Atomic-Boss: "Jeder Vollidiot kann heute im Tiefschnee fahren"

Interview6. Jänner 2016, 08:00
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Wolfgang Mayrhofer über das Ende des Snowboards und seinen letzten Sturz

STANDARD: Als sich die Jugend seinerzeit dem Snowboard zuwandte, war dies vor allem ein Aufbegehren gegen die konservative Welt des Skifahrens. Inzwischen gibt es eine neue Generation auf der Piste. Manche sagen, die Tage des Boards wären gezählt.

Wolfgang Mayrhofer: Skifahren war seinerzeit wirklich uncool und der Fun-Faktor aufgrund der wenigen Entwicklungen beschränkt. Snowboarder hörten außerdem gute Musik, trugen lässige Kleidung etc. Das brachte eine gute Belebung für den Wintersport und letztlich auch für den Skisport, denn bald schon, so um 1993, kam der taillierte, also der Carving-Ski, der auf der Piste plötzlich viel mehr möglich machte.

STANDARD: Wie steht es ums Snowboard?

Mayrhofer: Die Tage des Snowboards sind nicht gezählt, aber die Skifahrer sind längst auch wieder cool. Das liegt an vielen Entwicklungen, vor allem aus den USA. Das Board kam übrigens auch aus den Staaten.

STANDARD: Heute gibt es Carver, Rocker, All-Mountain usw. Es ist mittlerweile gar nicht leicht, sich in diesem Wald auszukennen. Wie findet man heute den richtigen Ski?

Mayrhofer: Im Prinzip gibt es drei große Playgrounds: Skier für die Piste, die All-Mountain-Skier für die Piste und für abseits sowie den Backcountry inklusive Touring in verschiedenen Breiten für jene, die nur abseits der Piste fahren wollen.

STANDARD: Wobei Tourenskier über immer bessere Abfahrtseigenschaften verfügen und der Freeride-Ski immer leichter wird. Die Bereiche nähern einander also an.

Mayrhofer: Absolut. Im Backcountry stecken Freeski und Tourenski.

STANDARD: Gibt's einen Ski der Stunde?

Mayrhofer: Wir sprechen von zwei Strömungen. Auf der einen Seite geht's um Racing, Performance, Stabilität und Beschleunigung auf der Piste. Die zweite Aufgabe lautet, leichte Produkte zu bauen, also Backcountry-Ski, Tourenski. Wenn sich diese zwei Strömungen in der Mitte treffen, hast du einen leichten Ski mit guter Performance. Bei uns heißt dieser Ski Vantage aus der All-Mountain-Linie. Eine Art Hybrid.

STANDARD: Wenn man sich die Entwicklung der letzten 25 Jahre ansieht, stellt sich folgende Frage: Wird ein Ski auf den Markt gebracht und dann geschaut, was passiert, oder geschieht diese Entwicklung aufgrund konkreter Nachfragen und Anregungen?

Mayrhofer: Das Ganze basiert auf Scouting. Wir sind sehr viel unterwegs, auch an den echten Hotspots in den USA, wo wir uns anschauen, was die verrückten Kerle so aufführen und mit welcher Art von Material sie herumprobieren. Das ist sehr inspirierend.

STANDARD: Früher ging es der Jugend darum, wer den längsten Ski hatte. Zwei Meter musste ein Ski messen, damit man zu den Lässigen gehörte. Worauf kommt's heute an?

Mayrhofer: Ja, das stimmt, wenn man in der Gondel stand, musste der Ski einen deutlich überragen. Heute geht es mehr um das Design und Trendfarben, um Performance.

STANDARD: Gibt's diese kerzengeraden Zwei-Meter-Latten überhaupt noch?

Mayrhofer: Es gibt Produkte mit weniger Taillierung, aber die Form der alten Bretter ist verschwunden. Es macht mit den neuen Technologien einfach viel mehr Spaß. Diese bringen auch Menschen, die mit dem Skifahren bereits abgeschlossen haben, wieder auf die Piste ...

STANDARD: ... und viel weniger schlechte Skifahrer als früher. Man sieht kaum noch Menschen, die sich im Schneckentempo an einem Schwung abquälen.

Mayrhofer: So ist es. Verzeihen Sie mir die Ausdrucksweise, aber mit den Skiern von heute kann jeder Vollidiot im Tiefschnee fahren.

