Parfümeurin: "Riechen ist wie Gymnastik"

Interview13. Jänner 2016, 16:37
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Marie Salamagne hat für Sensai und den Modedesigner Azzedine Alaïa Düfte kreiert – Einblick in olfaktorische Selbstfindungsprozesse

Marie Salamagnes Stimme klingt wie die eines jungen Mädchens. Ganz hell und unbeschwert. Dabei ist sie gerade enorm unter Druck. Die großen Erfolge der letzten Jahre haben die Französin, die für den Chemie- und Parfumkonzern Firmenich arbeitet, zu einer der gefragtesten Parfümeurinnen der Welt gemacht. Ihr Schreibtisch in der Pariser Niederlassung ist voll kleiner Fläschchen, die das Bild eines wohlgeordneten Durcheinanders abgeben.

STANDARD: Wie würden Sie Ihre Arbeit als Parfümeurin eines großen Duftkonzerns beschreiben?

Marie Salamagne: Aktuell laufen 15 Projekte gleichzeitig. Das spiegelt sich hier auf meinem Schreibtisch wieder. Jede Gruppe von Fläschchen ist ein eigenes Duftprojekt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich gleichzeitig nur an wenigen großen Parfums, aber an vielen kleinen, etwa Erweiterungen eines Dufts, arbeiten kann.

STANDARD: Bringen Sie nicht alles durcheinander?

Salamagne: Nein. Riechen ist wie Gymnastik. Unser Geruchssinn lässt sich trainieren. Wenn ich von einem Projekt ins andere wechsle, ist das so, als ob ich Turnübungen machen würde. Dazwischen lüfte ich oder trinke ein Glas kaltes Wasser. Das neutralisiert.

STANDARD: Die Liste der Parfums, die Sie kreiert haben, ist lang. Sie haben unter anderem für Guerlain zwei Parfums für die Aqua-Allegoria-Linie entworfen, haben für Jo Malone, Kenzo und Maison Martin Margiela gearbeitet, um nur einige zu nennen. Wie können sich Laien die Entwicklung eines Parfums vorstellen?

Salamagne: Die Liste meiner Parfums ist meine Visitkarte, gibt einen Eindruck in meine Arbeit, meinen Stil. Es ist mit der Fotomappe eines Fotografen vergleichbar. Insofern kann sich jeder jederzeit einen Eindruck meiner Arbeit verschaffen, auch Kunden, die ein neues Parfum planen.

STANDARD: Parfums sind in den letzten Jahren für viele Marken Accessoires geworden. Wie läuft die Entwicklung ab?

Salamagne: Unterschiedlich. Der japanische Konzern Kanebo hat für seine Sensai-Linie eine klar definierte Markenwelt. Seide ist wichtig, das Gefühl von Wärme, Geborgenheit. Femininität ist wichtig, viele Werbesujets sind in Beige gehalten. Diese visuelle Darstellung einer Marke inspiriert mich, eine olfaktorische Entsprechung zu finden.

STANDARD: Was ist eine Herausforderung?

Salamagne: Genaue Vorstellungen eines Kunden. Azzedine Alaïa wollte ursprünglich ein Parfum, das wie eine heiße Mauer riecht, auf die kaltes Wasser gespritzt wird. Das ist ein faszinierender Ansatz. Die Herausforderung war, dass Alaïa auch eine animalische Note in diesem Heiß-kalt-Spiel wollte.

STANDARD: Wie verläuft eine Entwicklung konkret?

Salamagne: Nach dem Briefing mache ich einen Vorschlag. Es ist so etwas wie eine Skizze, eine Absichtserklärung sozusagen, in welche Richtung es gehen könnte. Wenn es gefällt, arbeite ich die Idee aus. Bis zum fertigen Parfum dauert es meist zwei Jahre. Und es kommt vor, dass sich im Laufe eines Projekte alles komplett noch einmal ändert.

STANDARD: Haben Sie als Parfümeurin Vorlieben?

Salamagne: Ich habe Vorlieben, ganz klar. Ich mag Hölzer, ich mag Amber, ich mag Patchouli, und zwar vorbehaltlos. Das hat sicherlich auch mit meiner Prägung zu tun. Ich bin in Shalimar von Guerlain aufgewachsen. Es war das Parfum meiner Mutter. Lustigerweise hatte ich aber immer schon gerne Männerparfums – Eau Sauvage von Dior zum Beispiel oder Z Jazz von Lagerfeld. Doch ich beschränke mich keineswegs darauf.

STANDARD: Sondern?

