehungsmittel eingesetzt werden, sagt Expertin Ursula Wisiak von der Med-Uni Graz.
    foto: wikipedia/kohelet/public domain

    Der Krampus sollte nicht als Erziehungsmittel eingesetzt werden, sagt Expertin Ursula Wisiak von der Med-Uni Graz.

  • Auch Perchtenläufe, bei denen Angst und Gewalt im Vordergrund stehen, sieht sie kritisch.
    foto: wikipedia/johann jaritz/[cc;3.0 at; by-sa]

    Auch Perchtenläufe, bei denen Angst und Gewalt im Vordergrund stehen, sieht sie kritisch.

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