STANDARD: Bezüglich Materialien sprechen wir heute von Carbon, Naturkautschuk, schichtverleimtem Holzkern, Fiberglas, sogar Granit kommt als Material im Ski vor. Wo führt das hin?

Mayrhofer: Holz ist immer noch der wichtigste Bestandteil, egal ob im Labor oder auf der Piste. Wir haben so viel probiert, aber ich glaube immer noch ganz stark an den Holzkern trotz all der anderen Hightech-Materialien, die natürlich auch zum Einsatz kommen. Es geht um den richtigen Mix. Das Thema, um das es geht, heißt Gewicht.

STANDARD: Der Ski der Zukunft wiegt also nichts mehr und bringt eine möglichst breite Performance?

Mayrhofer: So ist es.

STANDARD: Wie oft kauft man sinnvollerweise neue Skier? Es gibt ja keinen Kilometerstand.

Mayrhofer: Fährt man 20, 25 Tage pro Saison, würde ich raten, alle drei Jahre umzusteigen. Das entspricht auch dem Innovationszyklus, das heißt, alle drei Jahre mache ich mit dem Produkt einen großen Schritt.

STANDARD: Die Skifabrik von Atomic in Altenmarkt ist die größte der Welt. Wie sieht es mit Nachhaltigkeit aus?

Mayrhofer: Ski werden in einer Form gepresst, die auf 160 Grad erhitzt werden muss. Früher geschah das mit Öl, heute tun wir das zu 100 Prozent mit Hackschnitzeln, was null Emission ergibt.

STANDARD: Und was macht man mit einem alten Ski?

Mayrhofer: Mit einem alten Ski kann man nicht viel tun. Jene, die aus dem Skiverleih kommen, wandern in den Osten, in weniger entwickelte Skigebiete, andere Skier kommen in große Wintersport-Tauschbörsen. Bei Langlaufski haben wir begonnen zu recyceln. Beim Ski ist das noch ein Stück weit Zukunftsmusik.

STANDARD: Customizing – also maßgeschneiderte Produkte – ist in vielen Branchen ein großes Thema.

Mayrhofer: Man kann über unsere Website seinen eigenen Ski designen. Das ist allerdings ein sehr kleiner Bereich. Wir verkaufen gut 100 solche Skier pro Jahr – von circa 550.000. Das ist in erster Linie ein Brand- und Marketingtool. Durch diesen Bereich ist auch die Verweildauer auf unserer Website gestiegen.

STANDARD: Können Sie sich an Ihr erstes Paar Skier erinnern?

Mayrhofer: Ja, ich war vier Jahre alt, als ich sie bekam. Es klingt jetzt komisch, aber sie waren von Atomic – und weiß.

STANDARD: Ihr liebstes Skigebiet?

Mayrhofer: Ski Amadé, weil es direkt vor unserer Haustür liegt. International gesehen ist es Whistler in Kanada.

STANDARD: Ihr letzter Sturz?

Mayrhofer: In Obertauern im vergangenen April. Ich bin mit Tourenskiern irgendwo bei einer Latsche hängen geblieben und hab eine ziemliche Brezn gerissen. (Michael Hausenblas, RONDO, 6.1.2016)

Zur Person

Wolfgang Mayrhofer (Jg. 1960) ist seit 1986 bei Atomic beschäftigt. Er war Verkaufsleiter für Österreich, Area Manager für Österreich, Deutschland und die Schweiz, Vice President von Sales und Marketing und ist seit sieben Jahren General Manager.

www.atomic.at

  • Unterschied man früher zwischen Ski-, Langlauf- und Tourenski, ist es heutzutage gar nicht mehr einfach, sich im dichten Wald des Angebots auszukennen.
    foto: epa / jean-christophe bott

    Unterschied man früher zwischen Ski-, Langlauf- und Tourenski, ist es heutzutage gar nicht mehr einfach, sich im dichten Wald des Angebots auszukennen.

  • Wolfgang Mayrhofer: "Holz ist immer noch der wichtigste Bestandteil, egal ob im Labor oder auf der Piste."
    foto: atomic

    Wolfgang Mayrhofer: "Holz ist immer noch der wichtigste Bestandteil, egal ob im Labor oder auf der Piste."

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