Salamagne: Es gibt Rohstoffe, die ich nicht so gerne habe, aber trotzdem verwende, weil sie einer Rezeptur eine Note geben, die ich ohne einfach nicht erreichen würde. Bei Parfums geht es immer um Dosierung. Ein Inhaltsstoff in Überdosis kann entsetzlich sein, in geringen Mengen aber eine Offenbarung.

STANDARD: Was passiert, wenn einem Kunden Ihr Vorschlag einfach nicht gefällt?

Salamagne: Der Geruchsinn ist einer der ältesten Sinne des Menschen. Und was ein Wohlgeruch ist, hängt von der kulturellen Prägung ab. Wenn also einem Kunden einer meiner Vorschläge nicht gefällt, hat es überhaupt keinen Sinn, dafür zu kämpfen. Rationale Argumente greifen nicht. Das ist uns Parfümeuren bewusst. Das Beste, das mir in der Entwicklung eines Parfums passieren kann, ist ein Gegenüber mit einer ähnlichen Sensibilität. Die Chemie muss stimmen, im wahrsten Sinne des Wortes.

STANDARD: Ist es von Vorteil, in einem großen Konzern zu arbeiten?

Salamagne: Es gibt für Parfümeure nicht viele Arbeitsplätze. Dass ich diesen Beruf ergreife, war Zufall. Als Medizinstudentin habe ich die Ausbildung an der Hochschule Isipca in Versaille entdeckt. Es ist eine der wenigen Schulen, an der man Parfümerie lernen kann. Ich habe mich damals gerade mit Chemie beschäftigt, diese Verbindung aus Naturwissenschaften und einem künstlerischen Ansatz ist mir gelegen. Doch erst, wenn man zu arbeiten beginnt, lernt man den Beruf, profitiert enorm von der Erfahrung der Kollegen.

STANDARD: Wer hat Sie geprägt?

Salamagne: Mein Lehrer bei Firmenich, der Parfumeur Olivier Cresp. Er war von Anfang an mein Mentor, bis heute arbeite ich mit ihm Tür an Tür. Wenn ich in einem Projekt nicht weiterkomme, frage ich ihn um Rat. Er bringt immer neuen Wind. Wir riechen dann gemeinsam, sehen uns die Rezepturen durch und teilen Ideen. Ich sage immer, wir sind wesenverwandt.

STANDARD: Welche Rolle spielen die Rohstoffe?

Salamagne: Eine große. Würde ich nur die allerteuersten Rohstoffe verwenden, ergäbe sich daraus kein gutes Parfum. Was zählt, ist die Rezeptur.

STANDARD: Können Sie als Parfümeurin einen guten von einem schlechten Duft unterscheiden?

Salamagne: Dieselbe Frage könnte man Schneidern oder Künstlern stellen. Wie tragbar sind Kleider? Wie schön ist ein Bild? Es ist eine Geschmacksfrage. Was ich allerdings schon erkenne, ist das Talent eines Parfümeurs und seiner Arbeit. Wenn ich ein Parfum rieche, kann ich sagen, dass ich es so nie und nimmer machen würde, aber ich kann die Idee dahinter anerkennen. Tuberose ist zum Beispiel nicht so meines, ich habe aber Kollegen, die fantastische Sachen damit machen.

STANDARD: Was inspiriert Sie in Ihrer Arbeit?

Salamagne: Ehrlich gesagt ziemlich alltägliche Dinge. Essen zum Beispiel. Ich bin berufsbedingt sehr viel unterwegs, das ist auch das Schöne an diesem Beruf. Ein Wechsel zwischen den Kulturen ist für den Geruchssinn immer aufregend. Als Parfümeurin versuche ich, neue Eindrücke, neue Geschmacksrichtungen in einem Parfum einzufangen, sie mit den mir zur Verfügung stehenden Substanzen nachzubauen. Und wie einem das gelingt, ist dann wiederum auch eine Charaktersache.

STANDARD: Wie bewahren Sie den Überblick?

Salamagne: Über den Computer. Das Ergebnis eines Arbeitstages sind Rezepturen, die ich ins Labor schicke. Eines kann ich garantieren, jede Formulierung eines Parfums ist ganz sicher immer auch ein Teil meiner Seele. (Karin Pollack, RONDO, 13.01.2016)

  • Marie Salamagne arbeitet immer gleichzeitig an mehreren Projekten, eine Reise zwischen Kulturen, sagt sie.
    foto: kanebo

    Marie Salamagne arbeitet immer gleichzeitig an mehreren Projekten, eine Reise zwischen Kulturen, sagt sie.

  • Marie Salamagnes akutellste Parfumkreationen: Silk von Sensai und Alaïa von Azzedine Alaïa.
    foto: kanebo

    Marie Salamagnes akutellste Parfumkreationen: Silk von Sensai und Alaïa von Azzedine Alaïa.

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