Streit um Geschlechtertrennung bei Kompetenzchecks für Flüchtlinge

3. Dezember 2015, 11:52
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Wiener AMS-Chefin weist Kritik von Integrationsminister Kurz zurück

Wien – Beim Wiener Arbeitsmarktservice ist man sauer. Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) hat zuletzt kritisiert, dass das AMS Wien Kompetenzchecks für Menschen aus Afghanistan, Syrien, dem Iran und Irak in getrennten Gruppen für Männer und Frauen abhalte – für ihn "falsch verstandene Toleranz". Kurz denkt bereits an Sanktionen, etwa eine Kürzung der Mindestsicherung.

"Keine einzige Beschwerde"

Für die Chefin des AMS Wien, Petra Draxl, geht die Diskussion am Thema vorbei. Es gebe "keine einzige Beschwerde" über gemischtgeschlechtliche Kurse vonseiten der Flüchtlinge, sagt sie im Gespräch mit dem STANDARD. Woher Kurz und Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) gegenteilige Informationen haben wollen, wisse sie nicht.

Kurzer Einschub: Der Sozialminister, vom Ö1-"Morgenjournal" mit der Wortmeldung des Integrationsministers konfrontiert, zog die These, dass Flüchtlinge nur separate Kurse für Männer und Frauen besuchen würden, nicht in Zweifel. Einzig seine Schlussfolgerung war eine andere: Man müsse arabischen Flüchtlingen "einen kleinen Schritt" entgegenkommen. Gleichzeitig vergaß er nicht zu erwähnen, dass "umgekehrt vollkommen klar ist, dass vermittelt wird, bei uns ist das Leben anders".

Der Sprecher Hundstorfers sieht in den Aussagen Draxlers keinen großen Widerspruch zu jenen des Ministers. Schließlich habe auch Hundstorfer darauf aufmerksam gemacht, dass Frauen und Männer unterschiedliche Qualifikationen mitbringen und andere Zugänge haben. "Was das AMS sagt, zählt. Das sind die Experten, sie sind näher dran", sagt der Sprecher zum STANDARD.

Tausende gemischte Deutschkurse

Draxl kann die Debatte der Politiker nicht nachvollziehen: Bei mehr als 22.000 Deutschkurs-Teilnahmen in diesem Jahr seien gemischte Gruppen selbstverständlich. Während bei Sprachkursen das Bildungsniveau der Teilnehmer das Kriterium dafür sei, wie ein Kurs zusammengesetzt werde, habe man sich bei den Kompetenzchecks daran orientiert, welche Berufserfahrungen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen mitbringen. Als Versuch, der sich bewährt habe.

Warum man bei der Gruppe tschetschenischer oder russischer Zuwanderer ohne Geschlechtertrennung arbeite? Das Geschlechterverhältnis der Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien, dem Irak und Iran liege nun einmal bei rund 80 Prozent Männern und 20 Prozent Frauen. Viele der Männer waren in ihrem Herkunftsland Maler, Elektriker, haben am Bau gearbeitet. Kurz: Der Arbeitsmarkt sei dort sei stark segregiert. Was jetzt in Österreich durch den hohen Anteil männlicher Kursteilnehmer noch stärker ins Gewicht falle. Also mache das AMS, "was wir seit 30 Jahren auch für Österreicherinnen machen": gezielte Beratung und Förderung von Frauen. Übrigens bietet auch der Integrationsfonds, der dem Ministerium von Kurz untersteht, Schulungen für muslimische Frauen an.

Unterstützung bekommt Draxler von ihrem Chef. AMS-Leiter Johannes Kopf bestritt im Ö1-Mittagsjournal, dass die Geschlechtertrennung ein Entgegenkommen an kulturelle Bedürfnisse von Flüchtlingen: "Es gab keinen einzigen Fall, wo sich ein Kunde beschwert hätte, er ginge nicht in einen Kurs, weil dort eine Frau drinnen sitzt."

Ihre Fertigkeiten, unsere Logik

Zum besseren Verständnis, was überhaupt mit dem Kompetenzcheck gemeint ist: ein fünfwöchiger Kurs mit verschiedenen Modulen, darunter ein Block, der erklärt, über welche Qualifikationsmaßnahmen ein bereits im Herkunftsland ausgeübter Beruf in Österreich wieder aufgenommen werden kann. Im Coaching wird festgestellt, welche Voraussetzungen einzelne Personen dafür erfüllen müssen. Draxl: "Die Menschen kommen mit ihren Berufsfertigkeiten in unsere Logik." In einigen Bereichen kann auch in der Praxis erprobt werden, über welche Fertigkeiten ein Kursteilnehmer verfügt. Laut Draxl ist das vor allem in handwerklichen und technischen Berufsfeldern möglich, jedenfalls überall dort, wo dem AMS Werkstätten zur Verfügung stehen.

Spätestens im Mai muss zur weiteren Zusammenarbeit mit Betrieben eine Ausschreibung erfolgen. Hier will man künftig auch Firmen einbinden und diese für den Probebetrieb mit den Flüchtlingen bezahlen. Sodass etwa auch ein Bäcker seine Fertigkeiten in der Praxis zeigen kann. Die Trennung in männliche und weibliche Gruppen will das AMS Wien aufrechterhalten, 8.000 weitere Kompetenzchecks will man auf diese Weise kommendes Jahr durchführen – mit der Option auf Ausweitung.

"Handlungen statt Ankündigungen"

Für den Integrationsminister hat Draxl folgende Nachricht: "Ich warte immer noch auf die Deutschkurse von Herrn Kurz." Gemeint sind jene sechs Millionen Euro, die das Integrationsministerium für zusätzliche Deutschkurse angekündigt hat. Auch das für Herbst versprochene Anerkennungsgesetz "erwarten wir sehr dringend". Oder, noch deutlicher: "Ich ermutige Herrn Kurz, Handlungen zu setzen statt Ankündigungen."

Was die Deutschkurse anlangt, spüre man die versprochenen zusätzlichen Mittel in Wien noch nicht. Draxl: "Momentan tragen wir dieses System zu 70 Prozent." Die gesetzliche Anerkennung von Berufsqualifikationen scheitere wiederum an zu hohen Anforderungen an anerkannte Asylwerber.

Draxl verspricht sich von einem Anerkennungsgesetz, wie es Deutschland bereits hat, dass unter anderem Arbeitszeiten besser anerkannt werden. Bei Nostrifizierungen solle ein niedrigeres Sprachniveau ausreichen. Derzeit müssen etwa Sprachkenntnisse auf C1-Niveau vorgewiesen werden, was der Kompetenz eines Muttersprachlers gleichkommt. Draxl macht es am Beispiel einer syrischen Zahnärztin fest: Deren 15-jährige Erfahrung im Job habe in Österreich bislang keine Bedeutung, hinzu kommen die Sprachanforderungen und durchschnittlich zwei Jahre weiteres Studium zur Nostrifizierung des bereits im Herkunftsland erworbenen akademischen Titels.

Aber auch für Nichtakademiker brauche es Erleichterungen: "Den Lehrberuf gibt es nur in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Diese Menschen bringen trotzdem Qualifikationen mit." Hier brauche es Reformen des Gesetzgebers. (riss, koli, 3.12.2015)

  • Artikelbild
    foto: apa/herbert neubauer
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